Auf dem moralischen Meinungsmarkt

Cancel Culture Wird unsere Öffentlichkeit von den Logiken der sozialen Medien heimgesucht? Und was bedeutet das für die Meinungsfreiheit?
In einer der einflussreichsten Tageszeitungen der Welt tobt ein „Bürgerkrieg“, so die Ex-Meinungschefin Bari Weiss
In einer der einflussreichsten Tageszeitungen der Welt tobt ein „Bürgerkrieg“, so die Ex-Meinungschefin Bari Weiss

Foto: Ramin Talaie/Getty Images

Geht ein Gespenst um in den USA, so geistert es bald auch hier durch alle Kanäle. Was da gerade kettenrasselnd herumgeistert, hört auf den Namen „Cancel Culture“. In der New York Times, so twitterte die damalige Meinungsredakteurin Bari Weiss vor Kurzem, herrsche ein „Bürgerkrieg“ zwischen „social justice warriors“ unter 40 und Älteren, die Weiss als „Anwälte der Redefreiheit“ charakterisierte. Anlass für diese drastische Beschreibung war die Kündigung von James Bennett, der bis dahin die Meinungsseiten der Zeitung verantwortet hatte. Unter dessen Ägide war ein Gastbeitrag erschienen, in dem der republikanische Senator Tom Cotton gefordert hatte, die US-Armee zur Unterstützung der Polizei in denjenigen Städten einzusetzen, die „Randalierer“ im Zuge der George-Floyd-Proteste in die „Anarchie gestürzt“ hätten. Mehr als 1.000 Mitarbeiter forderten Bennetts Rücktritt, denn die Forderungen Cottons im Gastbeitrag gefährdeten schwarze Protestierende. Und Bennett ging daraufhin. Ein Fall von Cancel Culture?

Das Verb „cancel“ habe einen Bedeutungswandel erfahren, so das Online-Nachschlagewerk Merriam-Webster: War bis vor Kurzem darunter noch zu verstehen, dass Termine abgesagt werden, eine Briefmarke, die nicht mehr gültig ist, aus dem Verkehr gezogen wird, Zeitungs-Abos storniert oder Fernsehsendungen wegen schlechter Quoten abgesetzt werden, so geht es beim „Canceln“ heute eher um den „Entzug der Unterstützung für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Reaktion auf ihr anstößiges Verhalten oder ihre anstößigen Meinungen. Dazu können Boykotte oder die Weigerung, ihre Arbeit zu fördern, gehören.“ Wird etwas oder jemand gecancelt, so verschwindet es, er oder sie aus der Öffentlichkeit.

Der Begriff „Cancel Culture“, sagt der britische Journalist Owen Jones, kommt aus dem Internet-Slang junger Leute und meint, dass jemand nicht mehr die Achtung genießt, die er oder sie einmal genossen hat. Canceln hieß also zunächst, einer Person auf einem Social-Media-Kanal nicht mehr zu folgen. Tun das viele User, kann das dort, wo sich der Marktwert nach Followern bemisst, empfindlich werden. Und in dem Maße, in dem die sozialen Medien als Öffentlichkeit verstanden werden, schwindet der öffentliche Einfluss der „Gecancelten“. Nun kommt, wenn es um Achtung oder Missachtung geht, Moral ins Spiel. Kein Wunder, dass in der Marktlogik der Social Media oft moralische Argumente den Ausschlag geben: Gecancelt wird nicht ein Sänger für einen schlechten Song oder eine Schauspielerin dafür, dass sie eine miese Performance auf die Bühne legt. Sie sind als Personen, die bestimmten moralischen Kriterien nicht genügen, in der Öffentlichkeit nicht erwünscht. Und das wird laut und deutlich ausgesprochen: Nicht, weil sie schlechte Meinungen haben, sondern weil sie schlechte Menschen sind, werden sie gecancelt. Bari Weiss hat soeben ihre Kündigung bei der New York Times öffentlich gemacht. Ihre Stimme als Vertreterin der politischen Mitte finde kein Gehör in der Zeitung, dabei sei sie genau deshalb eingestellt worden: aus Diversitätsgründen quasi. Es habe persönliche Anfeindungen gegeben, unter anderem im betriebsöffentlichen Kommunikationssystem. Mitarbeiter widersprachen, wie schon im Fall Bennett und der Vokabel "Bürgerkrieg". „Cancel Culture“? Alexandria Ocasio-Cortez fühlte sich herausgefordert, klarzustellen, dass nicht jeder automatisch das Recht habe, in auflagenstarken Medien zu publizieren. Die Möglichkeit, dass der, der sich öffentlich als gecancelt darstelle, in Wirklichkeit für seine Aussagen zur Verantwortung gezogen werde oder einfach "unliked", sei hoch. Und cecancelt würden ja auch etwa Palästinenser und Antikapitalisten andauernd. Aber ist ein „Wie du mir, so ich dir“ tatsächlich der richtige Weg? Verstrickt man sich so nicht noch mehr in den moralischen Meinungsmarkt, der unsere Öffentlichkeit heimsucht?

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