Basso continuo

Protest In Berlin stellen sich Zigtausende gegen eine Partei, die bloß Klagen zu bieten hat: Sieg auf ganzer Linie! Sollte man meinen

Am Washington-Platz vor dem Berliner Hauptbahnhof steht eine Journalistin und spricht in ein Mikrofon. Ein Mann um die 60, gut gekleidet, tritt an sie heran: „Berichten Sie hübsch was Wahres“, sagt er, und dann, schon im Weggehen: „Lügenpresse!“ Eine Frau schwadroniert von Inzest und Islam, Kinder spielen mit blauen Luftballons samt rotem AfD-Logo. Vom AfD-Bundesvorstand finanzierte Deutschland-Fahnen werden verteilt. Der Platz ist ein Meer aus schwarz-rot-gelben Flaggen, als hätte die Nationalmannschaft schon den WM-Titel verteidigt. Aber da sind andere Flaggen und Plakate: „Finger weg von Höcke!“, steht auf einem selbstgemalten. Als der thüringische AfD-Landeschef von der Bühne herab begrüßt wird, brausen laute „Höcke“-Rufe auf. Plakate, die vor einer „Umvolkung“ warnen, und solche, auf denen ein verschleiertes Gesicht zu erkennen ist: „Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar.“ Eine Frau um die 30 hat sich ein Schild umgehängt: „Selbstbestimmung“. Eine andere, ältere trägt eine Deutschland- und eine Israel-Flagge am Körper. Ein Mann hält ein selbstgebasteltes Schild in die Höhe, „Shalom“ steht auf der einen, „Mir“ (Frieden) in russischen Lettern auf der anderen Seite.

Als sich der Zug in Bewegung setzt, haben unter anderen schon Beatrix von Storch über die „Schicksalsfrage Islamisierung oder Freiheit“ gesprochen und Marie-Thérèse Kaiser von der Initiative „Merkel muss weg“, die sich als „Leistungsträgerin von morgen“ vorgestellt hat. Das 23-jährige Model, das schlüpfrig-jovial verkündet hatte, dies sei ihr „erstes Mal“ hatte unter Jubel ausbuchstabiert, wofür die das Wort „Antifa“ stehe: „asozial“, „nutzlos“, „terroristisch“, „idiotisch“, „feige“ und „arbeitsscheu“. Der Protest eint die Menge, das Lager der Marktradikalen, denen Kaiser zuruft, das Leistung sich wieder lohnen müsse, und das Lager der Islam-Gegner, die auf die Formel von der „Einwanderung in unsere Sozialsysteme“ mit dem wiederholten Ruf nach „Abschiebung“ reagieren.

Die Szene wirkt apokalyptisch, wie im Zombiefilm. Als der Zug dann nach Absingen von Die Gedanken sind frei auf die am anderen Spreeufer versammelten Gegendemonstranten trifft und den Fahnenträgern ein tausendstimmiges „Nazis raus“ übers Wasser entgegenschallt, antworten die mit „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Im Zug: T-Shirts mit Aufdrucken wie „Lügenpresse in die Fresse“ und „Merkel in den Knast“. Und auch Symbole der Identitären Bewegung oder der „Soldiers of Odin“. Auf der Spree sind Boote unterwegs, hier skandieren sie „Nie wieder Deutschland“, prangern Rassismus und Neoliberalismus der AfD an. An den Polizeisperren protestieren Gegendemonstranten lautstark gegen das vorbeidefilierende Fahnenmeer: „Ganz Berlin hasst die AfD!“ Manchmal löst sich wer aus dem Tross, schleudert ihnen seinerseits ein „Nazis raus“ entgegen. Verkehrte Welt. Ein großer bärtiger Mann mit kahlem Schädel, der ein selbstgezimmertes Holzkreuz mit sich führt, verrichtet seine Notdurft an der Mauer des Bildungsministeriums. Ein Ordner hat sich schützend vor ihm postiert.

Viele schöne, junge Menschen

Der Pariser Platz ist umzingelt. Hinter dem Brandenburger Tor: die „Glänzende Demonstration“ – viele funkeln mit goldenen Wärmedecken, wie man sie von Bildern von Geflüchteten kennt. Im Tiergarten: „Reclaim Club Culture“, schöne, junge Menschen, die bei lauter Technomusik zu Zehntausenden hierher gezogen sind, eine Party wie die Love Parade in den 90ern, sagt mancher. Das Soundsystem der AfD ist aber auch gut, und die Polizei verhindert zu Pferd und mit Hundestaffeln direkte Konfrontationen. AfDler, die ihre Fahnen vor den Gegendemonstranten allzu provokativ schwenken, werden zurückgehalten, manchmal auch von eigenen Ordnern.

„Alle Gliedmaßen müssen harmonisch zusammen arbeiten“, beschwört der Chef der Berliner AfD, Georg Pazderdski, die Anhänger und zeigt damit noch einmal, worum es geht: Einheit, die sich auch angesichts eines sichtbaren, übermächtigen Gegners einstellt. Man fragt sich da, ob Berlin der guten Sache nicht einen Bärendienst erweist, indem es so zahlreich auf die Straße geht. „Sie lieben dieses Land nicht“ zieht dann auch Alexander Gauland in der letzten Rede der Demonstration „Zukunft Deutschland“ die Linie zwischen Freund und Feind, wird unterbrochen von einem Demonstranten, der auf einen Lautsprecher klettert. Der Spuk ist bald vorbei, geordnet bewegen sich die – die Zahlen sind widersprüchlich – 3.000 bis 5.000 zum Bahnhof, wo es vereinzelte Rangeleien geben und die Bahnhofshalle, die den Schall gut trägt, von „Nazis raus“- und „Haut ab!“-Rufen erfüllt sein wird.

Je nach Schätzungen haben sich am Sonntag zwischen 25.000 und 70.000 einer Partei entgegengestellt, von der keine Kritik, sondern nur Klage zu hören war: Über Sprechverbote, denen der gewährte Polizeischutz Hohn spottete. Über vermeintliche „Überfremdung“ eines Volkes, die die fröhliche Bevölkerung, die daran nicht glauben will, Lügen strafte. Ein wichtiges Zeichen, an diesem Sonntag in Berlin.

„Gewonnen!“, frohlockte mancher dann auch in den sozialen Medien. Doch das ist kurzsichtig , dient eher der Selbstvergewisserung. Schließlich ging es nicht um ein Fußballspiel. Was ist gewonnen, nach diesem Sonntag? Wer wäre gewonnen, gegen die AfD? Selbst wenn „Zukunft Deutschland“ gezeigt hat, dass das Potential der selbsternannten Bewegungspartei zukünftig geringer eingeschätzt werden muss, als gedacht, denn 10.000 Teilnehmer waren angekündigt: zu sehr bleibt der Gegenprotest in der Freund-Feind-Logik befangen, die die AfD zur Stärkung innerer Einheit zu nutzen sucht. Zu sehr bleiben ihre Gegner befangen in der Reaktion. Zehntausende hüben wie drüben hat am Sonntag wer auf die Straße gebracht? Die AfD. Das muss sich ändern, damit sich etwas ändert.

06:00 31.05.2018
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