Das Blatt kann plaudern!

Zeitung Das Feuilleton als geistige Lebensform hat alle Ressorts erfasst – sagen jetzt viele Feuilletonisten
Das Blatt kann plaudern!
Und wer hat's erfunden? Der Heinrich Heine

Foto: Hulton Archive/Getty Images

“Das Feuilleton ... ist zum Omnivore geworden ... , der sich nicht mehr nur die klassischen Künste einverleibt, sondern zugleich die Zeitgeschichte und die Soziologie, die Medien und die Medientheorien, die sozialen Netzwerke und Start-up-Projekte“, sagt Lothar Müller. „Die Frage, was das Feuilleton ist, ist schwer zu beantworten“, sagt Doris Akrap. Dass generell „eine ‚Feuilletonisierung‘ aller journalistischen Ressorts zu beobachten“ ist. „Manchmal wird mir nicht klar, warum ein Text im Sportteil steht; er könnte genauso gut im Kulturteil abgedruckt werden. ... Es besteht eine Wertschätzung für Sprache und Sprachbilder.“ Das liegt am „Charakter der Verspätung“, sagt Müller. „Wenn man sich fragt, warum ... die Sportteile ... montags so gut funktionieren, obwohl jeder Fußballinteressierte die Bundesliga-Ergebnisse längst kennt, dann hat das mit dieser Feuilletonisierung zu tun.“

„Feuilletonistische Texte sind unterhaltsamer“, weiß Akrap. „Im Feuilleton der zwanziger Jahre gab es dafür einen Begriff, das ‚Plaudern‘ “, so Müller. Dass „sich das Feuilleton in den letzten zwanzig, dreißig Jahren verändert hat: weg vom Rezensionsfeuilleton hin zum politischen Debattenfeuilleton“, beobachtet Sigrid Löffler: „Während sich die ganze restliche Zeitung feuilletonisiert hat – im Ton, in der Sprache, im Erzählduktus, in den verschiedenen Formaten, hat sich in dem gleichen Maße das Feuilleton politisiert ... Dadurch wurde alles, was politisch ist, und alles, was im Sport oder in der Sozialpolitik oder in der Forschung passiert, zu einem potenziellen Gegenstand des Debattenfeuilletons.“ Ekkehard Knörer sagt: „Das Feuilleton funktioniert ja immer auch ‚gegen‘ den Rest der Zeitung. Es macht sein eigenes Ding, manchmal auch gegen den Politikteil.“ „Es gibt wohl in jeder Zeitung Politikredakteure, für die das Feuilleton letztlich nicht satisfaktionsfähig ist, nicht ganz ernst zu nehmen“, sagt Müller. Er „möchte gerne das Rezensionsfeuilleton verteidigen“, sagt Knörer. Es „war ja nicht so, dass zuvor keine Politik im Feuilleton stattgefunden hat. Es wurde bloß über Bande gespielt. Es wurde über Bücher, über Theaterstücke geschrieben. Aber die Themen, die im Feuilleton verhandelt wurden, waren natürlich politische Themen.“ Müller will das „sogar noch weiterdrehen: Mit einer ‚Rückkehr‘ zum Rezensionsfeuilleton könnte das Feuilleton auch wieder stärker seine eigenen ästhetischen Gedanken bestimmen. ... Ein typischer Aufmacher in den 1950er Jahren wäre: Wohin geht’s mit der Position des Erzählers im zeitgenössischen Roman?“

„Allerdings verliert das Rezensionsfeuilleton ganz buchstäblich an Boden, siehe den zunehmenden Platzmangel bei immer knapper werdenden Feuilleton-Umfängen. Das führt zu immer größerer Willkür bei der Auswahl der Kunst-Ereignisse und -Gegenstände, die überhaupt medial wahrgenommen werden“, sagt Löffler. Die „wichtigste literaturkritische Zeitung ist eigentlich immer schon die Brigitte gewesen“, sagt Knörer. „Denn was dadrin empfohlen wird, wird gekauft.“ „Wir stehen in Deutschland, was die Feuilletons angeht, trotz der Verknappung des Raumes gar nicht so schlecht da“, sagt Müller. „Das zeigt sich, wenn man sich die Lage in Italien, Frankreich oder auch England anschaut. Dort ist in der Tagespresse oft viel weniger möglich.“

Info

Alle Zitate stammen aus dem Band Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur, Hildegard Kernmayer und Simone Jung (Hg.), Transcript 2017, 398 S., 39.99 €

06:00 13.03.2018
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 1