Das gesprochene Wort gilt

Peter Handke Ein Interview soll das fehlende Puzzlestück in der Debatte um die Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers zum Genozid von Srebrenica sein. Ein Update zur Diskussion
Ausgabe 47/2019
Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke versammelte sich ein Protest vor der schwedischen Botschaft in Sarajevo
Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke versammelte sich ein Protest vor der schwedischen Botschaft in Sarajevo

Foto: Imago Images/TT

Hat er das wirklich gesagt? Der Genozid von Srebrenica komme ihm vor, „als sei es ein Racheakt von serbischer Seite gewesen“, so gibt die Zeitschrift Ketzerbriefe Peter Handke 2011 wieder. Und weiter: „Nicht, dass ich es verurteilen würde, aber ich kann es auch nicht uneingeschränkt gutheißen.“ Ob hier die Verben vertauscht sind, wie das Michael Martens in der FAZ zumindest erwog, kann nur klären, wer eine Aufnahme des Interviews besitzt. Aber ob eine solche (noch) existiert? Fürs Erste muss man beim Text bleiben: „Es hat sich unglaublicher Hass in Srebrenica aufgestaut. Sind die tatsächlich gekommen und haben – eigentlich will ich Zahlen vermeiden – zwischen 2.000 und 4.000 Menschen umgebracht?“ Hat der Literaturnobelpreisträger 2019 den Genozid von Srebrenica, verübt an bosnischen Muslimen von der Armee der Republika Srpska, relativiert? Gar geleugnet? In Srebrenica wurden im Juli 1995 mehr als 8.000 Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren ermordet. Als Puzzlestück, das fehlte, um sich ein Bild von Handkes Genozidrelativierung zu machen, ist in den vergangenen Wochen das Interview aus den Ketzerbriefen gehandelt worden. Gefunden hatten diesen Poe’schen Brief, der jahrelang auf der Forschungsplattform Handke online verzeichnet war und von dem es auch eine Netzversion gibt, der in Sarejevo lehrende Literaturwissenschaftler Vahidin Preljević und die Übersetzerin Alida Bremer.

Die Ketzerbriefe – Organ eines querfrontlerischen Bundes gegen Anpassung, 1982 gegründet von einem ehemaligen SDSler – erscheinen im Freiburger Ahriman-Verlag. Viel Lärm um Srebrenica war das Thema der Nummer 169. Geführt haben das Interview Peter Priskil und Alexander Dorin. Deren Sicht auf die Geschehnisse in Ostbosnien 1995 geht klar aus den hier veröffentlichten Texten hervor. Priskil meint, weder bin Laden noch Mladić hätten Morde zu verantworten, während Dorin – in einem „Brief an Peter Handke“ – von etwa 2.000 Toten auf muslimischer Seite ausgeht, die, das ist das neben der Zahl Hochproblematische, alle Kämpfer gewesen seien.

Handke hat sich von dem Interview distanziert: „Ich habe das Gespräch nicht gegengelesen und auch nicht autorisiert. Es entspricht nicht dem von mir Gemeinten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, diese Sätze in dieser Form so gesagt zu haben.“ Dass es keine Autorisierung gab, bestätigen dem Freitag nicht nur der Suhrkamp Verlag, sondern auch Alexander Dorin: „Nein, darüber haben wir damals nicht gesprochen“, schreibt er uns und teilte uns auch mit, dass er Handke bei dem Treffen, bei dem er dem Schriftsteller, der sich über „die Tatsachenverdrehungen“ der Medien bezüglich Srebrenica „nicht völlig bewusst“ gewesen sei, „Fakten und Dokumente“ präsentieren wollte, auch zwei seiner Bücher überreicht habe. Er könne sich „daran erinnern, dass Herr Handke während unseres Gesprächs in Paris keine der Versionen der Ereignisse von Srebrenica als die reine Wahrheit angenommen hat. Er blieb gewohnt zurückhaltend, was ihn ja auch auszeichnet und wofür er bekannt ist“, beschreibt uns Dorin Handkes Reaktion in seiner E-Mail.

Priskil habe das Gespräch wohl aufgenommen und auch Notizen gemacht. Bis jetzt war er für den Freitag nicht erreichbar. Ob von seiner Seite endgültige Klärung kommt? Solange die nicht vorliegt, wäre es klug, das Gespräch weniger als Schlüssel zu Handkes angeblicher Relativierung eines Genozids zu sehen denn als Apokryphe.

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