Das Tabu als Waffe

Klimaprotest Das Manifest von „Extinction Rebellion“-Gründer Roger Hallam erscheint nicht. Das ist auch besser so
Das Tabu als Waffe
Jeder Daumen steht in dieser Situation für ein „Win“

Foto: Tolga Akmen/AFP/Getty Images

Thomas Paines Common Sense erschien 1776, am Vorabend der Amerikanischen Revolution. Das Büchlein, geschrieben wie eine Predigt, rief die Bewohner der 13 nordamerikanischen britischen Kolonien auf, sich vom Mutterland zu trennen und sich eine republikanische Verfassung zu geben. Die Regierung sollte nichts sein als ein „notwendiges Übel“. Das Buch war ein Bestseller, gemessen an der damaligen Bevölkerungszahl ist es das meistverkaufte in der US-Geschichte.

Roger Hallam, Mitbegründer der Umweltbewegung Extinction Rebellion (XR), wird daran gedacht haben, als er Paines Titel zitierte. Common Sense. Die gewaltfreie Rebellion gegen die Klimakatastrophe und für das Überleben der Menschheit, so sollte sein Buch auf Deutsch heißen und darlegen, „was wir bereits wissen: Nur eine Revolution in Gesellschaft und Staat – ähnlich dem politischen Wagnis, zu dem Paine die Amerikaner aufrief, kann uns retten.“

Verharmlosung des Holocaust

Das Buch schreiben zu wollen, das die Menschheit rettet, zeugt nicht nur von Sendungs- und Selbstbewusstsein, sondern auch vom Vertrauen in die Bücher selbst. Auch passionierte Leser wiegen sich ja gern in der Hoffnung, dass Bücher die Welt verändern. Dabei sind die, die Geschichte machen, oftmals eher solche, die sich einem bestimmten Klima verdanken, als solche, die dieses Klima erst schaffen. Selbst die Französische Revolution war, das hat Guillaume Paoli jüngst in einem klugen Büchlein zu den Gelbwesten betont, nicht direkte Ausführung aufgeklärten Bücherwissens. Ihr Ausbruch verdankte sich auch dem, was wir heute Fake News nennen.

Dass nun zwar nicht gerade Fake News, aber eine himmelschreiende historische Unwahrheit dazu führte, dass Hallams Buch auf Deutsch nicht erscheint, entbehrt also vielleicht nicht ganz der Ironie.

In einem Interview mit der Zeit hatte sich Hallam auf die Fragen seiner Gesprächspartnerin nicht einlassen wollen. Stattdessen sprach er über die Shoah, den Sonderstatus, den sie vor allem für Deutsche einnehme, und verhöhnte den bürokratisch geplanten und industriell ausgeführten Mord an über sechs Millionen Juden als „just another fuckery“. Selbst Leser, die Hallam zugestehen würden, dass er durch Vergleichsgrößen das, was sein Untertitel „Klimakatastrophe“ nennt, als besonders bedrohlich und den Widerstand daher als besonders notwendig darzustellen suchte, werden hier einen Tabubruch gesehen haben, der sowohl die Entscheidung des Ullstein Verlages, das Buch nicht erscheinen zu lassen, als auch die von XR Deutschland, sich von Hallam aufs Schärfste zu distanzieren, rechtfertigt.

Es wäre aber zu einfach, Hallams Ungeheuerlichkeit als „Besessenheit“ abzutun, wie das am Sonntag die FAS tat. Gegen simple Pathologisierung wie auch dagegen, hier „nur“ einen Fall von „Judenhass“ zu sehen (so die taz), spricht nicht nur eine E-Mail, die Hallam an XR-Aktivisten in Deutschland schrieb. Die, so die E-Mail, aus der schon letzte Woche auf freitag.de zitiert wurde, sollten nämlich die erhöhte Aufmerksamkeit, die der Skandal mit sich bringe, dazu nutzen, das Gespräch auf die Klimakatastrophe zu lenken. Eine offensichtliche Instrumentalisierung des Tabus, die Shoah zu relativieren also.

Im Krieg sei alles erlaubt (wie in der Liebe), soll Napoleon gesagt haben. Und Roger Hallam befindet sich im Krieg, in einem Bürgerkrieg gegen diejenigen, die nicht sehen wollen, dass sie, indem sie die Wahrheit über den Klimawandel verschweigen, wissentlich auf einen „Genozid“ zusteuern, der alle anderen menschengemachten Katastrophen in den Schatten stellt. Für Hallam herrscht Klimanotstand: „Sagen wir klar und deutlich, was die Bezeichnung ,Katastrophe‘ ... tatsächlich bedeutet. Wir werden Zeugen eines langsamen und qualvollen Todes von Milliarden Menschen.“

Diese schauerliche Dystopie, die in XR-Happenings oft auch mit einer Menge Kunstblut visualisiert wird – was an die Die-ins der Anti-AKW-Bewegung erinnert –, stützt Hallam auf eine „aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme“. Deren Prognose: Bei fünf Grad Erderwärmung ist nur noch die Ernährung einer halben Milliarde Menschen sicher. Für Hallam ist klar, dass selbst, wenn „diese Berechnung um 90 Prozent vom tatsächlichen Wert abweichen sollte … in den nächsten vierzig Jahren 6.000 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht“ seien. Das „wäre das Zwölffache der gesamten Todeszahl (Militärangehörige und Zivilisten) im Zweiten Weltkrieg und ein Vielfaches der Opferzahl jedes Genozids in der Geschichte der Menschheit. Es wäre zwölfmal schlimmer als der Schrecken des Nationalsozialismus und Faschismus im 20. Jahrhundert.“ Ist hier angelegt, was Hallam dann in Interviews ausführte? In der FAS sah man es so und fragte, wie dem Ullstein Verlag nicht hätte auffallen können, was an Schockierendem in diesem Buch stehe.

Das eigentliche Problem liegt woanders: Das Buch ist weniger Manifest als ein Strategiebuch dafür, wie man einer medialen Öffentlichkeit und staatlichen Gewalten, die sich dem XR-Credo „Sag die Wahrheit“ verweigern, diese Wahrheit und den damit verbundenen Handlungsnotstand aufzwingt. Die gewaltfreie Rebellion, die uns als einziger Weg aus der Klimakatastrophe anempfohlen wird, ist, so sehr sie auf physische Gewalt verzichtet, nicht zwanglos.

Werde Opfer!

Denn sie hat zum Ziel, dass der Gegner, egal was er macht, es falsch macht. „Eine Dilemma-Aktion ist ein gewaltloser Akt zivilen Ungehorsams“, so erläutert Hallam das Prinzip, „der vorsieht, die Behörden in ein Dilemma zu bringen: Entweder gestehen sie den Demonstranten öffentlichen Raum zu, oder sie setzen sich dem Vorwurf einer unangemessenen Reaktion aus, indem sie gegen den Protest vorgehen“. Hallams Idee des gewaltfreien Widerstands, die er unter anderem auf die Montagsdemonstrationen in Leipzig zurückführt, ist auf diese Weise mit der Idee des „Opfers“ verknüpft, das XRler zu bringen haben.

Aktivisten sollen in großer Zahl für zivilen Ungehorsam belangt werden: Die Zwangslage, in die sie Behörden bringen, ist wohl berechnet. Je mehr Repression, so das Kalkül, desto mehr Publicity und somit Solidarität: ein schnelleres Wachsen der Bewegung: „Die Bereitschaft, furchtlos persönliche Opfer zu bringen, löst bei den Beobachtern eine emotionale Reaktion aus. Die Botschaft lautet: ‚Dieses Anliegen ist mir so wichtig, dass ich meinen Körper einbringe und Verletzungen in Kauf nehme.‘ “ Wenn „Opfer“ ausbleiben, kann man Raumgewinn verbuchen. Hallam schildert eine „Aktion“ vor 10 Downing Street: „Obwohl wir das ‚Blut unserer Kinder’ verschütteten und damit öffentliches Eigentum beschädigten, nahm die Polizei niemanden fest. Ihre ‚politische‘ Lösung bestand darin, uns die mit Verhaftung verbundene Publicity vorzuenthalten.“ Auch Interviews sind für Hallam Dilemma-Aktionen. Er gibt dafür unter anderen folgenden Tipp: „Wir könnten eine vorbereitete kurze Aussage über die Realität, mit der wir konfrontiert sind, ein ums andere Mal wiederholen und ignorieren, was der Interviewer sagt.“

Wer die jüngsten Gespräche mit Hallam in deutschen Zeitungen liest, wird erkennen, wovon er „besessen“ ist: vom Gegner in der Zwickmühle: Bricht er das Interview ab, so kann sich Hallam als Opfer profilieren. Tut er es nicht, geschieht, womit er rechnet: ein Raumgewinn für XR in den Medien. Wie hier. Jetzt.

Wer nicht platt auf Inhalt liest, sondern schaut, welche Sprachspiele gespielt werden, wird sich an Strategien der Neuen Rechten erinnert fühlen. Und an die Probleme, die diese nicht zuletzt Journalisten machen: Jede Provokation eines Gaulands (man beachte die begriffliche Nähe im Stabreim „fuckery“ und „Vogelschiss“) dient dazu, den Gegner in eine Lose-lose-Situation zu bringen: Lässt man die neuen Rechten reden, wie sie wollen, gibt man ihnen Publicity, „normalisiert“ zudem Aussagen, die unsäglich sind. Verweigert man das Gespräch mit Verweis auf Unsägliches, taugt das zur Inszenierung von Opfertum.

Natürlich ist Hallam, der früher mal Bio-Bauer war und eine Doktorarbeit über zivilen Ungehorsam angefangen hat, nicht Gauland. Ein Blick darauf, welche Sprachspiele er spielt, wird es nicht überflüssig machen, Ziele von Mitteln zu unterscheiden und beides differenziert zu betrachten. Dass sich aber gerade seine Mittel, wenn er etwa Bürgerversammlungen davor bewahren will, zur „Quatschbude“ zu verkommen, oft nach Weimarer Zeit – das Parlament als „Quasselbude“ – anhören, sollte uns vorsichtig stimmen.

06:00 30.11.2019
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