Der Irre! Der Irre?

Psychologie Es ist leicht, Donald Trump für gestört zu erklären. Wichtiger wäre es, ihn als Phänomen zu verstehen
Mladen Gladić | Ausgabe 08/2017 18

„Bei aller inflationären Verwendung des Begriffs“, schrieb kürzlich der österreichische Psychiater Reinhard Haller in der Süddeutschen Zeitung, könne man das Verhalten, das Donald Trump als frisch gewählter Präsident der USA an den Tag lege, „gar nicht anders als narzisstisch bezeichnen“. Haller ist mit dieser Auffassung alles andere als allein. In der Talkshow Hart, aber fair sprach Borwin Bandelow, Experte für Angststörungen, ebenfalls von starken Anzeichen einer narzisstischen Störung beim Neugewählten und wollte ähnliche Veranlagungen auch bei Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan erkennen.

Spätestens jetzt, nach Wochen bizzarer Tweets aus dem Weißen Haus, nach ersten, grotesk anmutenden Pressekonferenzen, pfeifen es die Spatzen von allen medialen Dächern. Der 45. Präsident der USA hat ernst zu nehmende Probleme. Psychologische Probleme. Probleme, die vielleicht so schwerwiegend sind, dass sie Eignung und Fähigkeit, das höchste Amt im noch immer mächtigsten Staat der Welt auszuüben, ernsthaft infrage stellen. Probleme somit, die ihn deshalb zu einer Gefahr machen – auch für den Rest der Welt.

Schon während des Wahlkampfs wurden vor allem in den US-amerikanischen Medien Stimmen laut, die Trump attestierten, an einer oder mehreren, mehr oder weniger gravierenden Persönlichkeitsstörungen zu leiden. Allen voran an jenem stark ausgeprägten Narzissmus, von dem auch Haller und Bandelow sprechen. Trump zeige dermaßen klassische Anzeichen dieser Störung, dass er Videoaufnahmen des Kandidaten in seinen Workshops benutze, um das manipulative Verhalten, das den Narzissten charakterisiert, vorzuführen, sagte der Psychologe George Simon. Trump sei überzeugender als ein Schauspieler, den er andernfalls engagiert hätte.

Furcht und Entfremdung

Und schon im Frühjahr letzten Jahres unterschrieben mehr als 2.000 Psychotherapeuten ein öffentliches „Manifest“ gegen das, was seine Autoren Trumpismus getauft haben. Anders als bei jenen Ferndiagnosen, die auch von Personen des öffentlichen Lebens wie Breaking-Bad-Star Bryon Cranston oder Tony Schwartz, dem Ghostwriter von Trumps Bestseller The Art of the Deal – der dem New Yorker sagte, dass er das Buch heute „der Soziopath“ nennen würde –, angestellt werden, geht es den Verfassern des Manifests und seinen Unterzeichnern nicht primär um Donald Trump als Person. Trumpismus sei vielmehr eine „US-amerikanische Form des Faschismus“ und nicht an ein Individuum gebunden. Beim Trumpismus habe man es mit einer Ideologie zu tun, die selbst dann, wenn Trump nicht ins Weiße Haus einziehen werde, weiterhin existieren und sich ausbreiten könne.

Unter diesem Trumpismus verstehen die Psychotherapeuten, dass bestimmte Gruppen, allen voran Immigranten und religiöse Minderheiten, zu Sündenböcken erklärt und politische Kritiker und Rivalen der Lächerlichkeit preisgegeben, herabgesetzt und erniedrigt werden. Darüber hinaus huldigt der Trumpismus einem „Kult des starken Mannes“: Furcht und Entfremdung aufseiten der Diskriminierten, der Latinos und Muslime, übertriebene Männlichkeit als kulturelles Ideal, die Vulgarisierung des öffentlichen Lebens und die nachhaltige Aushöhlung der demokratischen Traditionen der USA, das sind die Konsequenzen, die aus seinem Siegeszug erwachsen könnten, lautet die fast prophetische Befürchtung. Wo die Rhetorik des Trumpismus den Grund für die eigenen Ängste und Unsicherheiten bei anderen sucht und findet, sehen die Verfasser des Manifests einen Frontalangriff auf das Ideal eines eigenverantwortlichen Lebens. Und wo Hypermaskulinität zum Ideal wird, sind gesunde zwischenmenschliche Beziehungen in Gefahr. Der Trumpismus normalisiert genau das, wogegen Psychologinnen und Psychologen arbeiten.

Obwohl die Verhöhnungen von Menschen mit Behinderung, Frauen und Migranten, mit denen Trump während des Wahlkampfs schockierte, obwohl das Schüren der Angst vor Fremden und Andersgläubigen und die Kraftmeierei, die seine Reden charakterisieren, den Befund geprägt haben, argumentieren die Autoren keinesfalls ad hominem. Es geht eben nicht darum, nachzuweisen, dass hier jemand „Krankes“ unfähig ist, das höchste Amt in einem mächtigen Staat auszuüben, sondern um eine Ideologie, die nicht minder gefährlich ist (und deren Kennzeichen man auch in anderen Gesellschaften erkennen kann, wo der Populismus an der Macht ist).

Damit ist man weiter als die Stimmen, die danach rufen, den gefährlichen Soziopathen irgendwie seines Amts zu entheben, wie das gerade 35 renommierte Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter in einem Leserbrief an die New York Times gefordert haben. Aber auch weiter als wir, wenn wir uns daran erfreuen, ein bisschen Küchenpsychologie betreiben zu können – nicht zuletzt, um unsere Ohnmacht angesichts der Absurditäten und Monstrositäten von Trumps öffentlichen Auftritten ein wenig zu lindern.

Im Urban Dictionary, der Internetquelle für Jugend- und Szenesprache, ist der Begriff schon angekommen. Ein Glaubensgerüst, das aggressives, prätentiöses und narzisstisches Verhalten ermutigt, um Geld, Berühmtheit und Macht zu erlangen, liest man da. Dass die Autoren des Manifests zurückhaltend sind, wenn es darum geht, die Person Trump selbst einer Analyse zu unterziehen, mag auch daran liegen, dass man sich der sogenannten Goldwater-Regel verpflichtet fühlt.

Barry Goldwater

Das ist jener Verhaltenscode, den sich die amerikanische psychiatrische Gesellschaft, mit 35.000 Mitgliedern die weltweit größte Vereinigung ihrer Art, auferlegt hat. Sie besagt, dass Mitglieder der Vereinigung sich nicht über Personen des öffentlichen Lebens äußern dürfen, wenn sie diese nicht eigenhändig untersucht haben und die Patienten wiederum ihre Einwilligung gegeben haben, die Ergebnisse einer solchen Untersuchung öffentlich zu machen.

Benannt ist diese Selbstverpflichtung interessanterweise nach Barry Goldwater, Senator aus Arizona und 1964 republikanischer Gegenkandidat Lyndon B. Johnsons im Kampf ums Weiße Haus. Für die verheerende Niederlage, die er in der Wahlnacht einstecken musste, machte Goldwater unter anderem das Magazin Fact verantwortlich. Das war während des Wahlkampfs mit den Ergebnissen einer Umfrage unter Psychologen und Psychiatern herausgekommen: Eine überwältigend große Zahl der Fachleute befand, dass es dem Kandidaten aus Arizona an der psychischen Stabilität mangele, die das höchste Staatsamt von ihm verlangen würde. Paranoia und Selbstüberschätzung, hieß es in den Befunden – ein Vertreter der Zunft bezeichnete den Kandidaten gar als „gefährlichen Verrückten“ –, vertrügen sich nicht mit dem Präsidentenamt.

Nach der verlorenen Wahl verklagte Goldwater den Herausgeber des Magazins, bekam recht und die für damalige Verhältnisse recht hohe Summe von 75.000 Dollar als Schadensersatz. Unsterblich machte ihn aber wahrscheinlich jene Regel, die sich die Psychiater der USA fast zehn Jahre nach seinem politischen Scheitern gaben.

Dass es gegen die Prinzipien der Zunft spricht, Ferndiagnosen anzustellen, ist einleuchtend. Auch dass solche Ferndiagnosen leicht politischen Motiven folgen können, ist keineswegs ausgeschlossen. Im Zuge des Goldwater-Skandals wurden auch Stimmen laut, die behaupteten, den befragten Psychologen sei eher der Ultrakonservativismus des Kandidaten ein Gräuel gewesen, als dass sie um dessen geistige Gesundheit besorgt gewesen seien.

Andererseits sind psychologische Überlegungen zu Prominenten wahrscheinlich nicht erst seit Sigmund Freuds klassischer Studie zu Leonardo da Vinci von 1910 ein beliebtes Genre, um öffentliche Personen zu deuten. Ein Donald Trump, dessen offensichtliche Lügen so aggressiv und anscheinend schamlos vorgetragen werden, dass ihm nicht einmal Heinrich von Kleists Dorfrichter Adam, der behauptet, eine Katze habe in seine bei einem nächtlichen Schäferstündchen verloren gegangene Perücke gejungt, das Wasser reichen kann, lädt zur Spekulation über seinen Geisteszustand ja geradewegs ein.

Aber leidet Trump auch unter seinem Verhalten? Dass er selbst eine mögliche psychische Beeinträchtigung als Beeinträchtigung verspürt, darf stark bezweifelt werden. Das ist aber keine Banalität, meint der Psychiater Allen Frances in einem Leserbrief an die New York Times. Frances weiß, wovon er spricht: Er selbst war federführend bei der Formulierung des diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen, nach dem diese in den USA offiziell klassifiziert werden. Solange Trump keinerlei Anzeichen dafür liefere, dass er wirklich leide, sei es eine Beleidigung für wirklich unter Persönlichkeitsstörungen leidende Menschen, mit dem Präsidenten in einen Topf geworfen zu werden, schrieb der emeritierte Professor. Das Gegengift gegen Trump und seine Politik könne kein psychologisches, sondern müsse ein politisches sein.

06:00 22.03.2017
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