Die Dummen, das sind die anderen

Besserwisser Journalisten, die die Medien für AfD-Erfolge verantwortlich machen, überschätzen sich. Und verachten ihre Leserschaft. Nichts brauchen wir jetzt weniger als das
Die Dummen, das sind die anderen
Meta-Ware

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Ich habe mein Geld lange als Fremdsprachenlehrer verdient. Daher weiß ich um die Schwierigkeiten, die der Konjunktiv für Lernende bereithält. Genauer: Konjunktiv 2, auch Irrealis genannt. Der drückt Kontrafaktisches aus (etwa: „Wenn ich König von Deutschland wär“). Besonders knifflig wird es bei seiner Vergangenheitsform. Es braucht neben grammatischem Know-how nämlich einigen kognitiven Aufwand, sich vorzustellen, dass die Realität eine andere wäre, hätte man in der Vergangenheit anders gehandelt („Hättest du besser aufgepasst, würdest du jetzt den Konjunktiv 2 verstehen!“). Im Klassenzimmer habe ich diese verzwickte Form oft „Klugscheißer“-Konjunktiv genannt.

Vulgär, okay. Besserwisserei eignet sich aber prima für Partnerübungen im Sprachunterricht („Was, du bist pleite? Hättest du mal nicht dein ganzes Geld versoffen!“). Bei Reaktionen auf die Wahl am Sonntag, die sich vom hohen Stimmenanteil für die AfD geschockt zeigen, möchte ich nun selbst sofort in den Klugscheißer-Modus wechseln („Das hättest du doch wissen können, hör auf, rumzuheulen!“). Anders als befürchtet waren die Prognosen ja ziemlich akkurat. So weit, so schlecht. Doch es gibt schlimmere Besserwisser. Die nämlich, die schon die ganze Zeit wussten, dass das Wahlergebnis ein komplett anderes gewesen wäre, hätten die Medien der AfD nicht so viel Raum geboten. Und wenn sie, darauf hat der Bildblog jetzt mit Blick auf das Blatt, dem er seinen Namen verdankt, auch richtigerweise hingewiesen, diese Positionen nicht so dummdreist selbst in die Welt posaunt hätten. Die Verdienste von Watchdogs wie dem Bildblog stehen außer Frage. Und es stimmt wohl auch, dass Julian Reichelt, Tanit Koch & Co. Verantwortung höchstens im Sinne des Pressegesetzes kennen.

Die Annahme aber, die auch CSU-Mann Joachim Herrmann teilt, dass das sonntägliche Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätten Plasberg, Bild, Will, kurz also: „wir“ anders berichtet und Weidel, Gauland, Petry weniger Zeilen und Sendezeit eingeräumt, offenbart nicht nur Besserwisserei, sondern auch Überheblichkeit. Der amerikanische Soziologe W. Phillips Davison hat diese Haltung in den frühen 1980er Jahren mit dem „Third-Person-Effect“ erklärt: Er meinte damit, dass wir die Wirkung von Medien auf andere als stärker einschätzen als auf uns selbst. Medien richten sich immer an die „anderen Leute“. Und die sind wahlweise ungebildeter, ressentimentbeladener, verführbarer, oder alles zusammen. Immer aber sind sie dümmer als wir. Während wir sehen können, welche Verheerungen nicht nur Bild und Plasberg, sondern auch sogenannte Alternativmedien anrichten, können die, bei denen diese Verheerungen sich in Wahlentscheidungen niederschlagen, das nicht.

Natürlich kann solcher Respekt vor der Macht der Medien, solche Überschätzung unserer selbst als Mediennutzer und -macher den Kollateralnutzen zeitigen, in Zukunft besseren, verantwortlicheren Journalismus betreiben zu wollen. Solange wir aber glauben, dass es immer nur die anderen sind, auf die die Medien wirken, solange wir glauben, eine privilegierte Außenposition einnehmen zu können, werden wir immer nur zu diesen anderen sprechen. Und das, ohne zu wissen, ob sie uns eigentlich zuhören. Niemals werden wir so aber mit ihnen sprechen, selbst zuhören, diskutieren und versuchen, sie im gemeinsamen Gespräch von dem zu überzeugen, was wir für richtig halten. Das aber ist heute nötiger denn je.

12:36 27.09.2017
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