Drama, jugendfrei

Literatur Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der NRW-Wahl haben verraten, wer ihre liebsten Romanhelden sind. Scheint, als hätten sie lange kein Buch mehr in der Hand gehabt
Drama, jugendfrei
Wollen diese Erwachsenen jetzt, da sie irgendwo zwischen 33 und 60 Jahren alt sind, immer noch wie Pippi sein?

Foto: Chrisof Koepsel/AFP/Getty Images

Winnetou, im klassischen Radebeuler Dunkelgrün, liegt verstaubt auf dem obersten Regalbrett. Zwei abgegriffene Pippi Langstrumpf-Bücher– man hat sie schon seit der frühen Kindheit. Drei Bände Herr der Ringe (oder etwa die DVD-Box, mit Director's Cut und Audio-Kommentar?). Ein einsames gelbes Reclam-Heft. Klingt wie das Bücherregal eines wenig lesefreudigen Teenagers in der Oberstufe, irgendwo in Deutschland? Ja.

Es ist aber auch ein Anblick , der einem beim Lesen der Fragebögen in den Sinn kommen könnte, die die Spitzenkandidaten der größeren Parteien, die um den Einzug in den NRW-Landtag am Sonntag kämpfen, für die Tageszeitung Rheinischen Post ausgefüllt haben: Hannelore Kraft (SPD), Armin Laschet (CDU), Christian Lindner (FDP), Özlem Alev Demirel (Linke) und Sylvia Löhrmann (Grüne) haben jeweils 15 Fragen jenseits von Politik und Parteiprogramm beantwortet. Um zu zeigen, wie sie wirklich „ticken“ (AFD-Mann Pretzell hat nicht zurückgeschrieben, sagt die Zeitung).

Eine Frage, die zehnte, ist die nach dem liebsten Romanhelden. Die Antworten erstaunen sehr. Gerade keiner, sagt Kraft, als ginge es um den Beziehungsstatus in einem sozialen Netzwerk. Früher sei der liebste Romanheld aber Karl Mays Indianerhäuptling Winnetou gewesen. Den Titelhelden eines der zentralen Texte der Aufklärung, Lessings Nathan, nennt der Christdemokrat Laschet. Währenddessen verehrt der Liberalen-Chef Gandalf, den guten Zauberer und Hobbit-Freund aus Tolkiens Fantasy-Schwarte. Bei den Grünen und Linken dann eine Überraschung: Als beider Lieblingsheldin erweist sich ein junger, megastarker Rotschopf aus der Feder Astrid Lindgrens.

Spitzenpolitiker haben wahrscheinlich wenig Zeit für das sprichwörtliche „gute Buch“. Und Eltern können oft mit ihren Kindern frühe Vorlese- und Lesefreuden wiederholen. Dass sie den Kindern öfter aus den schwedischen Kinderbuchklassikern vorliest, sagt Özlem Demirel dann auch wenig überraschend. Auch dass Frage Nummer 9, „Als Kind wollte ich sein...“ von ihr und Löhrmann unisono mit „Pippi Langstrumpf“ zu Ende geführt wird: Klar, Kinder wollen stark und unabhängig sein. Einen Affen haben. Und ein Pferd. Oder Fußballspieler sein (Laschet). Oder Geheimagent (Lindner). Manche wollen aber auch einfach sein wie die Grundschullehrerin (Kraft).

Wollen diese Erwachsenen jetzt, da sie irgendwo zwischen 33 und 60 Jahren alt sind, immer noch wie Pippi, Winnetou und Gandalf sein? Und klebt sich Christian Lindner bei Rollenspielabenden Elfenohren an? Das darf natürlich nicht unterstellt werden. Die Abwärtskompatibilität der Antworten ins Infantile muss allerdings zu denken geben. Und das keineswegs aufgrund eines überkommenen Bildungsdünkels. Romanhelden, auch Heldinnen: Sie sind und waren Vorbilder, an denen das lesende Ich Maß nimmt, egal, wieviel Schwärmerei im Spiel ist, wieviel Verträumtheit. Sie sind fiktive Idole, an denen man sich orientiert. Und dabei hoffentlich auch etwas über sich selbst herausfindet. Die erwachsenen Kinder- und Jugendbuchfans aus Nordrhein-Westfalen bewerben sich um das höchste Amt im Land. Es sind Leute, die anscheinend seit ihrer Jugend kein Buch mehr in der Hand hatten.

Das ist im Übrigen keineswegs eine Wahlempfehlung für den CDUler Laschet, obwohl der treffsicher eine Figur gewählt hat, die – man weiß es vielleicht aus der gymnasialen Oberstufe – in der Ringparabel ein friedliches Nebeneinander der Religionen verewigt hat: Denn Laschet hat schon die Frage nicht richtig verstanden. Sein „liebster Romanheld“ kommt nicht nur aus dem Deutschunterricht sondern vor allem auch aus einem Theaterstück. Es ist ein Drama.

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11:47 10.05.2017
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