Dreadlocks sind okay, weißer Junge!

Identitätsdenken Das Buch der Stunde will das Band zwischen Kultur und Identität kappen. Der Philosoph und Sinologe François Jullien sagt: „Es gibt keine kulturelle Identität“
Dreadlocks sind okay, weißer Junge!
Sind weiße Dreads Kolonialisierung mit anderen Mitteln?

Foto: Richard Masoner (Flickr)

Alle reden von Identität. Wir auch. Aber eben nicht nur wir: Identitäre berufen sich auf den „ethnokulturellen Ausdruck“ von Gemeinschaften. Den sieht man durch Zuwanderung gefährdet. Die Critical-Whiteness-Bewegung kritisiert die „Aneignung“ traditioneller Kulturbestände minoritärer Gruppen durch die (weiße) Mehrheit. Identität, zumal kulturelle, hat Konjunktur, links wie rechts. Das Buch der Stunde könnte nun eines sein, das das Band zwischen Kultur und Identität kappen will. Es gibt keine kulturelle Identität heißt es. Geschrieben hat es der Philosoph und Sinologe François Jullien. Der betreibt hier vor allem Begriffsarbeit: Kultur möchte er nicht länger als Identität verstehen, Unterschiede nicht als Differenzen. Stattdessen sei es besser, für „Kultur“ den Begriff „Ressourcen“ einzusetzen, Unterschiede als „Abstände“ zu verstehen.

Das Wort „écart“ ist semantisch reicher als das deutsche „Abstand“. Es kann auch „Abweichung“ bedeuten oder „Seitensprung“. Julliens Blick ist durch intime Kenntnis chinesischer Philosophie geschärft. Frucht dieses „Seitensprungs“ ist eine Kritik etwa an der Idee, dass unser westliches Konzept des Universellen selbst universell sei. Das ist falsch: Die Annahme universeller Geltung ist etwas singulär Europäisches. Das chinesische Denken kennt sie gar nicht. Auch das Differenzdenken erkennt, wer es wagt, Europa ein wenig untreu zu werden, als lokales Erbe griechischen Philosophierens. In beiden Fällen ein fatales Erbe, merkt man nicht, dass andere anders denken. Wenn der Universalismus verkenne, dass er eine sehr „fokale“, blickwinkelabhängige Sache ist, tendiere er dazu, der Uniformität unserer „globisch“ sprechenden, marktbeherrschten Welt, das Wort zu reden, so Jullien. Und ein Denken starrer Unterschiede verliere jede Außenbeziehung, kapsele sich ab und negiere, was Jullien das „Gemeinsame“ nennt. Dermaßen kurzsichtige und schwerhörige Kulturen können fremde Kulturen nicht mehr als intellektuelle Ressourcen „nutzen“, als Wink etwa, dass es eben auch anders sein könnte. Kulturelles Kontingenzbewusstsein schwindet: Abstand, sagt Jullien, heißt nicht Identifikation, sondern „Exploration, die andere Möglichkeiten zutage fördert“. Erst „Inventarisierung“ und „Aktivierung“ der Kultur, nicht nur der eigenen, belebt. Und erst ein Ermessen des „zwischen“ sorgt auch kulturintern, als Spannung etwa zwischen Religiosität und Laizismus, dafür, dass sich eine Kultur ständig transformiert. Eine Provokation für die, die von ethnokultureller Reinheit träumen. Aber auch für die, die in den Dreadlocks weißer Kids die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln sehen. Jullien redet allerdings keinesfalls der Beliebigkeit das Wort. Er trauert dem Griechischunterricht nach, fürchtet, dass bald die Möglichkeitsform aus dem Französischen verschwindet. Und leistet mit seiner „Verteidigung“ solcher kultureller Ressourcen eine auf Nachhaltigkeit zielende, ja konservative Kritik sowohl an einer uniformisierenden Globalisierung als auch am Identitätsdenken von links wie von rechts.

Info

Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur François Jullien Erwin Landrichter (Übers.), Suhrkamp Verlag 2017, 96 S., 10,30 €

06:00 22.12.2017
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