Leitgeruch

Leiden an der Kultur Für das gute Zusammenleben hat der Bundesinnenminister Thesen formuliert. Leider müffeln sie! Zehn Hinweise
Mladen Gladić | Ausgabe 18/2017
Leitgeruch
Typisch Deutsch, gibt es so etwas?

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

1 „Wir sind nicht Burka“, schreibt Innenminister Thomas de Maizière gleich in seiner ersten These. Dass er das betonen muss, ist schlimm – auch jenseits der barbarischen Grammatik. Die religiös motivierte Vollverschleierung hat ihre Gründe. Diese Gründe muss und sollte man nicht teilen, denn es ist durchaus fraglich, ob es gute Gründe sind. Aber man sollte auch nicht Äpfel mit Birnen verwechseln, weil Fleisch das Lieblingsgemüse einer potenziellen Wählerschaft ist, die nach der unlängst erfolgten Selbstsabotage einer Partei am rechten Rand des politischen Spektrums vielleicht nur darauf wartet, alte Feindbilder präsentiert zu bekommen.

Dass de Maiziére dem Schleier mit dem Vermummungsverbot beikommen will, ist noch schlimmer. Klar, die Vermummung ist nach Paragraf 17a des Versammlungsgesetzes verboten. Nach Paragraf 27, Absatz 2 bzw. Paragraf 29, Absatz 2 kann sie mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden. Leute, die sich vermummen, wollen sich vor persönlicher Verantwortung drücken; mit Religion hat das nichts zu tun. Ob wir uns zur Begrüßung die Hand geben oder nicht, ist übrigens nicht strafrechtlich geregelt.

2 Folgt man dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant, dann ist es Ziel der praktischen oder moralischen Erziehung, den Menschen zu einem frei handelnden Wesen zu bilden. Der Innenminister hat recht, wenn er schreibt, dass Bildung und Ausbildung nicht miteinander verwechselt werden sollten. Knowing that ist nicht knowing how. Gerade deswegen warten wir jetzt allerdings gespannt auf Thomas de Maizières zehn Thesen zu Pisa und zum Bologna-Prozess, die hoffentlich bald kommen.

3 Leistung: Dieser böse alte Fetisch der Deutschen, genauer der Preußen steckt natürlich auch dem Hugenotten de Maizière in den Knochen. Wir sagen dazu nur: Max Weber, protestantische Arbeitsethik. Ohne Fleiß kein Preis. Und: Von nichts kommt nichts. Oder Ulf Poschardt. Jedenfalls nicht mehr soziale Gerechtigkeit.

4 Natürlich sind wir Erben unserer Geschichte. Sogar Erben der tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Und natürlich ist das Verhältnis Deutschlands zum Existenzrecht Israels ein besonderes. Wie genau es aussieht, dazu schweigt sich de Maizière allerdings aus.

5 Für den Innenminister ist Deutschland das Land der Dichter und Denker. Ein Hort der Kultur. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sprach einmal davon, dass Kulturlosigkeit die Tür zur Barbarei öffne. Ob Leitkulturlosigkeit aber ebenfalls in die Barbarei führt, ist nicht entschieden. Jedenfalls gibt es kein historisches Beispiel dafür. Eher könnte das Gegenteil der Fall sein. Aber auch das ist nicht entschieden. Genauso wenig ist es entschieden, ob wirklich kaum ein anderes Land so sehr von Kultur und Philosophie geprägt ist wie Deutschland. Das genau behauptet de Maizière allerdings. Aber wer sind auch schon Doris Lessing, Nâzım Hikmet, Italo Calvino oder James Baldwin? Descartes? Sokrates?

Dass Musikschulen eine feine Sache sind, steht übrigens außer Frage. Wir fragen uns nur: Wieso schaute der Innenminister eigentlich jahrelang tatenlos zu, als eine Musikschule nach der anderen geschlossen wurde? Leitkultur? Sparzwang!

6 Der Innenminister ist überzeugt davon, dass Religion in Deutschland Teil dessen ist, was die Gesellschaft im Inneren zusammenhält. Was fest steht, ist, dass es anders als in den meisten Ländern, in Deutschland eine Kirchensteuer gibt. Das ist das besondere „Staat-Kirche-Verhältnis“, von dem der Innenminister spricht. Moscheen oder buddhistische Tempel werden nicht aus ihr finanziert, das kann aber noch kommen. Dass wir einmal Papst waren, hat damit nichts zu tun.

7 Konflikte regeln wir in Deutschland am liebsten gewaltfrei, sagt de Maizière. Gibt es eigentlich Gesellschaften, die Konflikte lieber gewalttätig als friedlich lösen? Und warum sind wir in Sachen Konsens schon wieder Weltmarktführer? Willkommen in der Suhrkampkuschelrepublik, in den United States of Jürgen Habermas! Minderheitenschutz ist ein sehr hohes Gut. Lesben und Schwule zum Beispiel, Transsexuelle, Ausländer, Behinderte dürfen nicht diskriminiert werden. Vollverschleierte auch nicht. Die Liste lässt sich erweitern. Warum der Innenminister weder diese Minderheiten noch die sozialen Kämpfe, die diese Minderheiten führen, beim Namen nennt, fragt man sich. Was man sich auch fragt: Was ist denn eigentlich das Gegenteil von Zivilkultur? Unzivilkultur?

8 FDP-Chef Christian Lindner mag es überhaupt nicht, dass der türkischstämmige deutsche Fußballspieler Mesut Özil die deutsche Nationalhymne nicht mitsingt, wenn er bei einem Länderspiel in der Start-Elf aufgestellt ist. Wahrscheinlich mögen das manche andere, vielleicht sogar andere türkischstämmige Deutsche, auch nicht. Den „aufgeklärten Patrioten“, die wir laut Thomas de Maizière sind, könnte es aber eigentlich egal sein, ob ein Fußballspieler die Nationalhymne mitsingt oder nicht. So viel Aufklärung darf sein.

Nicht egal sollte es sein, wenn der Innenminister oder der FDP-Vorsitzende die Leute infantilisieren, indem sie Nationalflagge und -hymne zum Gradmesser ihres Patriotismus machen. Aber vielleicht haben wir es hier auch nur mit einer verdeckten Koalitionsaussage für Schwarz-Gelb zu tun.

9 Weltmarktführer im Nachbarnhaben sind wir auch. Kein europäisches Land hat mehr von ihnen. Klar prägt uns das.Trotz oder wegen der gelegentlich verzwickten „Mittellage“, in der wir uns befinden, ist die Orientierung nach Westen, die NATO-Mitgliedschaft und die starke Verbindung zu den USA, aber natürlich nicht natürlich. De Maizière hat recht, wenn er schreibt, dass das historischen Grundentscheidungen folgt. Und natürlich hat er auch recht, wenn er sagt, dass Deutschland ohne Europa nicht das wäre, was es ist. Und Europa ohne Deutschland: dito.

10 Wie riecht Deutschland eigentlich, Herr Innenminister? Das wäre wirklich wichtig. Leitgeruch!

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06:00 17.05.2017
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