Lies mich, Baby!

Debatte Literaturkritik sei frauenfeindlich, meint der Hashtag #dichterdran und kontert. Aber ist nicht oft schon die Autoreninszenierung sexistisch?
Lies mich, Baby!

Mongate: der Freitag; Material: iStock

Es ist ein Was-wäre-wenn-Spiel, bei dem der Spieß umgedreht wird. Sprecherpositionen wechseln, es ist ein Maskenspiel, das den Parodierten zur Kenntlichkeit entstellt. Unter #dichterdran spielen es jetzt viele: schreiben über Schriftsteller, wie in der Literaturkritik über Schriftstellerinnen geschrieben wird. Das genderneutrale Passiv ist geboten, geht es doch nicht nur darum, wie Literaturkritiker (männlich) über Schriftstellerin (weiblich) schreibt. Frauen, die schreiben, werden oft an ihren schreibenden Männern gemessen. Simone de Beauvoir ist dann keine feministische Diskursbegründerin, sondern Sartres Gefährtin, Friederike Mayröcker nicht die Schöpferin hochkomplexer Sprachexperimente, sondern Gattin von Lyrikrampensau Ernst Jandl. Ottos Mops kotzt, die #dichterdran-Twitterer auch und kontern kreativ und gewitzt: „Paul Auster, dem Gatten der weltberühmten Schriftstellerin Siri Hustvedt, gelang es trotz seiner Vaterpflichten, das eine oder andere Buch zu verfassen. Dass seine Bücher nur wegen ihres Ruhms veröffentlicht wurden, lässt Siri Hustvedt nicht gelten.“

Es geht aber auch um eine Kritik, die nicht Texte bewertet, sondern Aussehen. Der Stein des Anstoßes: In einer Rezension des gefeierten Debüts Gespräche mit Freunden von Sally Rooney hatte Martin Ebel geschrieben, auf dem Foto des New Yorker sehe die aus „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Das, und auch Ebels gelehrter Befund, dass es bei ihr Szenen gebe, die aus den Konversationsstücken Pierre de Marivaux’ abgeschrieben sein könnten, wo es darum gehe, „seine eigenen Gefühle so lange zu verbergen, bis der andere sich verraten hat“, erboste die Literaturwissenschaftlerin Nadia Brügger: „Kann bitte ich das nächste Mal ... schreiben ... und zwar ohne die Autorin unnötig zu sexualisieren und ihre Leistung großväterlich zu schmälern?“, twitterte die. Die Schriftstellerin Simone Meier sekundierte: „Oder wir schreiben einfach alle mal so über Autoren. Wär noch lustig. ,Leider nur noch schwach erinnert Peter Stamm / Lukas Bärfuss / Christian Kracht/ XY heute noch an seine Posterboy-Zeit als kerniges Sexsymbol der 90er-Jahre-Literaturszene.‘ “ Regisseurin Güzin Kar war die Dritte im Bunde von #dichterdran. Manche der Tweets sind wirklich richtig lustig. Das finden auch andere (wie wir, aber auch die Sunday Times). Was den Hashtagerfinderinnen wiederum die Möglichkeit gibt, von eigenen Motivationen und Erfahrungen zu erzählen, zum Beispiel im Radio.

Simone Meier war beim MDR: „Als mein vorletzter Roman Fleisch vor zwei Jahren erschien, war eine Figur von mehreren eine Frau in der zweiten Hälfte ihres Lebens, zu Beginn der Wechseljahre. Und dann hieß es in manchen Kritiken: Auf einen Wechseljahre-Roman haben wir ja schon lange gewartet, wichtiges Thema, doch es sollte schon ein bisschen im Stil von Wilhelm Genazino geschrieben sein. Ich glaube, das war auf Spiegel Online.“ Da nachgeschaut sieht das allerdings etwas anders aus: „Es hätte also ein Roman werden können, der klischeefrei zeigt, wie sich die Körperidentitäten von Frauen und Männern um die 50 wandeln ... Literatur darüber gibt es noch viel zu wenig, noch dazu von Frauen – ohne auf Triefendes von Peter Sloterdijk und Martin Walser verweisen zu müssen, auf präzise Beobachtetes von Wilhelm Genazino oder Bodo Kirchhoff oder aufs Gesamtwerk von Alice Munro“, schrieb Anne Haeming beim Spiegel über das Buch. Hat Simone Meier ein schlechtes Gedächtnis? Man will nicht hoffen, dass sich hier mangelnde Kritikfähigkeit des Sexismusvorwurfs bedient hat.

Es wird halt gesagt

Im WDR beantwortet Güzin Kar die Frage, ob der Sexismus Methode habe: Das heiße „nicht unbedingt, dass der oder die Schreibende, es sind ja nicht nur Männer, die schreiben, sondern leider auch Frauen ... das bewusst machen müssen, aber es sind dermaßen internalisierte Wertvorstellungen, dass man doch davon sprechen könnte, dass es so was wie unbewusste Methode hätte, in den allermeisten Fällen ....“ Die Moderatorin hakt nach: „Wie äußert sich denn diese Wertvorstellung ...?“ Kar: „Sie haben ... bereits ein Beispiel gegeben. Das war das mit dem aufgeschreckten Reh und den sinnlichen Lippen. Ich meine, dass ein Foto einer jungen, attraktiven Frau auch wirkt, auch auf den Schreibenden. Das steht ja hier nicht zur Diskussion. Die Frage ist, warum schreibt er das?“ Und warum rede man „plötzlich über Körpergewicht, über das Alter?“. Man rede Erfolge klein, sagt Kar. Später zitiert die Moderatorin dann den Tweet über Hustvedt: „Das ist ja wirklich spiegelverkehrt von dem, was man tatsächlich so auch lesen kann ...“ Was man „tatsächlich so auch lesen kann“, dafür gibt es leider im Interview kein Beispiel.

Unschärfen wie diese gefährden die witzige Aktion, die sich im impersönlichen Passiv eines „es wird gesagt“ zu verlieren droht, wo Nachweise gefragt sind. Gut, dass Sibylle Berg einen Artikel verlinkt. Der nennt sie „die Lara Croft der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, den „gewalttätigsten Lidstrich Deutschlands“: „Frau Berg ist eine Meisterin der Maskierung, der Selbstironisierung, die ideale Projektionsfläche der sehr deutschen (weil nach Tiefe sehnsüchtelnden) Popfraktion. Eine Ahnung über Sibylles wahres Wesen bekommt wenigstens, wer im Netz die wunderhübsche Berg-Seite besucht (mit Frau Berg samt zu ihren Füßen lagernder Riesendogge drauf und mit Links, die mit „Anfassen“ oder „Geschlechtsverkehr“ betitelt sind).“

Inszenierung oder wahres Wesen? Und darf man so schnoddrig darüber schreiben? Schreibt man besser gleich wie Rainald Goetz? Das geht so: „Daniel Kehlmann auf der berühmten Matte seines Ruhms. Er beschwerte sich. Ich hätte ihm unrecht getan … Böse Absicht, sagte ich, lieber Daniel, das ist die Poetologie dieser ernsten Nichtscherze bei mir, die öffentliche Figura wird zum Nennwert des von ihr selbst öffentlich Aufgeführten, in Bild und Text aufgeführten, der von ihr selbst durch Mitmachen ratifizierten Imagokonstruktion genommen und meinem Textwolf einfach so zum Fraße vorgeworfen. Guten Appetit.“

Hat Ebel vielleicht keine Autorin sexualisiert, sondern nur eine Autorschaftsperformance beschrieben? Dann hätte sein Textwolf aber stumpfe Zähne. Die Nachfrage beim Mann für schwierige Fragen, Professor Schütz, ergibt, das Reh sei wohl keine gängige Autorschaftsallegorie („vielleicht einmal nach dem Marabu schauen!“).

Die Lust am Text

Warum also schreibt ein Rezensent über ein Bild, wo es doch um ein Buch gehen sollte? Wen kümmert’s, wer spricht? Hinter dem Text verschwinden ist aber auch ein Stück weit das Begehren von Rooneys Erzählerin Frances: „Übrigens hab ich deine Texte gelesen“, sagt Nick, mit dem sie eine Affäre beginnen wird. Frances’ Reaktion: „Es war, als hätte jemand das Ende eines unsichtbaren Bleistifts gehoben und behutsam mein gesamtes Erscheinungsbild ausradiert. Das war seltsam und eigentlich nicht unangenehm.“ Zugleich erzählt der Roman von den Problemen einer jungen Frau mit dem eigenen Körper, Hemmungen, sich vor anderen umzuziehen und dem Verlust solcher Hemmungen im Bett mit Nick. So gesehen passt sich das Foto der Autorin im New Yorker gut ein in eine Gesamtinszenierung von Buch, Hauptfigur und Autorin. Leicht verstrubbelt, den Blick abgewandt, ein wenig scheu. So, wie man sich vielleicht Leserinnen vorstellt, beim New Yorker, für den Rooney schreibt, und bei ihrem Verlag. Doch Vorsicht: Der Text ist klüger. Ob er das Erleben von Rooneys Generation zwischen Aufgeschrecktheit und Begehren spiegelt wie ein „Salinger für die Snapchatgeneration“ (so die Verlagswerbung) oder nur Marketing für das ist, was diese Generation konsumiert, bleibt unentschieden. Das macht seine Stärke aus.

Ein Fänger im Roggen gibt noch einmal ein gutes Stichwort für das Begehren, das Poststrukturalisten und fiktive Slam-Poetinnen teilen. Denn die sichtbare Inszenierung von Autorschaft ist älter als der Traum vom Verschwinden. Und als Norm bindender für die, die sich einen Namen machen wollen. Die individuelle Darstellung von Autoren kann man auf die Frühe Neuzeit datieren. Wer sehen will, wie es vorher war, schlage Schedels Weltchronik von 1483 auf: Dante und Petrarcha gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Der spätmittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein war da weiter. Er ließ sich mit dem versehrten Auge, das ihn plagte, in Stein hauen.

Bis zu unserer Zeit, die im Zeichen Knausgårds und anderer den Unterschied von Autor und Text vergessen macht und dieses Vergessen multimedial vermarktet, ist es ein weiter Weg. In Pose geworfen ist aber Autorschaft heute grundsätzlich, egal, welchen Geschlechts. Dafür sorgen die Marketingabteilungen der Verlage. Autorinnen und Autoren machen mit: ein Takis Würger, der verstrubbelt und rehäugig (ja!) in Karojacke eine Vitalität ausstrahlt, die jedem Shitstorm das Wasser reichen kann, ein verträumter Simon Strauß, dessen Antlitz sich nur so weit verfremdet auf den Schutzumschlägen seiner Bücher findet, um zum Gesicht seiner Figuren zu werden, eine Katerina Poladjan, deren Bild im Katalog die Frage stellt, ob das Löwen sein könnten in dem Dickicht hinter ihr.

Wenige konnten sich entziehen. Salinger eben, Pynchon, von dem nur Jugendfotos existieren, Ferrante, die ohne Gesicht bleibt. Vermummungsverbot von Bachmann bis Jelinek: „Als das Buch erschien“, schreibt der schon genannte Wilhelm Genazino, auch Experte für das intrikate Verhältnis von Autor und Bild, über Jelineks Lust von 1989, „sahen wir große Fotos, die die Autorin über halbe Zeitungsseiten hinweg abbildeten.“ Das Besondere: die Geste. Sie „bestand darin, dass wir sie, als erste abgebildete Autorin überhaupt – als eine Liegende sahen. Und als liegende Autorin (mit entblößten Schultern, entblößten Armen, mit aufgestütztem Kopf) korrespondierte ihr Bild auf eine zwar undeutliche, aber direkte Weise mit dem Titelversprechen.“ Ein Foto wirkt, auf Käuferinnen und Käufer, auf Rezensenten auch. Man sollte also darüber sprechen (wer übrigens möchte, schaue sich, apropos Lidstrich, den Schutzumschlag von Bergs Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot an). Kritisch, mit Blick darauf, was nur sieht, wer keine Angst hat, auch über Äußeres zu urteilen. Natürlich mit Blick auf Geschlechterklischees. Kommt darauf an, wie man es macht. Vielleicht ist ja #dichterdran ein noch besserer Vorschlag als gedacht.

11:15 19.08.2019
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