„Man war sofort der schwarze Radikale“

Porträt Alex Wheatle schreibt Jugendbücher. Dass ihm weder Waisenhaus noch Straßenkampf fremd sind, er Knast und Bibliothek von innen kennt, ist dabei von großem Vorteil
„Man war sofort der schwarze Radikale“
„Man war sofort der schwarze Radikale“

Foto: Roberto Ricciuti/Getty Images

Sehr groß ist Alex Wheatle nicht. Zäh sieht er aus, der 55-Jährige. Und wie Wheatle hier in Jeans und Sweatshirt auf der Atlantic Road im Südlondoner Stadtteil Brixton steht, spricht er, wenn er „a little“ sagt, das so aus: „a liccle“.

Auf den ersten Blick könnte man also glauben, dass etwas von Wheatle selbst in dem „Kleinen aus Crongton“ steckt, dem Helden aus seinem Jugendroman Liccle Bit, der in einer kaputten Familie irgendwo in England aufwächst: Der Vater ist mit einer Freundin der Mutter abgehauen, zu Hause hockt die Schwester mit dem Baby des Obergangsters aus dem Viertel. Der ist nun ganz scharf darauf, Liccle Bit unter seine Fittiche zu nehmen. Die Großmutter ist für den Teenager die einzige wirkliche Ansprechpartnerin, denn was bei den Freunden zählt, ist Coolness, nicht Offenheit über die Teenage-Angst, die Mädchenprobleme, streitende Eltern und darüber, dass man sich einen neuen, hippen Haarschnitt einfach nicht leisten kann.

Aber Crongton ist ein ausgedachter Ort, ein Hybrid aus Brixton und Croydon. Dass ihm der Fantasieort größere Freiheit beim Schreiben gebe, Charaktere so auftreten zu lassen, wie er wolle, sagt der Autor, der schon drei Crongton-Romane veröffentlicht hat, die in deutscher Übersetzung im Kunstmann Verlag erscheinen. Crongton, das sei für ihn wie eine weiße Leinwand, sagt Wheatle. Biografische Lektüre? Fehlanzeige also! Wheatles Leben allein ist aber schon bemerkenswert genug.

Gerade feierte das ganze Land eine große Hochzeit. Viele freuen sich, dass mit Meghan Markle eine Frau in die königliche Familie eingeheiratet hat, die afroamerikanische Wurzeln hat. Ein Ausdruck der Diversität im Vereinigten Königreich. Manche sprachen schon von Großbritanniens „Obama-Moment“. Doch Wheatle, der afro-karibische Autor aus Croydon, erzählt von einer anderen Eheschließung: „Das war eine Art Friedensangebot. Das ganze Land feierte die königliche Hochzeit, so wie jetzt auch. Wir haben hier eine Party veranstaltet, da kamen DJs aus Jamaika. Doch wir wollten eigentlich nur tanzen.“ Ein Friedensangebot war es, weil die Heirat von Charles und Diana nur wenige Monate nach dem Brixton Riot (siehe Info) stattfand. Wheatle deutet die Straße hinab: „Da drüben, da waren wir – und hier, wo wir stehen, da war die Polizei.“

Die Unruhen im April 1981 kamen nicht aus dem Nichts. Seit zwei Jahren war Margaret Thatcher Premierministerin. „Eine rassistische Regierung“, sagt Wheatle grimmig, „oh, wie wir sie gehasst haben!“ Das ehemals weiße Arbeiterviertel war damals 1980er extrem heruntergekommen, erzählt er. Hier lebten seit Jahrzehnten auch viele Einwanderer aus der Karibik, Menschen aus der sogenannten Windrush Generation, die als Gastarbeiter auf Einladung der Regierung aus dem Commonwealth gekommen waren, um den Wiederaufbau der Wirtschaft nach dem Weltkrieg voranzutreiben. Und auch meist weiße Hippies und Hausbesetzer hatten in den 70ern den Stadtteil schon für sich entdeckt. Ein kultureller Schmelztiegel, erzählt Wheatle. Beinahe wird er ein bisschen nostalgisch. Doch als Schwarzer wurde man andauernd von der Polizei schikaniert, oft grundlos mehrmals am Tag kontrolliert, erinnert er sich an die gewaltige Schattenseite jener Zeit. Die Arbeitslosigkeit: enorm. „Wenn du zu einem Bewerbungsgespräch gegangen bist und sagtest, du seist aus Brixton“, erinnert er sich, „war es höchst unwahrscheinlich, dass du den Job bekamst. Nach dem Riot schon gar nicht, denn man war sofort der schwarze Radikale aus dem Arbeiterviertel.“ Was für viele blieb, war Gras verkaufen, Kleinkriminalität. Aber die Musik! „Man merkt das jetzt kaum noch“, sagt Wheatle, der 1977 hierher zog, „doch damals gab’s hier überall Reggaemusik, man hörte sie aus den Fenstern, auf leeren Grundstücken übten DJs für ihre Sets.“

Begründetes Missverständnis

Die Unruhen, die in der Nacht vom 10. auf den 11. April 1981 im Südlondoner Stadtteil Brixton ihren Anfang nahmen und unter dem Namen „Brixton Riot“ bekannt geworden sind, begannen mit einem Missverständnis: Michael Bailey, ein junger Schwarzer, war bei einer Messerstecherei unter Jugendlichen verletzt worden und vor seinen Angreifern in eine Wohnung geflohen, wo die Bewohner und ein Polizeibeamter ihm Erste Hilfe leisteten. Als die Polizei den 19-Jährigen mithilfe eines Taxis in ein Krankenhaus bringen wollte, hielt eine aufgebrachte Menge das Fahrzeug in der Überzeugung an, die Beamten verweigerten dem Verletzten die notwendige Hilfe. Bailey wurde schließlich von den protestierenden Jugendlichen in ein Krankenhaus gebracht.

Noch in der Nacht verbreitete sich das Gerücht, Bailey sei im Krankenhaus gestorben, weil die Polizei ihren Pflichten nicht nachgekommen sei. Jugendliche meist afro-karibischer Herkunft reagierten mit gewaltsamen Protesten rund um die Atlantic Road in Brixton. Bis zum 12. April wurden fast 300 Polizisten und knapp 50 Zivilpersonen verletzt, über hundert Fahrzeuge zerstört. 82 Personen wurden verhaftet, unter ihnen der 18-jährige Alex Wheatle. Man geht davon aus, dass etwa 5.000 Personen an den Ausschreitungen beteiligt waren. Das Misstrauen der Bevölkerung gegen die Behörden war nicht unberechtigt. Gerade afro-karibische Bewohner Südlondons hatten jahrelange Repressionen durch die Polizei erfahren. Die neue Regierung unter Margaret Thatcher hatte zwei Jahre zuvor begonnen, mit massiven Kürzungen öffentlicher Ausgaben den Sozialstaat nachhaltig auszuhöhlen.

Wheatle hatte ein Sound-System gegründet, seine Augen glänzen, wenn er davon erzählt. Richtig erfolgreich wurde er als DJ aber nicht, „da waren zu viele, die so viel besser waren als ich. Aber man hatte etwas zu tun an den Wochenenden. Wir haben getanzt und manchmal kam die Polizei, weil sie nach Gras suchte oder nach irgendwas.“ Über die Musik kam er zum Schreiben, Songtexte zuerst, kleine Storys, jeden Tag etwas, das macht er heute noch so, das müsse man so machen sagt er.

Dass aus Wheatle jedoch ein sechsfacher Romanautor und preisgekrönter Jugendbuchautor wurde, war höchst unwahrscheinlich: Der Vater kam 1954 aus Jamaika, Wheatles Mutter dann ein paar Jahre später. Sie war schon verheiratet, hatte fünf Kinder und floh aus einer „sehr problematischen“ Ehe, wie ihr Sohn jetzt sagt. Man traf sich, hatte eine Affäre, sie wurde schwanger mit Alex. Als der verlassene Ehemann die verlorene Braut wiedergefunden hatte, blieb das Baby beim Vater. Der hatte es nicht leicht, alleinerziehend in den Sechzigern. Als der Zimmermann einen Nervenzusammenbruch erlitt und bald darauf das Land verließ, um in seiner Heimat zur Ruhe zu kommen, gab er den Sohn in die staatliche Fürsorge.

Pop weiß nichts von mir

Wheatle wuchs im Waisenhaus auf, es waren dunkle Zeiten, erinnert er sich, abgeschnitten von seiner Familie und Kultur, unsicher über die eigene Identität. „Wenn du niemanden hast, nicht weißt, wo du hingehörst, dann ist es sehr schwer, ein Selbstwertgefühl aufzubauen“, sagt er, der jetzt selbst Familienvater ist, der jetzt bei seinem Lebensthema angelangt ist. Mit Popmusik sei er aufgewachsen, „weiße“ Popmusik meint er damit: Musik, die ihm nichts über sein eigenes Leben sagte, darüber, wo er herkam, wo er hingehörte. Brixton war das genaue Gegenteil, heilsam für den jungen Mann auf der Suche nach seinen Wurzeln: Da gab es den Reggae und die Rastafaris, die immerzu von den „Roots“ sprachen, denn „wenn du nicht weißt, wo du herkommst, dann weißt du nicht, wo du hingehst“, erinnert sich Wheatle an das Mantra von Brixton in den späten 70ern.

Bei den Ausschreitungen habe er ein paar Steine geschmissen, ja. Und dachte zunächst, er sei ungeschoren davongekommen, denn verhaftet wurde er in jener Nacht nicht. „Wenn sie deine Tür eintreten, wie kommst du heraus? Mit erhobenen Händen oder mit einer Hand am Abzug?“, singt Paul Simonon, der Sänger der Punkband The Clash, in The Guns of Brixton zu schweren Dub-Rhythmen. Simonon stammt wie Wheatle von hier. Ähnlich wie in diesem Song, der allerdings lange vor den Unruhen aufgenommen wurde, wird es gewesen sein, als die Polizei dann doch die Wohnung durchsuchte, in der auch er damals lebte. Dass er zunächst zur drakonischen Strafe von einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, habe ihm weniger ausgemacht, sagt er. Aber das Gefühl, ganz alleine zu sein – die Familien seiner Mitangeklagter waren zur Urteilsverkündung erschienen –, habe ihn an den Rand des Selbstmords getrieben. Die Rettung war ein Zellennachbar, der ihm das Buch The Black Jacobins des Historikers C. L. R. James aus Trinidad zu lesen gegeben habe, in dem der Sklavenaufstand zwischen 1791 und 1804 auf Haiti beschrieben wird. Wenn diese Leute es geschafft hätten, sich von ihrem Joch zu befreien, merkte der junge Häftling, würde es auch für ihn eine Chance im Leben geben.

Wheatle machte sich daran, sich die Bildung, die er nicht genossen hatte, selbst zu erlesen. Hier, sagt er und zeigt auf die öffentliche Bibliothek am Windrush Square neben dem Kino, bin ich ausgebildet worden. Manchmal habe er bis zu sechs Bücher am Tag mitgehen lassen. „Aber ich hab sie immer zurückgebracht!“ Er las sich durch die Literatur schwarzer US-Amerikaner wie James Baldwin, machte aber auch um weiße Autoren keinen Bogen. Von John Steinbeck habe er gelernt, dass auch von den Armen mit Würde erzählt werden konnte.

Wheatles erster Roman Brixton Rock erschien 1999. Darin geht es um einen jungen Schwarzen auf der Suche nach seiner Mutter. Er findet sie schließlich, erfährt, dass er eine Halbschwester hat und beginnt eine Beziehung mit ihr. Autobiografisch sei das Buch, sagt Wheatle, aus dem eigenen Leben und dem der Menschen, die er damals kannte, geschöpft. Tatsächlich machte er sich selbst in den 80ern auf die Suche nach den verschollenen Eltern. Nachdem er etliche Briefe an Radiostationen und Zeitungen in Jamaika geschrieben hatte, fand er zunächst den Vater wieder, der als Lehrer für Holzverarbeitung in einem Vorort von Kingston lebte. Schwierig sei das für ihn gewesen, den Vater zu treffen, sagt Wheatle und erzählt von der Wut auf den Mann, der ihn allein in London zurückgelassen hatte, die ihn auf dem Transatlantikflug übermannt habe. Und darüber, wie Vater und Sohn dann auf der Veranda gesessen hätten, 1987, der Vater ein Stout in der Hand, er eine Rum Cola, dass sie einige Drinks gebraucht hätten, um über die Dinge zu sprechen, die zwischen ihnen lagen. Emotionaler sei das Wiedersehen mit der Mutter gewesen, die nichts davon geahnt hatte, dass ihr sechstes Kind als Sozialwaise im Heim aufgewachsen war. Schwieriger zu realisieren sei sie auch gewesen, die Suche nach der Mutter, denn die sei aus Jamaika mit seinen fünf Halbgeschwistern in die USA emigriert. Erst über die ehemalige Friseurin der Mutter habe er sie schließlich Anfang der Nullerjahre in Washington aufgespürt. Ob er je daran gedacht habe, zu seinen „Roots“, nach Jamaika, zurückzukehren, Brixton hinter sich zu lassen? „Oh ja“, sagt Wheatle, auf jenem ersten Flug in die Karibik zum Vater. Aber dann habe er dort sofort gemerkt, dass er Brite sei, schon wie er laufe, schneller als alle anderen da. "Und ich mag meine Tasse Tee", sagt er, während er verschmitzt lächelt. Die Rückkehr zu den Wurzeln habe ihm gezeigt, wo er hingehöre.

Divers durch Gentrifizierung

Ein lauter Knall. Auf der Acre Lane, westlich des Windrush Square, hat es einen Auffahrunfall gegeben. Irgendwo auf dem Platz schreit eine offensichtlich verwirrte Frau etwas Unverständliches. Es ist nur ein Blechschaden. Die Fahrer sind ausgestiegen, einer trägt Cornrows, eng am Kopf anliegende Zöpfe, der andere einen adretten Seitenscheitel. „Der darf hier doch nicht abbiegen“, sagt Wheatle. Brixton sei viel diverser heute als in den 70ern und 80ern , kommt er zurück zum Thema,. Viel teurer auch: Im Brixton Market reiht sich ein veganes Café ans nächste, nur vereinzelt gibt es noch importierte Ware, Gemüse aus Afrika und der Karibik, Plastikeimer aus China. Auf der Electric Avenue gibt’s Handyhüllen, Hüte, Basecaps zu kaufen. Schicke Restaurants eröffnen überall, Weinläden. Das sei ein Problem, immer mehr Leute aus der Mittelklasse zögen hier her, die Mieten steigen, seine eigenen Kinder mussten sich Wohnungen in weiter draußen liegenden Vororten suchen. Andere müssen ganz aus London wegziehen. Obwohl zu vermuten sei, dass dadurch bald fast jeder Ort im Königreich multikulturell sein werde, scherzt er, gebe es große Nachteile: Familien werden zerrissen, keiner weiß mehr, wo er hingehört.

Regelmäßig geht Wheatle nun in Schulen, liest aus seinen Büchern und erzählt Jugendlichen von seinem Leben. Gerade war er in Deutschland, in Göttingen und Frankfurt. Die Schüler dort hätten mit seiner Geschichte von Liccle Bit und seinen Freunden aus Croncton viel anfangen können, erzählt Wheatle begeistert. In New York hat er auch schon in einer Schule gelesen. Wodurch sich die Jugend heute hier in Brixton von der Jugend von damals unterscheide? Das sei schwierig zu beantworten. Die Jugendkultur sei sehr amerikanisch geworden, sagt Wheatle, Rapmusik ganz wichtig, das sei ein anderer Bezugspunkt als der seiner Jugend, wo es vor allem darum gegangen sei, wo man herkommt, wo die Eltern herkamen, und darum, die Kultur, die über Generationen weitergegeben wurde, dazu zu nutzen, herauszufinden, wer man sei und wo man hingehöre. Und das sei wichtig für seine Geschichte, die den Jüngeren zeige, dass man es zu etwas bringen kann, auch wenn das zunächst extrem unwahrscheinlich erscheine.

06:00 20.06.2018
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