Monsterspaß

USA Ein Jahr schon läuft das barocke Trump-Trauerspiel: Kollabiert er? Oder zerbricht doch das Land an ihm?
Monsterspaß
Der amtierende Präsident macht, dass die Menschen sich endlich wieder intelligent und emotional ausgeglichen fühlen

Foto: Mark Makela/Reuters

Vulgär, illiterat und sexistisch. Rassistisch, narzisstisch, unfähig. Wahrscheinlich gefährlich. Mit solchen Gedanken wird wohl mancher Leser Fire and Fury, Michael Wolffs Inside Story über Donald Trump und das Weiße Hausnach der Lektüre aus der Hand legen.

Dabei lässt sich nicht wirklich behaupten, das Buch fördere neue Erkenntnisse über die Person Trump zutage. Was Wolff beschreibt, so war sich James Fallows im Atlantic auch schon früh sicher, sei ein „offenes Geheimnis“. Ein Vergleich mit dem Fall Weinstein dränge sich auf: Von dessen erst jetzt öffentlich angeprangertem Fehlverhalten wusste das Umfeld auch längst. Ähnlich sah es Masha Gessen im New Yorker: dass dieses mit öden Details überfrachtete Buch über Nacht zur Sensation werden konnte, obwohl es so wenig Neues bringt, zeige, dass der Realitätssinn in Amerika noch kleiner ist als bisher angenommen. Fakt ist: Trump ist immer noch da, auch ein Jahr nach seiner überraschenden Wahl. Und das, obwohl alle wissen, dass er unfähig und eine Schande für sein Land ist. Eine Schande für sein Amt.

No President hatte schon im November 2016 der hippe Linkstheoretiker Mark Greif in seinem Magazin N+1 getitelt. „Kein Präsident“, das zitiert den Slogan „Not my President“(„Nicht mein Präsident“), der nach der unerwarteten Niederlage Hillary Clintons bei denen aufkam, die sich mit dem Neugewähltennicht identifizieren wollten. Die sich von ihm nicht vertreten lassen wollten. Der Slogan war erkennbar nicht geeignet, den nun so deutlich sichtbar gewordenen Graben, der die US-amerikanische Gesellschaft teilt, zu überbrücken. Auf der einen Seite: das liberale, multikulturelle Amerika, das der freien, globalisierten Marktwirtschaft huldigt, dem Motto „those jobs aren’t coming back“ folgt und Collegeausbildung für das Normalste auf der Welt hält.

Auf der anderen Seite: ein postindustrielles, primär weißes Amerika, das sich zu Recht abgehängt fühlt und von früheren Regierungen seinerseits nicht repräsentiert sah. Dennoch spricht Greif dem Nachfolger Obamas jegliche Legitimation ab, das Land zu führen. Ein Präsident, der damit prahlt, eine mögliche Niederlage nicht anzuerkennen, voller Rassismus, voller Sexismus. Was für eine Schande für das Amt! Und man ist fassungslos, dass die Wähler Trumps all das gewußt haben, genauso wie die Republikanische Partei und alle anderen, die Augen im Kopf haben. Die Missachtung der Verfassung, die Verachtung von Immigranten, von Frauen. Was die einen fassungslos macht, spielt für die anderen keine Rolle, schreibt Greif. Obwohl es doch ein offenes Geheimnis war, schon im November 2016. Vielleicht, weil es ein offenes Geheimnis war.

Stammgast im Fettnapf

Schwindlig wird einem auch, wenn man sieht, wie mit diesem „Geheimnis“ umgegangen wird. Erneut haben Psychiater Trump öffentlich Amtsunfähigkeit attestiert. Das legt den 25. Zusatz der Verfassung nahe. Der sieht vor, dass der Präsident, sollte er dauerhaft oder zeitweilig unfähig sein, den Anforderungen des höchsten Staatsamtes gerecht zu werden, von seinem Stellvertreter ersetzt wird. Zeitungen spekulieren, dass der mit 70 Jahren bei Amtsantritt älteste Präsident „unfit“ sei: „nicht in Form“, aber auch „ungeeignet“. TV-Comedians machen sich Abend für Abend über die geistige Defizienz Trumps lustig. Kein Tag vergeht, an dem nicht Tausende in sozialen Medien mit Belustigung, Häme oder Empörung auf ihn reagieren. Und in internationalen Feuilletons wird diskutiert, ob es unpassend war, Shakespeares Julius Caesar als rotblonden Fiesling zu inszenieren. Trump wäre besser in Richard III. versinnbildlicht, einem satanischen Joker, der alle Hürden auf dem Weg zur Macht wegräumt und das Volk belügt. Man hat sich darin eingerichtet, diesen Präsidenten verächtlich zu machen, es gruselt einem wohlig vor seiner Monstrosität.

Der moralische Profit wird durch den wirtschaftlichen vermehrt. Eine regelrechte Anti-Trump-Industrie ist entstanden. Fire and Fury ist darin der vorerst letzte Bestseller. Wer Stephen Colberts Late Show schaut, weiß, dass es beinahe nur um eins geht. Obwohl Trump eigentlich gar keine Comedians bräuchte, um sich lächerlich zu machen – das schafft er alleine –, ist er deren Thema Nummer eins. Die bürgerlichen Zeitungen, allen voran die New York Times und die Washington Post, lassen keine Vulgarität , keinen Fauxpas Trumps aus. Die Leser danken’s.

Das alles bringt es mit sich, die immerhin noch 38 Prozent, die aktuell hinter Trump stehen, weiter zu entfremden. Wer Trump ridikülisiert, macht auch seine Wähler lächerlich. Es ist eine Fortsetzung dessen, was Hillary Clinton sich und den Anhängern Trumps antat, als sie sie im Wahlkampf „klägliche“ Gestalten nannte. Man revanchiert sich damit, auf Veranstaltungen noch heute „Sperrt sie ein“ zu skandieren. Die Verachtung potenzieller Wähler kann die Wahl kosten. Ist man hingegen erst Präsident, können einen noch die dümmsten Tweets oder eine gefährliche Nähe zu Neonazis kaum gefährden.

Die Hoffnung, dass Donald Trump wie ein Souverän im barocken Trauerspiel am Konflikt zwischen seinen Leidenschaften und den Anforderungen des Amtes zerbricht, hegen die, die auf ein Impeachment setzen: Sollte es tatsächlich kompromittierende Aufnahmen mit Prostituierten geben, so wäre Trump erpressbar, eine Gefährdung für das Amt. Klar, ihn in ein solches Amtsenthebungsverfahren zu manövrieren, daran könnten viele ein Interesse haben. Serge Halimi zählte sie in Le Monde diplomatique auf: Da sind die Neokonservativen, die den Irakkrieg befürworreten, Putin verteufeln und die Sicherheit Israels als nicht verhandelbar sehen, denen Trumps Ideal eines militärischen Isolationismus ein Dorn im Auge ist. Obwohl sie nach Trumps Jerusalem-Entscheidung ein wenig besänftigt sein dürften, haben diese Neo-Kons bezüglich des Feindbildes Russland einen Verbündeten in den Geheimdiensten, die sich von festen Freund-Feind-Konstellationen Stärkung versprechen. Ein Nachweis, dass Russland die Wahl beeinflusst hätte, würde aber den gekränkten, von Grabenkämpfen gebeutelten Demokraten am meisten zupasskommen. Es wiederholt sich: Trumps Wähler, ihre realen oder imaginierten Probleme und Ängste, will man in diesen Szenarien nicht ernst nehmen. Stattdessen akzeptiert man sogar die Story, Opfer einer fremden Macht geworden zu sein.

Dabei verwundert es schon, wie wenig Widerstand es in der Grand Old Party gibt, denn Trumps protektionistisches „America First“ geht den Marktradikalen genauso gegen den Strich wie sein Lebensstil den christlichen Fundamentalisten. Und auch, dass keiner in Sicht ist, der ihm in drei Jahren vielleicht sogar als Präsident nachfolgen könnte. Aber auch bei den Demokraten verhält man sich eher still, sieht man einmal vom Enfant terrible Bernie Sanders ab. Besonders zurückhaltend sind Ex-Präsident Obama und Hillary Clinton. Es scheint, als wolle man das eh schon ramponierte Amt des Präsidenten nicht noch zusätzlich durch deutliche Kritik schädigen. Man hat ja immerhin die Gewissheit, dass auf Trump ein anderer Amtsinhaber folgen wird. Wenn nicht in drei, dann in sieben Jahren.

Make China Great Again

Während die USA solchermaßen mit sich selbst beschäftigt sind, geht es international darum, die Leerstellen zu füllen, die Trump schafft. Außenminister Gabriel hat gerade erst mehr Engagement Europas dort gefordert, wo die USA kein verlässlicher Player mehr sind. Auch China steht dort in den Startlöchern, wo sich Amerika nicht mehr zuständig fühlt. Make China Great Again titelte unlängst der New Yorker ganz unironisch. Ob auch deshalb so wenig Widerworte aus der sogenannten Weltgemeinschaft kommen?

Am Ende bleibt ein Verdacht: Stimmt es eigentlich wirklich, dass Trump so wenig Stratege ist, wie alle sagen? Dass er so „verrückt“ ist? Dass der spätere Präsident den Skandal um das „Billy-Bush-Tape“, auf dem man ihn prahlen hört, Frauen jederzeit befummeln zu können, ein Ablenkungsmanöver nannte, lässt immerhin vermuten, dass sich hier jemand mit der medialen Öffentlichkeit auskennt, unabhängig davon, wie widerlich er als Charakter wirkt. Der Kognitionsforscher George Lakoff hat Trumps Ausfälle etwa gegen Meryl Streep („eine der überschätztesten Schauspielerinnen Hollywoods“) denn auch als kalkulierte Provokation gedeutet, die von eigentlichen Problemen ablenkt. Also doch Richard III.? Kein Clown, sondern skrupelloser Machtmensch? So oder so bleibt aber die Frage, was er mit seiner Macht anrichten kann.

06:00 11.01.2018
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