Neues vom Rechten Flüüügel

Medien Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat sich neuerdings der Wahrheitsfindung verschrieben. Er plant ein Online-Portal, das wacker gegen die "Meinungsdiktatur" kämpft
Neues vom Rechten Flüüügel
Strahlend gegen die "Meinungsdiktatur": Dietrich Mateschitz
Foto: Clive Mason/Getty Images

Das nächste große Ding in Sachen (unterdrückter) Wahrheit kommt aus Österreich. Der neurechten Website unzensuriert aus der österreichischen Hauptstadt jedenfalls, die seit 2009 online ist, geht es ziemlich gut. Das, was der Philosoph Karl Popper, selbst in Wien geboren, als „Verschwörungstheorie der Unwissenheit“ bezeichnet hat, erfreut sich in der Alpenrepublik offensichtlich einiger Beliebtheit. Popper meinte damit die Idee einer bösen Macht, die in der Lage wäre uns über die wahren Verhältnisse im Unwissens zu lassen. Genau das signalisiert der Name der Website: Jenseits unserer Wahrheit herrscht sie, die Zensur, und dort wird man manipuliert, kontrolliert, fremdbestimmt. Passend dazu lautet ihr Mottoauch: „Der Wahrheit verpflichtet“.

Neuerdings hat man, quasi für spezifisch bundesrepublikanische Wahrheiten, einen Namensvetter mit de-Endung. Das lässt natürlich darauf schließen, dass auch hierzulande dunkle Mächte am Werk sind, die die Wahrheit unterdrücken. Manche vermuten darin denn auch den Grund dafür, dass das deutsche Webportal Kopp Online im März diesen Jahres vom Netz ging. Im Dienste von „Informationen, die Ihnen die Augen öffnen“ war man auch hier einst angetreten. Am Ende mangelte es aber ganz schnöde am Geld: Nur 6000 Euro seien in einem Jahr an finanzieller Unterstützung seitens der User zusammengekommen, so der Betreiber. Glaubt man einem Spendenaufruf von 2015, so muss man sich jetzt Sorgen um die Zukunft von bis zu zwanzig Mitarbeitern machen.

Um seinen Arbeitsplatz muss sich Dietrich Mateschitz auf keinen Fall sorgen. Um Geld auch nicht. Auf der Liste der Superreichen dieser Welt ist der 1944 geborene Chef des österreichischen Getränkekonzerns Red Bull laut Forbes auf Platz 64.

Aber Sorgen macht er sich trotzdem, wie er jetzt der Kleinen Zeitung wortreich erzählt hat: Über die „selbst ernannte sogenannte intellektuelle Elite“ zum Beispiel. Bei der könne man „bei bestem Willen weder einen wesentlichen wirtschaftspolitischen noch einen kulturpolitischen Beitrag“ für das Land erkennen. Und über den Einfluss dieser Elite auf das öffentliche Klima. Denn hier scheine es so, „dass sich niemand mehr die Wahrheit zu sagen traut, auch wenn jeder weiß, dass es die Wahrheit ist.“ Zur Wahrheit gehört, folgt man dem Unternehmer, Rennsport- und Fußballsponsor, dass die meisten Flüchtlinge, die in den letzten Jahren nach Europa gekommen sind, diesen Namen gar nicht verdienten. „Auswanderer“ träfe es besser. Flüchtlinge seien das nicht, nicht nach der Genfer Konvention. Worüber sich auch keiner zu reden traue, sei die Scheinheiligkeit derer, die „Willkommen“ oder „Wir schaffen das“ gerufen hätten und von denen keiner sein Gästezimmer hergegeben, geschweige denn für fünf solcher „Auswanderer“ ein Zelt im Garten stehen habe. Gescheitert sei sie, die österreichische Flüchtlingspolitik. Aber auch das traue sich keiner öffentlich zuzugeben.

Gegen diese „Meinungsdiktatur“, die aus den Österreichern „unmündige, kritiklose und verängstigte Staatsbürger“ mache, „gläserne Menschen“, denen das „ureigenste aller Menschenrechte“, dasjenige nämlich auf „Eigenverantwortung“ (und zudem noch das Recht darauf, mit Bargeld zu zahlen), genommen werde, möchte Mateschitz etwas tun. Etwas für diejenigen, die manipuliert und reglementiert, überwacht und kontrolliert würden von denen, die sich in „politischer Correctness“ ergehen.

Breitbart findet es super

Folgt man der Kleinen Zeitung, so plant Mateschitz nun eine publizistische Antwort auf die österreichische Misere mit der Wahrheit. „Quo Vadis Veritas“ („Wohin gehst Du, Wahrheit?“) heißt die Stiftung, die hinter dem Format „Näher an die Wahrheit“ stehen soll. Eine multimediale, öffentlich zugängliche Rechercheplattform soll es werden.

Resonanz ist ihr wohl sicher, auch unter den Lesern der Kleinen Zeitung: Die rief auf, darüber abzustimmen, ob eine solche „Abrechnung“ mit Flüchtlingspolitik und Willkommenskultur berechtigt sei. Ergebnis: 88% der Teilnehmer sahen das so und gaben dem selbst ernannten Humanisten und Kosmopoliten, Pazifisten und Individualisten recht. Der mit soviel Zustimmung bedachte erklärt übrigens, zwar „hie und da das legitime rhetorische Mittel der Überzeichnung“ einzusetzen, „um Dinge kenntlich zu machen“ aber sonst bei den Fakten zu bleiben.

Positiv bewertet wurden die Aussagen von Mateschitz dann auch vom amerikanischen Portal Breitbart, der publizistischen Heimat der Alt-Right-Fraktion. Vor allem seine Auslassungen zur gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik und zum Diktat der Political Correctness gehen dort, wo sich auch ein Steve Bannon oder ein Milo Yiannopoulos intellektuell zu Hause fühlen, selbstredend runter wie Öl. Andere, etwa die Website artnet.com sind hingegen alarmiert. Red Bull sponsert nämlich nicht nur Autorennen, Fußball und Extremsport sondern hat sich mittlerweile auch als Mäzen in der internationalen Kunst- und Musikszene einen Namen gemacht. Zu den Projekten, die der Getränkehersteller unterstützt, zählt beispielsweise die Red Bull Music Academy, die sich auf elektronische Musik spezialisiert. Auch Red Bull Art, ein nach eigener Aussage experimenteller, nicht-kommerzieller Kunstraum im New Yorker Stadtteil Chelsea, wird gefördert.

Außer Frage scheint zu stehen, dass mit derlei Projekten ein anderes Klientel angesprochen wird als von dem geplanten digitalen Hort der Wahrheit. Mateschitz will den Konzern, der im letzten Jahr sechs Milliarden Dosen seines Energy Drinks verkauft hat, hierbei übrigens auch außen vor lassen, genau so wie seinen Fernsehsender ServusTV.

Dass die Marke den Einstieg des Milliardärs in die massenmediale Verschwörungstheorie der Unwissenheit trotzdem nicht ohne Einbuße überstehen wird, ist wahrscheinlich ein frommer Wunsch. Was hingegen abzuwarten bleibt ist, wie Breitbart, ein Riese in diesen Dingen, und zumal mit Expansionsabsichten auch in den deutschsprachigen Raum, auf den österreichischen Konkurrenten reagieren wird, wenn er erst einmal online ist.

15:04 27.04.2017
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