Neusteinzeit

Pop Jarvis Cocker, Sänger der besten britischen Band der 1990er, ist zurück. Auf „Beyond the Pale“ erinnert viel an Pulp, aber das ist so frisch, dass es eine Freude ist

House hat mit Hausmusik – mit Häusern – nur insofern zu tun, als House drinnen, unter dem Dach einer Lagerhalle, im legendären Club „Warehouse“ in Chicago, das von Spiegelkugeln gebrochene Licht der Welt erblickte. An den Turntables stand in den frühen 1980ern meist DJ „Frankie“ Knuckles, „Godfather of House“.

„That sound they play down the house“ heißt also alles andere als „zu Hause bleiben“. Der Sound, den sie unten im Lagerhaus spielten, lockte die Leute raus aus den eigenen vier Wänden, rein in den Club. Wer daheim und allein blieb, war verloren, so wie der, von dem Jarvis Cocker gleich zu Beginn der zweiten Single seines Projekts JARV IS singt: „Lost in the night of the living room / Adrift in the world of interiors / It’s serious.“ Es ist ernst, denn da fehlt wer, obwohl der Club jetzt drinnen tönt: „I was listening to house music all night long / And all day too / I was waiting for you.“

Da spielt wer mit Sprache, so viel ist klar, wenn in „House Nation“ (eigentlich ein legendärer House-Track) der Lagerkoller ausbricht. Klaustrophobie befällt den Daheimgebliebenen, und einen so wilden Reim hat man sich aufs Alleinsein wohl noch nie gemacht.

Rummachen an der Luft

„Goddamn this claustrophobia / ’Cause I should be disrobin’ ya / Yeah, in a woodland glen / With the wind in your face.“ Rummachen unten im Wald, an der frischen Luft, statt drinnen zu bleiben, allein, es ist wirklich ernst. Ernst war auch die Situation, die uns alle ab März ans Haus gefesselt hat und die Leute vielerorts immer noch der Klaustrophobie anheimgibt. Clubs? Zu, auch hier noch: „This is one nation under a roof.“ So wird der Track wohl zur Hymne des Lockdowns werden.

JARV IS, deren Debütalbum Beyond the Pale nun raus ist, nachdem der Erscheinungstermin von März auf September und wieder auf Juli verschoben worden war, haben die sieben Stücke der Platte auf Festivals zusammen mit ihrem Publikum entwickelt, sagen sie. Pop aus dem Workshop.

Und was für ein Pop das ist! Wer bereits Angst hatte, dass Jarvis Cocker nach der Trennung von Pulp mit seinem zweiten Soloalbum Further Complications (2009) in Alterssteinzeit gehen würde – die von Starproduzent Steve Albini abgemischte Rockplatte ließ das befürchten –, wer nach dem Projekt Room 29 (2017) mit dem argentinischen Pianisten Chilly Gonzales den stylishsten Frontmann der Britpop-Ära eher in der E-Musik angekommen sah, wird überrascht sein, wie neu und frisch dieser Pop klingt. Die fast achtminütige Langversion von House Music, mit ebenjenem Gonzales am Klavier, beweist das noch mehr als die Albumversion.

Aber schon die erste Single von JARV IS, die, apropos Steinzeit, Must I Evolve hieß und 2019 erschien, ließ hoffen. Sie ist so etwas wie die Popversion der Zeichentrickserie Es war einmal der Mensch, nur dass sie auf einer Technoparty unter der Autobahn endet, Höhle quasi, zu den Klängen ebenjenes Frankie Knuckles, der die House Music groß machte. Der Refrain ist eine Art Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Singstimme und Frauenchor. Eigentlich rhetorische Fragen sind das, und unbarmherzig-monotone Antworten: „Must I evolve? / Yes, yes, yes, yes / Must I change?/ Yes, yes, yes, yes / Must I develop? / Yes, yes, yes, yes / Can I stay the same? / No, no, no, no.“

Im hohen Gras hat einer seine Drogen liegen gelassen, und auch ein Dachs schaut mal vorbei. Neu ist das, frisch. Aber es blickt auch zurück auf die großen Themen von Pulp, der Band, die 1978 vom 15-jährigen Cocker gegründet wurde und bei der es wie ein Wunder wirkt, dass sie durchgehalten hat, bis sie in den frühen 1990ern zur besten englischen Band der Dekade werden durfte. Denn zitiert wird hier natürlich Sorted out for E’s and Whizz, das 1995 für einen Skandal sorgte, weil die Yellow Press darin die Verherrlichung von Drogen sah (E steht für Ecstasy, Whizz ist ein Slangwort für Amphetamine). Obwohl da irgendwann wer in der Pampa steht und seine Mutter anrufen will, um ihr zu sagen, dass er nicht zurück nach Hause kommen kann: „’Cause I seem to have left an important part of my brain somewhere / Somewhere in a field in Hampshire.“ Eine Warnung eher.

Apropos Stein: In Sometimes I am Pharaoh geht es um einen, der als lebende Statue vor Kirchen steht: „Sometimes I am Pharaoh / Sometimes I am Chaplin / Sometimes I’m made of stone/ But always out there watching.“ Das ist Jarvis als Peeping Tom, der wie in I spy (Different Class, 1995) spannt, gut sichtbar und doch unsichtbar wie Edgar Allen Poes verlorener Brief. Er sieht alles: die Frau, die den Altar fotografiert und dann Angst vor der Strafe Gottes hat, die Touris, die immer essen, essen, essen. In Children of the Echo, dem letzten Stück der Platte, klingt Cockers Sprechgesang, als würde er das sehr frühe Pulp-Stück My Legendary Girlfriend nicht aus dem Kopf bekommen. Cocker ist sich historisch geworden. Das ist gut so. Und die neue Band, samt Harfenistin, tut ihm hörbar gut. So gut, dass man ihm verzeiht, dass er wie der Leonard Cohen vom Natural-Born-Killers-Soundtrack klingt, im Opener Safe the Whale. Beim nächsten Workshop der Band will man dabei sein.

Info

Beyond the Pale JARV IS Rough Trade

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06:00 02.08.2020
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Ausgabe 48/2020

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