Nicht dein Gesicht

Hygiene-Museum Gesichtserkennung ist allerorten. Eine Dresdner Ausstellung zeigt: die Sache ist kompliziert

Schlaftrunken wie ich bin, hätte ich den großen blauen Aufkleber auf dem Boden des Bahnhofs Südkreuz vor der Treppe fast übersehen. Der Zug nach Prag, Stopp in Dresden, fährt früh. „Pilotprojekt Gesichtserkennung“ steht da, links eine Kamera, die man dann beim Blick nach oben in echt sieht, mit Stacheln, wegen der Tauben. Rechts ein QR-Code, den man scannen soll. Ich weiß gar nicht, ob mein Handy das kann, aber ich habe über das „Projekt“ gelesen. Big Brother am Bahnhof. Ich versuche erst gar nicht, dem Blick der Kamera auszuweichen. Schließlich gehöre ich nicht zu denen, die je zwei Bilder ihres Gesichts zur Verfügung gestellt haben. Diese Testpersonen benutzen die Eingänge und Treppen des Verkehrsknotenpunkts im Berliner Süden sehr häufig. Es geht darum, Menschen in Bewegung mit gespeicherten Porträts abzugleichen. Und solche, die Mützen oder Brillen tragen. Ich kann beruhigt sein. Oder? Werde ich hier gefilmt, wandert mein Gesicht, oder besser: dessen Bild, nicht trotzdem in die Datenbank der Behörde?

Super-Recognizer

Sigrid Weigel, ehemalige Direktorin des Berliner Zentrums für Literaturforschung erkenne ich im Café des Hygiene-Museums gleich. Sie sitzt ein paar Tische weiter und bereitet wohl ihre Präsentation vor. Weigel ist mit ihrer Forschung zum Gesicht als Artefakt Stichwortgeberin hier. Irgendwoher kenne sie mich, sagt sie später, als sie an mir vorbeikommt. Stimmt, vor langer Zeit habe ich eines ihrer Seminare an einer ausländischen Universität belegt. Dass sie mein Gesicht hier nicht sofort einordnen kann: Sie ist vielleicht kein Super-Recognizer, so nennt man die paar Menschen, die es noch mit Computern in puncto Gesichtserkennung aufnehmen können. Ein tolles Personengedächtnis hat die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, der in ihrem Leben Hunderte, vielleicht Tausende Studenten begegnet sind, trotzdem.

Leute, die sich partout keine Gesichter merken können, leiden an Prosopagnosie, an „Gesichtsblindheit“. Das kann erblich sein, aber auch Schlaganfälle oder Hirnverletzungen sind Ursachen. Quasi das Gegenteil, nämlich überall Gesichter zu sehen, auch wo keine sind, nennt die Psychologie Pareidolie. Eine Unterart der „Clustering Illusion“: Wir neigen dazu, in zufälligen Mustern bekannte Dinge, oft Gesichter, zu erkennen. Das Mars- oder das Mondgesicht. Das liegt vielleicht daran, dass Gesichter eine recht einfache Form haben: „Weiße Wand, schwarzes Loch“, nennen Gilles Deleuze und Félix Guattari es radikal knapp. Schon Kinder wissen ja: Punkt, Punkt, Komma, Strich …

Zu solcher Gesichtsverkennung kann man auch Computer programmieren. Die finden dann etwa in Wolken lauter Antlitze, genau wie wir, wenn wir zum Himmel sehen. Cloud Face sind 36 Fotografien, die Shinseungback Kimyonghun so angefertigt hat. Man steht davor und rätselt, ob man das Wolkengesicht auch erkannt hätte. Bevor man all diesem Gewölk gegenübertritt, passiert man aber mehrere Räume, deren Exponate beweisen, dass das Gesicht eine viel kompliziertere Sache ist als gedacht. 70 Schaufensterpuppenköpfe etwa, von denen manche aussehen wie von Sempé gezeichnet und manche nach Klaus Nomi, machen auf wechselnde Schönheitsideale über die Zeiten aufmerksam. Der „Maskierungskoffer, Variante ‚Araber‘“, 1975 in Leipzig im Stasi-Auftrag produziert, erinnert mit dunkler Perücke und buschigen Bart- und Augenbrauenpartien zum Ankleben an die Stereotype, die die ethnische Einordnung von Menschen begleiten, ein Rasiermesser im Etui von 1918 für Soldaten dagegen daran, dass Technologie Aussehen beeinflusst: Gasmasken schließen nur auf glatter, bartloser Haut.

Mimik ist eines der am schnellsten wachsenden Forschungsfelder weltweit, sagt Weigel. Der Historiker Valentin Groebner nennt Gesichter auch „Gefühlsmaschinen“. Kein Wunder, dass sich sowohl Werbung als auch Entwicklungspsychologie damit beschäftigen. Eine raffinierte Installation hat Moritz Wehrmann gebaut: Face to Face – Interface. Stelle ich mich vor die Bildschirme, analysiert ein Algorithmus meine Mimik und zeigt mir Gesichter, deren Ausdruck meinem ähnelt. Dass nicht nur ich mich hinreißen lasse, Grimassen zu ziehen: Wehrmann meint, das habe auch damit zu tun, dass wir neuen Technologien gegenüber erst einmal ein wenig skurril reagieren. Dann erfahre ich, dass ich schon beim Betreten der Ausstellung fotografiert worden bin. Wie am Bahnhof! Eine Software versucht nun, sobald ich durch eine Art Schleuse gehe, mein Bild mit dem früheren abzugleichen. Aber nichts passiert, vielleicht habe ich die ganze Zeit nach unten auf meinen Schreibblock gestarrt, während ich durch die Ausstellung ging? Schreiben gegen Überwachung? Der Künstler Leonardo Selvaggio bietet denen, die ihr Gesicht nicht den Kameras zeigen wollen, eine Maske seines Gesichts, also seine Persönlichkeit – im alten Rom hieß die Maske persona. Im Museum liegen die Hüllen kostenlos aus, im Netz vertreibt er sie unter dem Namen URME Surveillance weltweit. Ich stecke ein Exemplar in meine Umhängetasche. Vielleicht brauch ich sie ja mal.

Vom Porträt zum Selfie

Porträts waren einst Repräsentation, von politischer Macht, gesellschaftlichem Einfluss. Zuerst des Adels, dann des Bürgertums. Erst mit der Erfindung der Fotografie und ihrer Verbreitung demokratisierten sie sich. Der ehemalige Sklave und Abolutionist Frederick Douglass ließ sich sage und schreibe 164 Mal fotografieren. Öfter als der Indianerschlächter General Custer (155 Mal), öfter als Präsident Abe Lincoln oder Dichterfürst Walt Whitman (beide 130 Mal). Indem Douglass auf den Fotos Posen einnahm, die den alten Porträts ähnelten, setzte der einflussreichste Afroamerikaner und meistfotografierte Amerikaner des 19. Jahrhunderts ein Zeichen für die Gleichberechtigung. Heute machen viele Selfies, wo immer sie sind. Ob wir weniger Angst davor haben, übersehen als überwacht zu werden, wie Martin Altmeyer in der Publikation zur Ausstellung meint? Vielleicht wollen wir zwar nicht übersehen, aber dennoch auch nicht kontrolliert werden? Gern hätte man mehr darüber erfahren, wie es kommt, dass wer Ja zur Sichtbarkeit sagt, auch immer irgendwie Ja zur Überwachung, zur Kontrolle sagt. Der große, mediensensible Allan Sekula hat schon in den 1980ern davon gesprochen, dass jedes Porträt uns immer auch zum Objekt macht. Zum Beispiel in den Datenbanken der Polizei. Als ich bei der Rückkehr aus Dresden am Berliner Südkreuz aussteige, bleibt Selvaggios Maske in meiner Tasche. Aber diesmal weiche ich dem Blick der Kamera bewusst aus.

Info

Das Gesicht. Eine Spurensuche Deutsches Hygiene-Museum Dresden bis zum 25.02.2018. Der Begleitband ist bei Wallstein erschienen und kostet 24,80 €

06:00 16.09.2017
Geschrieben von

Kommentare