Plan B

Denkhilfe Wenn wir unsere Karten verändern, ändert sich unser Blick auf die Welt. Ein Buch führt das vor
Mladen Gladić | Ausgabe 11/2019

In seiner kurzen Geschichte Von der Strenge der Wissenschaft schreibt der argentinische Meistererzähler Jorge Luis Borges über ein eigentümliches Reich. Hier „erlangte die Kunst der Kartografie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz.“ Besessen davon, Karte und Welt miteinander in Einklang zu bringen, gehen Borges’ Kartographen schließlich noch einen entscheidenden Schritt weiter: „Die Kollegs der Kartografen erstellten eine Karte des Reiches, die die Größe des Reiches besaß und sich mit ihm in jedem Punkte deckte.“

Eine solche Karte wäre tatsächlich das Territorium, das sie zeigt. Die Realität sieht anders aus. Keine Karte, egal wie detailliert, entspricht genau dem, was sie sichtbar zu machen vorgibt. Dass Karten Dreidimensionales ins Zweidimensionale bringen und es auf ein handliches Format reduzieren, ist das eine. Dass die Stadtpläne und Autokarten, die wir benutzen, um uns im urbanen Raum und zwischen Metropolen zurecht zu finden, je nach Zweck notwendig vereinfachen was sie zeigen, das andere. Auf einer Fahrradkarte werden Straßen nur wichtig, wo sie das Radeln beeinträchtigen. Und keiner, der mit dem Auto von München nach Salzburg brettern will, interessiert sich für Fahrradwege. Karten sind Instrumente für bestimmte Zwecke.

Auch das Buch This Is Not an Atlas: A Global Collection of Counter-Cartographies, aus dem die Karten auf dieser Doppelseite stammen,strebt keinenumfassenden, maßstabsgerechten und objektiven Blick auf die Welt an, wie Severin Halder und Boris Michel in ihrer Einleitung schreiben. Es zeigt vielmehr, wie sich der Blick auf die Welt ändert, wenn wir die Karten ändern. Karten werden zu Werkzeugen, mit denen sich kritisieren lässt, was andere mithilfe anderer Karten betreiben. Die Bewohner eines indigenen Territoriums etwa, das auf keiner offiziellen Karte verzeichnet ist, haben es schwer, ihre Bedenken gegen kommerzielle Landerschließungsprojekte hörbar zu machen. Alternative Karten gewähren Sichtbarkeit, auf der politisches Handeln gründet. Auch wenn politische Kämpfe nicht auf dem Papier ausgetragen werden, wie Halder und Michel schreiben: Karten sind Weisen der Welterzeugung und somit Instrumente, sie zu ändern.

Info

This Is Not an Atlas: A Global Collection of Counter-Cartographies kollektiv orangotango+ (Hrsg.) transcript-Verlag 2018; 352 S.; 23,99 €

Recht auf Stadt

Wimmelbildkarten zeigen ganz Vieles gleichzeitig. Diese hier, die Markus Wende nach einer Idee von Mark Amman gestaltet hat, zeigt im Comicstil, auf engstem Raum all die sozialen Kämpfe, die in einer Stadt oft parallel zueinander ausgefochten werden. Im Internet kann man sogar ganz nah an die Details heranzoomen. Zu finden ist die Karte unter: wimmelbild.animationsfilm.de

Soziales Kartieren

Das Projeto Nova Cartografia Social da Amazônia hat sich zur Aufgabe gemacht, dem kommerziellen Raubbau im Amazonasgebiet durch Kartierung traditioneller Territorien entgegenzuwirken. Die situativen Karten machen deutlich, wo offizielle Entscheidungen Rechte und Interessen der Einwohner verletzten und eröffnen damit einen Raum zur Intervention durch Gemeindevertreter und -vertreterinnen

Mann, Wien!

Straßennamen in Wien erinnern oft an berühmte Persönlichkeiten. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Namenspatronen ist aber alles andere als ausgewogen. Von 4.397 Straßen sind nur 361 nach Frauen benannt. Florian Ledermanns Projekt versteht sich als Beitrag zur geschlechtergerechten Stadtplanung: Vor allem in Neubaugebieten sollen mehr Straßen nach Frauen benannt werden.

Indigene Kartografie

Das Comissão Pró-Índio in Acre, Brasilien fördert indigene Kartenproduktion. Diese „Ethnokarten“, werden teils aus dem Gedächtnis, teils mittels technischer Datenauswertung angefertigt. Es sind Instrumente zum Haushalten mit natürlichen Rohstoffen, zu ihrem Schutz und ihrer Bewahrung. Sie schließen die Lücken, die offizielle Karten aufweisen.

Biografische Straßen

Far Rockaway liegt auf einer Halbinsel am Rande New Yorks. Hier lebt AnnMarie. Aaron Reiss hat die Karte mit den Orientierungspunkten des afroamerikanischen Teenagers, der mit dreizehn schwanger und zur Hauptfigur von Hannah Weyers Roman On The Come Up wurde, nach Karten gefertigt, die AnnMarie ihm aus dem Gedächtnis aufmalte. Als Nabelschnur, die Far Rockaway mit der Millionenstadt verbindet, fungiert der A-Train.

Wikipedia lokalisieren

Wikipedia ist eine Enzyklopädie gänzlich ausSchwarmwissen. Klappt gut, nur bei der Herkunft der Beiträgerinnen und Beiträger hapert es, wie das Information Geographies Project zeigt. Jeder orange Punkt ist ein Wikipedia-Eintrag. In Europa wird mehr geschrieben als auf der ganzen übrigen Welt zusammen.

Repressionsverzeichnis

Am 16. 8. 2015 verhängte der ecuadorianische Präsident Rafael Correa den landesweiten Notstand, da der Vulkan Cotopaxi auszubrechen drohte. Obwohl die indigenen Kichwa-Territorien keineswegs von dem Vulkanausbruch bedroht waren, nutzten Behörden den Notstand hier für Verhaftungen, Razzien und andere Repressionen. Das Colectivo de Geografía Crítica hat die Übergriffe in einer Karte festgehalten.

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06:00 30.04.2019
Geschrieben von

Ausgabe 27/2020

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