Rand, ein Zustand

Peripherie Leerstand, Arbeitslosigkeit, Zuzugsperre für Flüchtlinge: In Pirmasens findet sich eine deutsche Realität, die in urbanen Debatten selten eine Rolle spielt

Der Taxifahrer fragt mich, ob ich im Urlaub war, als ich nach 8 Stunden Zugfahrt in seinen Wagen steige. Er hat am Bahnhof auf mich gewartet. Taxis stehen hier nicht einfach so rum. Man muss sich eins rufen, am besten schon vom Bahnhof Kaiserslautern aus, danach ist Funkloch, dann steht man da. Nein, antworte ich, ich besuche meine Eltern. Ich komme oft zurück. Und gern. Viele zögen weg, sagt er. Seine Schwester wohne jetzt in Cottbus. Ob sie da Arbeit gefunden hätte, frage ich. Nein, sie hat einen Mann kennengelernt, im Internet. Er selbst, sagt der Taxifahrer, könne sich nicht vorstellen, umzuziehen. All die neuen Straßennamen, die er da auswendig lernen müsste! Er ist 33 Jahre alt.

Wie erzählt man von seiner Heimatstadt? Als Zugezogener? Mit neun bin ich nach Pirmasens gekommen. Und „Zugezogener“, ist das nicht ein Großstadtwort? Mit 19 bin ich dann gleich wieder weg, zum Studieren, nach Köln. Für Berlin reichte der Mut nicht. Wie erzählt man von seiner Heimatstadt, als Weggezogener?

Philipp Majer ist in Rodalben, einem Städtchen ein paar Kilometer von Pirmasens entfernt, aufgewachsen. Der 35-Jährige mit den kurzen braunen Haaren und den tätowierten Armen ist hier aufs Gymnasium gegangen. Dann weg. Nach Berlin, Ausbildung, jetzt lebt er in Saarbrücken. Majer macht Filme. Sein neuster heißt Die Kleinstadt. Er will von den Leuten erzählen, die hiergeblieben sind: die Busfahrerin, die stets Zeit für ein Schwätzchen hat, mit Schulkindern, Rentnern, Behinderten aus den Kimmle-Werkstätten. Der Wirt des Irish Pub, ein echter Ire! Das Ehepaar, zwei Ärzte, das den Park eines ehemaligen Schuhfabrikanten mit schwerem Gerät auf Vordermann bringt. Die letzten zwei Schuhmacher mit eigenem Geschäft. Majers Kumpel, der Turnschuhe – keine Sneakers, das ist wichtig – sammelt.

Die Premiere im großen Saal des Walhalla-Kinocenters hat er hinter sich gebracht. Ausverkauft, fast 200 Zuschaeuer waren da. Majer ist sichtlich erleichtert. Und das Publikum auch. Dass jemand positiv von ihrer Heimatstadt erzählen würde, war unwahrscheinlich. Vor jeder Episode des Filmes wird eine Statistik, gelb auf schwarz, eingeblendet. Eigentlich müsste die Busfahrerin arbeitslos sein. Die Erwerbslosenquote liegt in Pirmasens bei zwölf Prozent. Der Turnschuhnarr dürfte eigentlich gar nicht hier wohnen. Die Stadt im Pfälzer Wald hat in 40 Jahren nahezu ein Drittel ihrer Einwohner verloren. 1958 waren es noch knapp 58.000, heute sind es 40.000.

Pirmasens ist Globalisierungsverlierer. In der ehemaligen Garnisonsstadt hatte sich die Schuhindustrie im 19. Jahrhundert zum Geschäft gemausert, sie war zum Notbehelf der Grenadiere geworden, die nach dem Tod ihres Landgrafen ohne Broterwerb waren. 240 Betriebe um 1914 – 14.000 Arbeitsplätze. Um 1970 standen rund 22.000 bei den Schuhbaronen in Lohn und Brot. Letztere warben junge Leute en masse aus den Schulen ab; warum büffeln, wenn man bescheidenes, aber eigenes Geld verdienen kann? Die Leute waren schlecht gewappnet, als die Fertigungsstätten in den 1970ern erst nach Portugal, später nach Asien abwanderten: Kein Job, kein Schulabschluss. Der Abzug der US-Soldaten in den 1990ern kostete 4.000 Arbeitsplätze. Es gibt noch ein Depot hier, aber das soll nach „K-Town“, Kaiserlautern, verlegt werden. Wieder 300 Arbeitsplätze gefährdet.

Knietief im Dispo

Ausnahmen widerlegen keine Statistik. Das weiß Majer. Das wissen auch die Zuschauer, die im Kino oft laut und befreit aufgelacht haben. Gelegentlich gab es sogar Szenenapplaus. Positive Beispiele machen Mut. Dass der Pirmasenser ein Stehaufmännchen sei, der in schweren Zeiten zum erfolgreichen „Schlabbeflicker“ wurde, wie der Arzt im Film sagt, hat vielen gefallen.

Vom Bahnhof zum Kino könnte man auch laufen. Vorbei an der alten Post, wo es eine Ausstellung zu Hugo Ball, dem Pirmasenser Dadaisten gibt: „Wenn man das Unglück hat, in der Pfalz geboren zu werden, dann muss man immer im Wald herumlaufen, das ist die einzige Rettung“ steht da gleich zu Anfang in großen Buchstaben. Vorbei am Nachtclub Pascha. Die Gärtnerstraße hoch, kurz vor dem ehemaligen Pressehaus der Lokalzeitung – seit 1998 hat sie knapp 35 Prozent ihrer Leser verloren – rechts. Das Schaufenster einer Fahrschule verrammelt, „Zeugen gesucht“, eine Handynummer und „zu vermieten“ steht da. Die leere Kaufhalle, man sieht noch, wo die Leuchtbuchstaben über dem Engang hingen. In die Fußgängerzone, vorbei am ehemaligen Kaufhaus Horten, das füher Merkur hieß, die Pirmasenser nennen das Gebäude immer noch so, betont auf der ersten Silbe. Unten ist jetzt ein H&M drin, oben ein Tabakladen, eine Bierstube. Über den Schloßplatz, rechts das alte Rathaus mit dem Heimatmuseum, Sandstein, hier ist alles rotbraun, links der Brunnen mit dem großen bronzefarbenen Stier, Symbol für die Lederverarbeitung. Die Stadt hat sich auch bunte Plastikstiere, in Berlin sind es Bären, aufschwatzen lassen. An einem zu warmen Aprilabend spielen Kinder im leeren Brunnenbecken Fußball, auf den Bänken Erwachsene, Frauen mit Kopftuch. Das Woolworth gibt es noch, daneben eine Eisdiele, am anderen Ende der Hauptstraße war bis vor kurzem die letzte echte Buchhandlung hier, jetzt gibt es noch eine Thalia-Filiale weiter oben. Ein Bauloch, hier war ein Netto-Markt, der einzige Ort, wo man in diesem Teil der Stadt fußläufig einkaufen konnte. Jetzt soll da ein Edeka entstehen. Leere Schaufenster und Wohnungen, Maklerschilder. Irgendwo hängt ein Zettel an einer Milchglastür: „Zu verkaufen“, Erdgeschoß, 78 Quadratmeter, 22.000 Euro.

Jüngst war die Wanderschau Echte Körper in der Stadt. Vor Aldi an der Simter Straße ein falscher Aufkleber auf dem Plakat: Eberswalde. Passte irgendwie. Eberswalde in Brandenburg aber geht es besser. „Das sieht ja aus wie bei uns,“ rief Petra Pau aus Ost-Berlin bei einem Besuch in den 1990ern, erzählt Linken-Stadtrat Frank Eschrich. Er ist 53, hier geboren, Arbeiterfamilie, Abitur. Wollte studieren, entschied sich anders, kaufmännische Lehre, 20 Jahre malocht in einem Autobetrieb. Die Linke kommt hier auf über sieben Prozent. Pirmasens war Industriestadt, jetzt herrscht Enttäuschung über die SPD, Hartz IV, „die ganze Problematik“.

Die Stadt hat rund 400 Millionen Schulden. Zwar sind die Steuereinnahmen gestiegen. Aber was reinkommt, kann kaum die Zinsen decken. Bei den Kassenkrediten ist Pirmasens Spitzenreiter in Deutschland. Eigentlich sind die ein Instrument für Kommunen zur kurzfristigen Gewährleistung ihrer Zahlungsfähigkeit. Hier sind sie ein Dauerzustand. Das meiste geht für die Auszahlung von Arbeitslosengeld II drauf. Pirmasens steckt knietief im Dispo. Wenn es nicht gelingt, mehr Binnennachfrage zu generieren, werde sich nichts ändern, sagt Eschrich. „Da müssten zehn, zwölf Prozent Wachstum ausbrechen. Dass ein Unternehmen sagt: ‚Ich geh’ mal an den Standort, da habe ich Entwicklungsmöglichkeiten.‘ Das ist aber nicht so. Die gucken sich genau an, wie die Regionen aufgestellt sind. Das ist halt gewachsen.“ An einem dritten Arbeitsmarkt führt für Eschrich kein Weg vorbei, den wolle in Pirmasens sogar die CDU.

Die Zuzugsperre für Flüchtlinge ohne festes Arbeitsverhältnis? In – für eine Kleinstadt – großer Zahl sind sie seit 2015 nach Pirmasens gekommen – niedrige Mieten als Pull-Faktor. Jetzt gilt ein „Lex Pirmasens“, erlassen in Mainz, von der grünen Integrationsstaatssekretärin dort. „Ein Armutszeugnis“, findet Eschrich. „Wenn Erzieher überlastet sind, dann brauch ich keine Zuzugsperre, sondern mehr Erzieher. Aber das ist ja nicht Stadtangelegenheit, das ist Landesangelegenheit.“

Oberbürgermeister Bernhard Matheis (CDU), seit 2008 im Amt, hat den „Pakt für Pirmasens“ ins Leben gerufen, ein „Netzwerk“, das Spenden generiert für die Finanzierung ehrenamtlicher Arbeit mit Kindern, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Kochkurse. Urlaub, solche Sachen. 30 Prozent Kinderarmut sind es in Pirmasens, die Zahl bleibt konstant. Der Landschaftsgärtner , der in Majers Film zu Wort kommt, erzählt begeistert, wie der Pakt ihm nach der Trennung von seiner Frau geholfen habe. Die hätten jemanden geschickt, der mit seinen Töchtern über „Frauensachen“ gesprochen hätte.

Letztes Jahr war Spiegel-TV in der Stadt und hat einen veritablen Armuts-Porno gedreht: Eine Mutter, drei Kinder, verschiedene Väter, das Fenster in der tapetenlosen Wohnung klemmt, „es riecht muffig“, sagt die Stimme aus dem Off. 1300 Euro habe die Mutter zur Verfügung, für einen Eimer Farbe reiche es wohl nicht. Dass die Eltern armer Kinder das Geld für Zigaretten ausgeben, das für diese bestimmt sei, hört man da. Zum Gruseln. Schuld an ihrem Schicksal sind in diesem Beitrag die Armen selbst.

Pirmasens hat viel schlechte Presse, nicht erst seit der Zuzugssperre. Der Oberbürgermeister schreibt fleißig offene Briefe. Gegen den Verfasser eines „Schmähbuches“ zum Beispiel, das gerade erschienen ist. Dem bietet er die öffentliche Toilette am Rathaus zur Premiere an.

Wie es mit Rassismus stehe, frage ich Eschrich. Da sei die Oberfläche sehr dünn, sagt der Linken-Stadttrat und verweist auf die Heitmeyer-Studie: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Effekte sozialer Desintegration sind oft überdurschnittlich hier. Die Linke organisiere Begleitung bei Ämtergängen, Knast-Besuche. Menschen könnten ganz schnell umkippen, dann ist da die AfD.

Im Deutschkurs der Caritas treffe ich Halime Amiri aus Afghanistan und Rozkin Shekko aus Syrien. Amiri ist 28, kam über die Bakanroute nach Deutschland, genauso wie Shekko, die in Aleppo Abitur gemacht hat, bevor sie floh. Shekko ist 21, im siebten Monat schwanger. Nach Pirmasens kam sie, um mit ihrem Freund zusammenzuleben. In Pirmasens können sie sich eine Wohnung leisten. Amiri ist 28 und hat sich in Kabul für Frauenrechte eingesetzt. Hier hat sie eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, ihr Mann noch nicht. Die Heiratsurkunde fehlt. Pirmasens wurde ihnen zugewiesen. Die Frauen kommen unregelmäßig, weswegen ein geregelter Unterricht schwer sei, erzählen die ehrenamtlichen Kursleiterinnen. Ein paar von ihnen sind keine Geflüchteten, heute ist zum Beispiel auch Eva da, aus Polen, ihr Mann arbeitet seit drei Jahren hier, als Hausmeister. Sie pendelt, die Tochter studiert in Stettin. "Sie kommen, weil sie hören, dass das hier umsonst ist", sagt eine Lehrerin, "wir schicken ja niemanden weg". Ob sie viele Freunde haben, will ich von Amiri und Shekko wissen. Keine, sagt Shekko. Amiri erzählt, dass in ihrem Haus viele Russen wohnen. Die Nachbarn warnen sie, wenn ein Hund im Treppenhaus ist, vor Hunden hat sie nämlich Angst. „Warum ist die Pfalz arm?“ fragt sie uns. Amiris Mann spielt Fußball, sein Trainer hat versprochen, sich nach einem guten Chef umzuhören für den Elektriker.

196 Kilometer pendeln

Auf dem alten Friedhof vor der ehemaligen Begräbnishalle, in der nun Kulturveranstaltungen stattfinden, pflückt ein Typ mit grauem Pferdeschwanz in Armee-Shorts Tulpen aus den Blumenbeeten. Neben ihm seine Kinder, zwei Jungs im Alter von vielleicht 9 und 11. Der kleine Laden ein paar hundert Meter weiter ist vor allem für alte Menschen in der Gegend ein Anlaufpunkt, seit Netto nicht mehr da ist, es gibt Lebensmittel, auch Süßigkeiten und Bier, eine Flasche hat Stephan in der Hand, ein paar weitere lugen aus der Plastiktüte, die neben ihm auf dem Bürgersteig steht. Stephan, 42, steht hier mit ein paar anderen Leuten, unter seinem T-Shirt sind Tatoos zu erkennen, und seine Freundin lacht jetzt, weil er mir auf Hochdeutsch antwortet, dass er von einem Film mit dem Titel Die Kleinstadt nichts gehört hat. Er nimmt meine Visitenkarte entgegen, und lacht jetzt auch – Freitag, da hatte „er“ doch Geburtstag, am 20. April. Die Zuzugsperre für Geflüchtete? Ist richtig, sagt er; man müsse doch mal sehen, was für „die“ gemacht werde. „WLAN, Alter, seit wann gibt’s das hier? Für uns gab’s das nicht.“

Stephan ist hier zur Schule gegangen, dann auf eine Highschool in Kalifornien. Der zweite Mann der Mutter war als amerikanischer Soldat in Pirmasens stationiert. Stephan kam zurück in seine Heimatstadt, hat in der Schuhindustrie gearbeitet, dann als Dachdecker, jetzt schuftet er als Isolierer – in Ludwigshafen. Sein neues Auto hat schon 90.000 Kilometer auf dem Tacho. „196 Kilometer am Tag, Alter. Frau Merkel hat doch gesagt, wir sollen beweglich sein.“ Er hat diesmal AfD gewählt, wie etwa 14 Prozent der Bevölkerung. Und früher? Früher gar nicht. Vielleicht war das ein Fehler, sagt er.

Viele Probleme, die die Stadt habe, hätten mit ihr selbst zu tun, erzählt Brigitte Freihold, die Linken-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis, in ihrem Berliner Büro. Der abschätzige Blick, den man in Pirmasens oft auf Arme hätte, die verbreitete Auffassung, dass sie selbst schuld seien an ihrer Lage. Die wirtschaftliche Monokultur. Eine gewisse Starrköpfigkeit, was man auch daran sehe, dass man sich hier gegen Stolpersteine als Gedenken an die Opfer des NS-Regimes entschieden habe. Aber wiederholt man nicht den abschätzigen Blick auf die Armen, wenn man von Berlin aus auf strukturschwache Regionen schaut und die Gründe für ihre Probleme nur bei ihnen selbst sucht? Das stimmt natürlich, sagt Freihold. Da müsse viel getan werden, auch aus Berlin, auch aus Mainz. Eigentlich müsse der Gärtner aus Philipp Majers Film Millionär sein, kann man in einem der Zwischentitel lesen. Denn in den 1990ern soll die Stadt die höchste Millionärsrate der Republik gehabt haben. Eigentlich ist Pirmasens gar nicht so besonders, sagt Frank Eschrich. Hier sehe man im Kleinen, was in Deutschland im Großen falsch laufe. Stehaufmännchen alleine werden es hier wie dort nicht richten.

Bei diesem Text handelt es sich um die leicht erweiterte Version eines Artikels, der in Ausgabe 18/2018 erschienen ist.

06:00 30.05.2018
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