Schluss mit dem Theatertheater

Bühne Hoffentlich ebbt nach Chris Dercons Rücktritt endlich die unverhältnismäßige Aufgeregtheit ab. Die Volksbühne ist doch nur ein Theater von vielen

Hinter der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz in Berlin wird gebaut. Am Bauzaun hängen in Reih und Glied Plakate der Kondommarke Billy Boy, in Knallfarben, mit Motiven von Kaktus bis Kanone. Mit Slogans drauf, die man jetzt hier nicht wiederholen muss. Die kleineren Plakate, die jemand drübergeklebt hat, passen farblich ganz gut dazu: „Tschüss Chris“ steht da, in Fraktur, die an die Schrifttype erinnert, die die Volksbühnenplakate lange geziert hat, schwarz auf gelb. Ein letzter Gruß an den scheidenden Intendanten, der eigentlich noch gar nicht richtig da war. „Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht“, liest man heute in einer Presseerklärung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Vor diesem Konzept hatte man in der Volksbühne schon vor Amtsantritt Dercons Angst. Angst um eine Tradition, für die Erwin Piscator oder Benno Besson stehen und die Volksbühnenbewegung. Angst um den „potenten Schauspieltheaterbetrieb“ des Hauses, wie man das in einem offenen Brief, den immerhin 180 Angestellte unterschrieben hatten, im Juni 2015 lesen konnte. Ein kleines bisschen Kastrationsangst also. Ein bisschen Angst vor dem Fremden, personifiziert im belgischen Kulturmanager, der in New York und München und vor Berlin in London als Museumsmann tätig war. Angst vor„einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern“ jedenfalls, auch Angst davor, dass es mit dem neuen Intendanten zu Stellenkürzungen kommen würde.

Dercons Konzept (es ist schwer, es auf den Punkt zu bringen): Weniger Sprechtheater, „interdisziplinäres“ Theater stattdessen, eine Annäherung an den Tanz, der man bei einem Massenevent auf dem Tempelhofer Feld – ein Ort mit ähnlicher Symbolkraft für viele Berliner wie die Volkbühne selbst – im September letzten Jahres ansichtig werden konnte. Manche hielten das vielleicht auch für Tai-chi. Der Einkauf von Produktionen, die schon international reüssierten.

Was auf Dercons Berufung folgte, musste eigentlich jeder, der hierzulande Zeitungen liest, haarklein und mindestens wöchtlich im überregionalen Feuilleton mitverfolgen: Protest, mehr offene Briefe und Petitionen, die kurzzeitige Besetzung der Volksbühne. Wäre die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit an der Volksbühne zu Hause, hätte man mit Dercon vielleicht die Schleyer-Entführung nachgespielt. Unblutig natürlich. In Volxbühne ist das Haus dann doch nicht umbenannt worden. Und es abzureissen, um etwa Platz für mehr bezahlbaren Wohnraum in Berlin zu schaffen, hat auch keiner gefordert. Aber es fordert ja auch kaum einer, solchen Wohnraum auf dem Tempelhofer Feld zu schaffen.

Gibt Castorf den Berlusconi?

Was jetzt folgen wird: Kommentare (wie dieser hier), vielleicht Autokorsos (#freevolksbuehne?), Spekulationen: Die „Tschüss Chris“-Plakate gibt es schon länger, aber da profitiert man von der Ambivalenz des Sprechakts als Aufforderung und Abschiedsgruß zugleich. Der komissarische Nachfolger Dercons, der designierte Volksbühnen-Geschäftsführer Klaus Dörr, hat auf seinem Posten als stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart den Laden dort wohl zeitweise quasi allein geschmissen. Geschickt eingefädelt von Kultursenator Lederer, der an seine Abneigung gegn Dercons Theaterideen nie einen Hehl gemacht hat? Kommt Castorf als Theaterversion Bibi Netanjahus oder Silvio Berlusconis, der notorischen Jojos unter den Staatschefs, zurück? Werden die letzten Produktionen Dercons jetzt vor vollem Haus gegeben, nachdem der Zuschauerstrom zuletzt eher mäßig war? Morbider Charme des Endes einer Ära, die gar nicht erst begonnen hat?

Was könnte man sich wünschen?

Vielleicht das eine: Dass die Aufgeregtheit, die den Intendantenwechsel an einem der zahlreichen Theater der Haupstadt begleitet hat, ein wenig nachlässt. Und dass die unverhältnismäßige Aufmerksamkeit, die Berlin und den deutschen Kulturjournalismus während der Volksbühnendebatte provinzieller erscheinen ließ, als sie es sein müssten, etwas abebbt. Bei allem Symbolgehalt, den die Volksbühne besitzt, bei aller Aussagekraft, den der Streit um die Intendanz als Allegorie des Konflikts zwischen etablierter städtischer Kulturszene und als bedrohlich empfundener (manche würden sagen: neoliberaler) kultureller Globalisierung hat: Es ging und geht um eins von etwa 140 öffentlich getragenen Theatern in Deutschland, in einer Stadt, die zufällig Berlin heißt.

17:30 13.04.2018
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