Schöner Irrtum

Ausstellung Im Essener Museum Folkwang nimmt uns der große Alexander Kluge mit in ein werkbiografisches „Pluriversum“: Ergebnis eines Lernprozesses mit gelungenem Ausgang

Mit dem Ausstellen und den Ausstellungen konnte er in seinem langen Leben schon ein wenig Erfahrung sammeln. Im Ca’ Corner della Regina der Fondazione Prada in Venedig läuft zum Beispiel gerade noch die Schau The Boat is Leaking. The Captain Lied, die Arbeiten Alexander Kluges mit denen von Thomas Demand und Anna Viebrock zusammenbringt, kuratiert von Udo Kittelmann. Und dass er schon öfter ein Museum von innen gesehen hat, wird man auch nicht bezweifeln wollen. Trotzdem wirkt es ziemlich glaubwürdig, wenn Kluge nun im Essener Museum Folkwang von den Vorstellungen erzählt, die er sich über die erste Ausstellung gemacht hat, die er – mit Unterstützung von Kuratorin Anna Fricke – komplett selbst entworfen und kuratiert hat. Die Rede ist von der Schau Pluriversum, die seit dem letzten Freitag anlässlich des 85. Geburtstags des Schriftstellers, Filme-, Fernseh- und, ja, jetzt auch Ausstellungsmachers Alexander Kluge gezeigt wird. „Da kann ich mal alles ausstellen, was ich schön finde, was ich gemacht hab“, sagt Kluge über seine erste Reaktion darauf, die Einladung aus Essen zu lesen. Allerdings nur, um direkt anzuschließen: „Das war ein Irrtum.“

Ein Irrtum sei das deshalb, weil das Kuratieren ganz anders funktioniere als das, womit Kluge sich seit den frühen 1960er Jahren beschäftigt hat: mit dem Filmemachen (Brutalität in Stein,1961) und dem Schreiben (Lebensläufe, 1962) – künstlerische und intellektuelle Formen, zu denen ab 1987 Fernsehformate wie 10 vor 11 und Prime-Time/Spätausgabe, produziert von der eigenen Firma dctp und gesendet spätabends im Privatfernsehen, hinzukamen. Anders funktioniert das Kuratieren, weil es mit einer gänzlich anderen Rezeptionshaltung rechnen muss als derjenigen des Lesers oder des Kino- oder selbst Fernsehzuschauers. Das ging Kluge recht schnell auf. Durch eine Ausstellung, sagt er, „da gehen Menschen durch, das ist eine Passage. Leute laufen in großer Freiheit umher.“

Dialoge verboten!

Sosehr man Bücher liebe, man könne sie nicht ausstellen, sagt er, der zumindest die Hälfte seiner Arbeitszeit aufs Schreiben verwendet. Jedenfalls nicht, wenn es um die Texte gehen soll, die die Bücher enthalten. Und auch Dialoge, die Form, mit der Kluge im Fernsehen zu später Stunde dermaßen brilliert und fasziniert, wenn er – selbst aus dem Off, also für den Zuschauer unsichtbar – mit so unterschiedlichen Experten, Intellektuellen und Prominenten wie dem Literaturprofessor Joseph Vogl, dem Soziologen Dirk Baecker oder mit Dada-Entertainer Helge Schneider parliert, „gehen gar nicht“ in einer Ausstellung.

Das jedenfalls hat Kluge von Kuratorin Fricke gelernt, sodass wir der neben derjenigen Werner Herzogs wahrscheinlich prägnantesten Stimme des intellektuellen Deutschlands nur ganz am Rande der Ausstellung, im Foyer des Folkwang-Museums nämlich, lauschen können. Und auch hier lässt uns Kluge – wie in seinen ganz speziellen Late-Night-Shows im Fernsehen – eher seine Gesprächspartner hören, einen Astrophysiker zum Beispiel, der ganz lässig die Heisenberg’sche Unschärferelation erklärt. Dass die Stimme im Ausstellungsraum keinen Platz hat, das bereut Kluge sichtlich, was überdeutlich wird, wenn er von einer nicht realisierten Klanginstallation schwärmt, bei der er einen Einwohner der Tübinger Unterstadt Passagen von Hegels Phänomenologie des Geistes rezitieren lässt. Da gebe es einen Schwung, der Text brause hin fast wie einer von Hölderlin, man merke, dass der große Dialektiker in Exklamationen gedacht habe, nicht im Verhältnis zur Grammatik, erzählt Kluge begeistert. Wie das wirklich klingt, das müssen wir uns vorstellen. Es zu verpassen, schmerzt ein wenig.

Er habe eben „umlernen“ müssen, sagt Kluge. Von dem, was er schon hatte, habe er nichts gebrauchen können. Trotzdem aber blieb er auch als Kurator seinen Methoden treu. Wo seine Texte oft Gefundenes in neue Konstellationen bringen, wo das Kino aus der Bildmontage hervorgeht, handelt es sich bei Ausstellungen um das Herstellen von Zusammenhängen zwischen Objekten. Konstellation, jener Begriff, der bei Walter Benjamin so zentral ist, ist auch einer der wichtigsten Kluges. Dinge, Bilder oder Worte in Konstellationen bringen, sie miteinander montieren: So hätten es auch Benjamin und Bertolt Brecht gemacht, als sie in Brechts dänischem Exil mit der Kriegsfibel ein „neues Alphabet“ geschaffen hätten in einer Zeit, in der der „Faschismus gebrummt“ habe. Das täte er heute zwar nicht, „brummen“, die Konflikte seien gröber, wovon auch die komplette Abwesenheit Afrikas auf dem Hamburger G20-Gipfel zeuge.

Nachmittags Schwimmkurs?

Wie zu Zeiten Benjamins und Brechts sei jedoch eine neue „Elementarlehre der Dinge“ die Aufgabe der Stunde, eine, die uns den „Notausgang“ zeigen könne. Im Medium der Ausstellung allerdings sei weniger eine lineare Montage im Geiste Sergei Eisensteins, Jean-Luc Godards oder eben Kluges gefragt als eine circular montage, eine Konzeption des Architekten David Chipperfield, womit auch eine Verbindung zum Genius Loci hergestellt ist. Der Neubau, in dem wir uns befinden, wurde 2010 eröffnet und ist von Chipperfield entworfen worden.

Sechs Räume bespielen Kluge und Fricke hier, angefangen mit einer Art Foyer, auf dessen Wänden im Stil einer Sternenkarte – und so auf die ursprüngliche Bedeutung von „Konstellation“ verweisend – zentrale Gedanken Kluges in Beziehung zueinander gesetzt sind. Schon hier erkennt man eine wichtige Art jener „Notausgänge“, die Kluge vorschweben: „Es gibt kein Leben im falschen Hasen“ steht da an der Wand, was Adornos apodiktischem Urteil aus der Minima Moralia mithilfe eines Altwiener Schlagertextes gewissermaßen den Stachel zieht (wer sich je über Kluges Beziehung zu Helge Schneider gewundert hat, darf an dieser Stelle weiterdenken). Im nächsten Raum läuft man auf Paul Klees Angelus Novus zu – von dem es in Benjamins neunter geschichtsphilosophischer These heißt, er sei der Vergangenheit zugewandt: „Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“ Wer nur so denkt, wird, sagt Kluge, irgendwann mutlos, obwohl das weder Benjamin noch Klee jemals waren. Kluge sorgt daher für Gesellschaft: Neben dem Bild findet sich ein zweiter Klee, Stachel, der Clown – ein Gefährte für den düsteren Engel wie Sancho Pansa für den irrenden Don Quijote.

Dann eine Weltkriegsbombe: Zum Krieg kehrt Kluge immer wieder zurück. Man muss das nicht psychologisieren, von Trauma sprechen. Doch der Luftangriff auf Halberstadt, den der Zwölfjährige mit der dieses Jahr verstorbenen, fünf Jahre jüngeren Schwester, deren Namen nur ein zusätzliches „a“ von seinem unterscheidet, in einem Keller verbringt, ist stets präsent. Ein anderer Wind, ein Abwurf eine Sekunde früher oder später, und sie wären tot gewesen. Minuten des Bombenkriegs, in denen Kluge, so erzählt er in Essen, sich Gedanken macht, ob er am Mittag zum Schwimmunterricht gehen kann – ein entferntes Echo auch jenes berühmten Tagebucheintrags von Franz Kafka, 34 Jahre früher: „Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule“?

Echos der Bomben auf Halberstadt sieht Kluge auch in der Bombardierung des syrischen Aleppo, in der Missachtung Afrikas durch die G20-Staaten, im Aufstieg der AfD. Weshalb das, was der Autor Kluge sich Jahre nach dem Erlebten ausgedacht hat, auch für die Aktualität Relevanz hat. In einer seiner Geschichten sitzt die Lehrerin Gerda Bäthe im Luftschutzbunker, während die Weltkriegsbomben fallen. Hätte sie nicht 1929, als Hitlers Partei in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern Wahlergebnisse unter vier Prozent eingefahren hatte, mit den anderen 80 000 Lehrerinnen und Lehrern die Diktatur verhindern können? „Zusammen“ ist das Zauberwort hier, es verweist nicht nur auf das konstellative Zusammenspiel der Objekte, der Filme und Bilder im Raum dieser Ausstellung, sondern auch auf die Zusammenarbeit mit anderen: das Wechselspiel zwischen Kluges Arbeiten zum Beispiel und denen Thomas Demands, Klees, Moholy-Nagys. Und auch dasjenige mit uns, den Besuchern, die ergänzen, hinzufügen und beim Durchwandern dieser biografischen Werkschau mit der „Fußsohle denken“, wie Kluge sagt. Bevor der Faschismus wieder anfängt, zu „brummen“.

Info

Alexander Kluge: Pluriversum Museum Folkwang Essen, bis 7. Januar 2018

06:00 14.10.2017
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