Seid lieb, Leipziger Bücher!

Initiative Dem Erstarken rechter Verlage will man auf der Buchmesse die Stirn bieten. Crowdfunding hilft
Seid lieb, Leipziger Bücher!
„Wer Nazis einlädt, hat Nazis auf der Messe – und, oh Wunder, die verhalten sich dann wie Nazis.“ Der Antaios-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse

Foto: Michael Schick/Imago

Bald geht der Literaturbetriebszirkus in die erste große Runde des noch jungen Jahres. Turnusgemäß ist Leipzig Gastgeberstadt der Frühjahrsbuchmesse. Wie immer werden Zimmer selbst in Vororten zu gigantischen Preisen vermietet werden, alle werden da sein, und wahrscheinlich noch einige mehr. Diese einigen, die auch kommen werden, stellen für viele ein Problem dar. Spätestens nach dem letzten Familientreffen im Oktober in Frankfurt ist klar, dass das, was der Buch- und Zeitschriftenmarkt im realen Leben erlebt hat, ein Vordrängen rechter und rechtskonservativer Verlage und Publikationen nämlich, auch vor der Messe nicht haltmacht. Jetzt hat sich eine Initiative dagegen gegründet: Verlage gegen Rechts.

Auf einer Crowdfunding-Plattform bat man um Unterstützung. Über das Ziel, 10 000 Euro, ist man schon hinaus. Verlage gegen Rechts versteht sich als „Aktionsbündnis gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut in der Buchbranche“. Unterstützt wird es von 45 Verlagen und über 100 Einzelpersonen. Ein Video klärt über konkrete Ziele auf: Man wolle Veranstaltungen organisieren, Plakate drucken, Lesezeichen verteilen. Für Vielfalt, gegen Hass und Ausgrenzung. Wer meine, dass „rechtes Gedankengut nichts auf der Buchmesse zu suchen hat“, wird zur Unterstützung aufgerufen. Deutlich wird, dass manzwar den gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck im Auge hat, in erster Linie aber um die Zustände auf der Messe besorgt ist. Das Branchentreffen will man als Ort der Vielfalt verstehen, der „unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht“ organisiert ist. Es soll verhindert werden, dass rechte Verlage „den Raum besetzen und eine Atmosphäre der Angst produzieren“.

Verwiesen wird auf die Frankfurter Messe im Herbst, wo es am Stand der Wochenzeitung Junge Freiheit zu einem tätlichen Übergriff auf Trikont-Verleger Joachim Bergmann gekommen war. Bei einer Veranstaltung des Antaios-Verlages mit AfD-Politiker Björn Höcke gab es handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Antifa und Identitären. Die Gemüter kochten hoch, Jutta Ditfurth etwa äußerte sich so: „Wer Nazis einlädt, hat Nazis auf der Messe – und, oh Wunder, die verhalten sich dann wie Nazis.“ Thomas Wagner hingegen kritisierte in dieser Zeitung, dass die Messeleitung zwar betont habe, niemanden ausschließen und eine Plattform für Diskussionen bieten zu wollen, der Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels aber gleichzeitig vor dem Messestand des Antaios-Verlags demonstriert und diesen damit als „demokratiegefährdend“ markiert habe. Auf Initiative der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, die manche als „Pegida-nah“ bezeichnen, gab es nach der Messe eine Online-Petition, die den Veranstaltern vorwarf, bestimmen zu wollen, „was als Meinung innerhalb des Gesinnungskorridors akzeptiert wird und was nicht“.

Es wird sich zeigen, ob sich die Fronten, die sich in Frankfurt abgezeichnet haben, in Leipzig verhärten werden. Es ist zu befürchten. Ein Blick auf die Veranstaltungen von Verlage gegen Rechts zumindest lässt ahnen, dass man zwar ernstlich um Aufklärung bemüht ist, die direkte intellektuelle und argumentative Auseinandersetzung darüber, was Meinungsvielfalt bedeuten soll, aber scheut. Doch wäre das nicht auch Sinn und Zweck einer Buchmesse, die mehr als ein Familientreffen sein will, wo man ja auch gern unter sich bleibt?

06:00 06.03.2018
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