Vase seiner Asche

Psychoanalyse Lothar Müller streift erhellend durch Freuds Dingwelt
Vase seiner Asche
Die Influenzmaschine sollte gegen Kopfschmerz wirken

Fotos: Keystones/Getty Images; privat

Für die Dinge, die bei Freud eine Rolle spielen, haben sich wenige interessiert. Wenn, dann sind sie Spuren gefolgt, die dieser selbst gelegt hat. Objekte bewegen sich bei Freud in erster Linie auf einer symbolischen Ebene, sie bleiben „nicht die Gegenstände und Dinge, die sie im Alltag sind“, wie Lothar Müller, SZ-Redakteur und Professor an der Berliner Humboldt-Universität, schreibt. Als Symbole vertreten die Dinge, wenn sie etwa in dem, was vom Traum erinnert wird, auftauchen, das, was latent bliebe, würde sich nicht ein findiger Traumdeuter daranmachen, es für den Träumer zu entschlüsseln: Stöcke, Schirme, Stangen, Messer, Dolche Gewehre, Pistolen, Revolver, Wasserhähne, Gießkannen, Springbrunnen – man braucht heute weder Therapieerfahrung noch Psychologiestudium, um zu wissen, wofür all das steht. Und auch nicht, um zu ahnen, dass es ein Pendant in Flaschen, Schachteln, Dosen, Koffern, Büchsen, Taschen, Blumen und Äpfeln findet.

Es wäre freilich eine Verschwendung seiner raren Doppelbegabung als pointierter Feuilletonist und rigoroser Medien- und Kulturhistoriker, wenn Müller hier stehen bliebe. Sein Projekt ist ein anderes, und so läuft der Objektbegriff der Psychoanalyse zwar immer mit, wenn Müller sich den „Kästchen und Schachteln, den Requisiten der Mode und des Interieurs, den Instrumenten der Klinik und Apparaturen der Laboratorien im späten 19. und 20. Jahrhundert“ widmet, ohne die die Psychoanalyse nicht das wäre, was sie ist. Ihn interessiert aber in erster Linie, was diese Dinge sind, nicht was sie bedeuten.

Dabei kommt Kurioses ans Licht, eine Töpfer-Holtz’sche Influenzmaschine etwa, mit der eine um 1900 elektrifizierte Medizin Kopfschmerzen zu kurieren suchte, indem sie „elektrischen Wind“ machte. Freud wird sich schnell von der Gerätemedizin verabschieden, aber nicht ohne ihr die Auffassung vom „psychischen Apparat“ zu entlehnen. Dazu gehört auch Francis Galtons Methode der Überblendung, durch die „soziale Typen“ („Verbrecher“, „Juden“) sichtbar gemacht werden sollten: „Ein Verfahren, das sein Urheber unter anderem dafür genutzt hatte, aus Einzelporträts jüdischer Schüler Bilder zu gewinnen, die das ,Wesen‘ beziehungsweise die ,Natur‘ der jüdischen Rasse fixieren sollten, handhabt Freud als neutrales Modell.“ Der Psychoanalytiker erkennt hier eine dem Traum analoge Technik, die erklärt, warum uns im Schlaf Menschen begegnen, die aus verschiedenen Persönlichkeiten zusammengesetzt scheinen.

Kuli, Kerze, Medici-Venus

In den Namen, die Freud den Pathologien des modernen Menschen gab, spiegelt sich die Antike. Ödipus, der den Vater erschlägt und die Mutter ehelicht, Narziss, der sich in sein Spiegelbild vegafft. Dass es sich bei diesen Begriffen nicht um ein Nachleben handelt, sondern vielmehr um eine Transformation, ein selbstbewusstes Aufgreifen durch einen Modernen, ist eine überzeugende These Müllers, der diesen Zugriff weniger als philologischen beschreibt, denn als Methode, beim gebildeten Bürgertum die Kränkung, die die neue Wissenschaft bedeutet, zu mildern: „Das Bündnis der Psychoanalyse mit den antiken Mythen schlägt eine Bresche in die Abwehr des Publikums gegenüber den Zumutungen, die mit der Entdeckung der infantilen Sexualität, der Todeswünsche des Kindes gegen den Vater und der libidinösen Besetzung der Mutter verbunden waren.“

Selbstredend machte auch Freuds Bündnis mit der Antike einen Umweg über die Dinge: Leidenschaftlicher Sammler, der Freud war, waren Arbeits- und Behandlungszimmer übersät mit allen möglichen archäologischen Fundstücken. In einem von ihnen, einer Vase, die Marie Bonaparte dem Analytiker geschenkt hatte, ist noch heute Freuds Asche aufbewahrt. Als Sammler verfolgte Freud nicht das Ziel der Vollständigkeit, und das ist wohl auch Müllers Ziel nicht gewesen, der sich methodisch dem Sammler Freud annähert, wenn er Couch, Kugelschreiber, Kerze und Venus von Medici ganz handgreiflich betrachtet, um ihren Weg in Freuds Denken nachzuvollziehen. Die wichtigste Lehre aus Freuds Dinge ist denn auch eine andere. Sie verweist „auf die Geschichtlichkeit des Unbewussten wie auf die Geschichtlichkeit jeder Theoriebildung“. Was auch die Frage stellt, was die Dinge sind, von denen wir heute träumen. Und warum.

Info

Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen und die Seele im technischen Zeitalter Lothar Müller Die andere Bibliothek 2019, 420 S., 42 €

06:00 15.08.2019
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