Vor Freude bellen

Rumänien Ceaușescu-Geheimliteratur oder Trinkerprosa? Egal, das „Handbuch der Zeiten“ macht mächtig Spaß

Was für ein Text, ey! Es treten auf: Der Geograf Ioan und der Armenier Zadic. Zadic ist zuerst Armenier. Und alles Mögliche: ehemaliger Kaufmann für Leipzigereien, Simit-Bäcker, Drahtpeitscher, Weißbinder, Blaupießler. Für eine vollständige Liste aller Berufe, die Zadic ausgeübt hat, konsultieren Sie bitte Seite 14 von Ștefan Agopians Handbuch der Zeiten. Die gesamte Seite 14 bitte, in diesem nur knapp hundertseitigen Roman. Und wenn Sie nicht wissen, was ein Hrist macht, geschweige denn ein Blechdengler, und warum das alles zum Posten des Dieners des Bischofs von Argeș befähigen soll, konsultieren Sie bitte ein Lexikon oder googeln Sie’s, werte Leserin und werter Leser.

Eine Weile lang war der Armenier Zadic auch Poet, wie man in diesem eigentümlichen Handorakel lesen kann. Mutmaßlich lag es an der Qualität des Zusammengereimten, dass er es nur eine Weile lang war: „Rittlings auf der Kanon’ wie zu Pferde / saß er und fragte nach seiner Beschwerde.“

Der Geograf Ion, den wir als Lehrer an der Schule zu Colţia kennenlernen, der neben Zadic in einer Pfütze aufwacht, kann „schreiben, lesen und rechnen“, womit er „einen großen Teil des Wissens, welches er besaß“, bei diesem Bewerbungsgespräch verschweigt.

Es klappt mit dem Job, diese zwei besoffenen Pat und Patachons treten in die Dienste des heiligen Mannes. Der Armenier Zadic dient dem Würdenträger dabei als Ersatz für den bischöflichen Rüden Magog, benannt nach dem biblischen, zweiten Sohn des Jafet, Ahnherr Scythia Minors am Schwarzen Meer, des heutigen Rumänien und Bulgarien. Kommt gut, dass der Armenier Zadic in der mavroghenischen Archondologie „unter dem Titel des Mundschenks auf der Liste der Hunde, die vor Freude bellten, wenn ihr Herrchen kam“, rangiert. „Archondologie“ bitte auch googeln, ja? Der Rüde Magog kann sprechen – aber warum auch nicht, wo ja auch Offiziere Flügel haben? – und trinkt, ähnlich wie der Ion und der Zadic, sehr gern und reichlich. Außerdem versucht der Hund, falsche Edelsteine unters Volk zu bringen.

Andere Tiere und Fabelwesen, die auftreten: Kakodämonen (bitte googeln!), Chimären und der Riesenvogel Odysseus, der in scheppernder Rüstung Seit an Seit mit Ioan und Zadic gegen Molosser Hunde und Stymphaliden kämpft. Molosser Hunde sind Hunde, kleiner Service, werte Leserin, werter Leser, und Stymphaliden sind menschenfressende Vogelungeheuer aus der griechischen Mytholgie. Die Stymphalide, die der Riesenvogel Odysseus einfängt, passt in ein Einmachglas, wo sie mit Zuckerstückchen gefüttert wird, genauso wie jene Molosser, die sich dem Trio ergeben haben.

Weitere Tiere, die auftreten: vier Ratten, die mit dem Knoblauch, den der Armenier Zadic, der drei Jahre in Anatolien Koch war, zwar nicht aus dem Hut, aber aus der Tasche zaubert, fürs gesäuerte Ragout bestimmt sind. Zadic bläst ihnen einer nach der anderen in den Arsch, bis sie doppelt so groß sind wie zu Anfang. „Er ließ den Finger plötzlich los und der Körper des Tieres wurde mit einem Büchsenknall aus der Haut geworfen, was Ioan ängstigte.“ Zum Essen kommt man nicht, es kommen vier Grobiane, die diese ständig intoxikierten Schwippschwager Schelmufskys lehrbuchgemäß vermöbeln. Was für ein Text, ey!

Ein Morgen wie aus Alkohol

Zwischenzeitlich wohnen der Geograf Ion und der Armenier Zadic wie Diogenes in einem Fass. Der Aufgaben, die der bischöfliche Dienst mit sich bringt, sind es wenige: „nichts als essen und schlafen und ab und an urinierten wir wie die Hunde auf den Schoß seiner Heiligkeit.“ Aus Langeweile legen diese alkoholkranken Cousins Bouvard und Pecuchets ein Herbarium mit all jenen Pflanzen an, die sich um ihre Heimstatt, das Fass, finden lassen. Gepresst in den Büchern Seiner Heiligkeit und mit Plinius’ Naturgeschichte als Anleitung entsteht der „Katalog der Pflanzen um das Fass herum“, der bei der Königlichen Akademie von Engliterra erscheint. Geld gibt’s dafür keins, aber vielleicht kann man die Rechte am Katalog dem Wirt vermachen, als Bezahlung für die Zeche, die man sonst prellen müsste? Der Rüde Magog reißt sich schließlich das betreffende Dokument unter die Krallen.

Der Roman spielt um 1800 in Rumänien, aber irgendwie auch überall anders, es kann auch mal nach Ägypten gehen, an einem „Morgen wie aus Alkohol“, ins Pestlazarett, eigentlich ist’s egal. Geschrieben ist er 1984 und passierte, wie Jörg Sundermeier im Nachwort schreibt, problemlos Ceaușescus Zensur. Kann sein, dass wir es hier mit der Kunst zu tun haben, die Leo Strauss für das Schreiben im Totalitarismus ausgemacht hat: der Kunst, der exoterischen Bedeutung eines Textes eine esoterische mit auf den Weg zu geben, damit, wer eingeweiht ist, zwischen den Zeilen lesen kann. Vielleicht. Vielleicht ist’s auch nur ganz große Trinker-Prosa mit bösem Ende, wie sich das für Trinker-Prosa gehört. Was für ein Text jedenfalls, ey!

Info

Handbuch der Zeiten Ștefan Agopian Eva Ruth Wemme (Übers.), Verbrecher 2018, 128 S., 18 €

Die Bilder des Spezials

Zuerst ist da ein leeres weißes Blatt Papier mit unendlichen Möglichkeiten, bald findet sich darauf eine absurde Welt der Abstraktion. Zu sehen sind fiktive Gebäude, unendliche Tunnel, lauernde Treppen. Es gibt rätselhafte Hinweise. Nur: Nie führen diese zur Auflösung des Rätsels.

Die Illustratorin Pia-Mélissa Laroche, Jahrgang 1985, zeichnet surreale Welten. Sie will die Macht der Suggestion hinterfragen. Sie sagt: „Wie die Krypten der christlichen Kirchen oder Nabateans Gräber sind diese architektonischen Strukturen direkt in den Boden gehauen. Sie drängen sich durch Subtraktion auf, um unzerstörbar und mehr als je zuvor zu werden. Mit einer extremen Haltbarkeit trotzen die ,Hyper Residenezen‘ Zeit und Raum.“ Laroche lebt und arbeitet in Paris.

06:00 14.03.2018
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