Was Durs Grünbein sagte

Dresdner Kontroverse Viel wurde über Uwe Tellkamp geschrieben. Um das Bild zu komplettieren, dokumentieren wir ausgewählte Wortbeiträge seines Diskussionspartners im Dresdner Kulturpalast
Was Durs Grünbein sagte
Dieser Korridor riecht wahrscheinlich nach Bohnerwachs. Vielleicht auch nach Spießigkeit. Ob's Gesinnungskorridore gibt und wie sie riechen, weiß man hingegen nicht

Foto: imago/photothek

Über Populismus:

"[D]er Begriff Populismus ist natürlich ein unsinniger Begriff. Tatsächlich deshalb, weil es in der Politik im Kern immer um den Populus geht. Wir kennen linken Populismus, wir kennen rechten Populismus, wir kennen auch sozialdemokratischen Populismus, wir kannten Populismus aller Art. Den Populismus selber verächtlich zu machen würde praktisch auf eine Verächtlichmachung am Ende des Souveräns hinauslaufen. Deshalb habe ich diesen Begriff nie für interessant gehalten. Der wird auch von Politologen ganz anders betrachtet aber er scheint gerade eine Münze zu sein."

Die Transkripte bilden unmittelbar das gesprochene Wort ab. Alle Zitate kann man in der Videoaufzeichnung des Dresdner Abends nachhören. Wir empfehlen das! https://www.facebook.com/dresden2025/videos/vb.150118392397629/214581359284665/?type=2&theater

Die Transkription besorgten Malte Thie, Pepe Egger und Mladen Gladic

Über Medien, Manipulation und Medienkritik

"Die Frage, wem gehören die Zeitungen, Fernsehsender und Rundfunkanstalten ist keine triviale. Auch in den Gesellschaften des Westens gehören Täuschungen und Meinungsmanipulationen zu den Instrumenten der Politik, wie in Amerika beispielsweise die Ära der Präsidenten Nixon, Reagan oder heute die des Donald Trump beweisen."

"Der freie Mensch bildet sich seine eigene Meinung. Er ist dazu im Stande, weil er in einer prinzipiell freien Gesellschaft die Möglichkeit hat, sich umfassend zu informieren. Allerdings auch die Pflicht dazu. Er wird, wenn ihm dies gelingt, weniger anfällig für Verschwörungstheorien und linke wie rechte Ideologeme sein. Durch ein aufgeklärtes Denken immunisiert, wird er auch nicht zum Opfer von Angstpropaganda, Weltuntergangsrhetorik oder Demagogie. Da er selber die Mittel der Analyse zur Hand hat, betrachtet er sich nicht als Opfer, sondern als Gestalter politischer Diskurse. Fragen der Gesinnung, bloßen Glaubensbekenntnissen, autoritären Tendenzen und Erscheinungen der Intoleranz, begegnet er souverän. Er geht auch nicht den überflüssigen Reklametechniken einer Demokratie auf den Leim."

"Ich verstehe schon nicht den Begriff System, der neuerdings hier im Lande herrscht. Und zum Beispiel auch in Bundestagsdebatten von einer Fraktion immer wieder angesprochen wird. Also, es gibt da anscheinend ein System und dieses System steuert die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Dieses System hat anscheinend Zugriff, über die öffentlich-rechtlichen Kanäle, auf die Gehirne vieler Bürger in diesem Land. Das kann ich alles nicht sehen, im Gegenteil sehe ich inzwischen ein sehr weit aufgefächertes Gelände mit immer neu hinzukommenden Diskursen von links bis ganz ultrarechts."

"[D]ie Bild-Zeitung hat damals auch, weil es sehr populär war in dieser Stunde, die große Willkommenskultur [befördert,], und natürlich Monate später, weil das auch wieder populär war jetzt natürlich, eher die kritische Haltung, weil man jetzt die Fehler und Probleme dieser Integration nun sieht. Also kann ich nicht von einem einseitigen Trend ausgehen. Die Meinung, die Meinungsbildung, wandelt sich.

Über Dresden in den Medien

"Also hier sind viele beleidigt worden von der Presse, das kann ich nachvollziehen. Ich selber fühle mich irgendwie nie beleidigt, mich kann man beschimpfen als Ostler, als Sonstwas, als Mitläufer, jetzt wieder als Dandy, weil ich internationale Interessen habe und mich oft im Ausland herumtreibe, dann komme ich aber erst recht gern wieder, um das mal so zu sagen, ich komme dann über die Brücke und sehe als erstes ein Plakat, heute Abend wird eine schöne Veronesa-Ausstellung eröffnet, das ist mein Dresden, also immer diese Doppelungen. Es war immer beides. Es war natürlich immer eine große Lokalkraft, aber es hatte auch immer ein europäisches Format. Und ich kann nur alle aufrufen, bewahrt das hier. Macht es nicht zu so einer Provinz, wo man sich nur darüber unterhält, wer wen wann irgendwie beleidigt hat. Das ist doch Kleinkram, Pille-Palle."

Über die Debatte um Eugen Gomringers "avenidas":

"[D]as ist eine kleine Petitesse. Ich bin auch an einer Hochschule, ich kenne den AStA, ich weiß, was da los ist. Das sind natürlich so kleine, vielleicht da in dem Sinne sogar Gesinnungsflausen, komische Ideen auf einmal und die kochen hoch und auf einmal muss das Gedicht ab. Aber nun steht's am Pariser Platz und gleich noch ein anderes dazu, also wieder hab ich nicht das Gefühl, es fehlt irgendwas. Im Gegenteil, nie zuvor ist so ein Spot[light] auf ein einzelnes Gedicht eines konkreten Autors gefallen. Zumindest muss man dialektisch denken, das ist die Dialektik."

Über die "Charta 2017"

"Ich kann das nicht unterschreiben weil ich dieses links-rechts-Gerangel nicht mitmache, das nervt mich gerade, das ist wie ein Störton im Gehirn. Das hatten wir das ganze 20. Jahrhundert hindurch und ich mag es nicht mehr hören und es ist auch nicht neu, nichts daran ist neu."

"[W]enn hier von Gesinnungsdiktatur die Rede ist, habe ich als erstes übrigens gefragt – wir teilen einen Verlag – ist damit jetzt mit dieser linken Gesinnung gemeint, diese ganze Suhrkamp Kultur? Dieser Riesenfächer an Theorie, die Frankfurter Schule, die Psychoanalyse alle diese Denkrichtungen mit denen wir ja erstmal aufgewachsen sind. Ist das so eine Art Gesinnungsphilosophie oder so was?"

"[Bei der Charta 2017] wurde jetzt quasi so getan, als wäre die publizistische Landschaft dieser Bundesrepublik fast schon wieder ähnlich wie die zur damaligen DDR-Zeit. Das ist in der Tat auch wieder ein Argument, was ich speziell hier in Dresden auch bei etlichen Pegidademonstrationen, die ich besucht habe, öfter höre. Und das mich erstaunt, weil es auf gewisse Weise einen bedenklichen Zustand eines Gefühls von Unmündigkeit abbildet. Ich kenne ja noch den alten Zustand. Damals war es so. Es war eine gleichgeschaltete Presse, der man fast nichts entgegenzusetzen hatte. Jetzt sehe ich das so nicht."

Über die AfD

"Es gibt nicht nur Regierungskritik jetzt von rechts, wobei ich nicht mal weiß, wie rechts die AfD eigentlich ist. Sie ist von ihrem Kern her – nehmen wir Herrn Gauland […] – eine alte Abspaltung von einer CDU. Gut, es gibt ja so ein gewisses Spektrum, wie gesagt die experimentieren gerade, die experimentieren auch gerade mit ihrer Wählerschaft, die experimentieren auch nach innen, jeden Tag eine neue Situation, neue Meldungen – jetzt ist Herr Poggenburg anscheinend beim politischen Aschermittwoch doch zu weit gegangen, wird intern abgemahnt und so, das sehe ich ja alles. Ist sozusagen fast eine lebendige Partei, setzt sich intern ständig auseinander aber ich sehe die nicht als einzige und alternativlose Opposition in diesem Land, das ist ja absurd [ …]"

"[Ich] sammle [...] dann doch Formulierungen, die gehen in eine Richtung und die heißen z.B. dass auffällig in letzter Zeit das sogenannte Wording [ … ] der AfD immer aggressiver wird, das ist […] ein politisches Verhalten. Es werden da Grenzen ausgetestet, das sehen wir gerade im Bundestag, das ist wie ein Testlauf, zum ersten Mal geht's lebendig zu im Bundestag und dann kommen auch geharnischte Antworten. Ich fand neulich einen Passus z.B. der Erwiderung von Özdemir ganz interessant. Weil er nämlich tatsächlich eine Dialektik aufgezeigt hat, als er nämlich der AfD zurufen konnte: "ihr seid aus demselben faulen Holz wie die AKP von Erdogan". Da war ein dialektischer Gedanke drin, denn in der Tat haben wir jetzt natürlich hier Entwicklungen, die reagieren auf gewisse Tendenzen in der umliegenden Welt also z.B. Autokratensysteme oder … die Fanatisierung von Teilen der deutsch-türkischen Gemeinschaft in Deutschland. Aber dann haben wir sozusagen jetzt zwei Parteien die sich da den Kopf einschlagen können. Ich wiederum, aus der Mitte schauend, frage mich, was das ganze soll. Ich kann mich aber jetzt nicht auf eine Seite schlagen. Das kann ich wirklich nicht. Tatsächlich fand ich die Formulierung, dass die AfD hier hin und wieder jetzt schon Ideen gebiert wie die AKP, sehr klug. Das ist der Fakt. Da muss ich nicht mal Grüner sein, um das gelten zu lassen. Also die Fanatisierung oder diese Zunahme an aggressiver Verbalität die ist ja doch zu verzeichnen."

"Ich hab auch keine Angst vor [der] AfD."

Über Demokratie und Demokratiedefizite

"Alle kennen natürlich die Akropolis und haben schon gehört von der Akadḗmeia und so weiter. Nicht viele haben gehört von einer Einrichtung, die die Athener Pnyx nannten. Das war ein Hügel, etwa gegenüber der Akropolis und zu den besten Zeiten konnten sich dort über dreitausend Menschen treffen – in der Regel natürlich vorwiegend Männer und keine Sklaven und auch keine Ausländer – aber diese dreitausend stimmberechtigten Bürger, die hatten den Versuch eines quasi endlosen Diskurses. Bis heute gibt es in der ganzen westlichen Welt kein Parlament, das diese Situation wenigstens modellhaft wieder herstellen könnte, deswegen haben wir die sogenannte repäsentative Demokratie, die aber nicht dasselbe ist."

"Es ist wahr, es ist absolut wahr, dass unter dieser Kanzlerschaft [...] die Richtlinienkompetenz gelegentlich weit überschritten wurde, das stimmt. Gewisse Entscheidungen wurden getroffen gewissermaßen am Parlament vorbei. Die Situationen aus denen heraus das geschah, die muss man sich im einzelnen anschauen."

"Wir haben zuletzt Regierungsjahre gehabt, in denen gewichtige Entscheidungen nicht sehr demokratisch gefällt wurde, Absolut. Und zwar während einer Legislaturperiode, das heißt nicht mit der Möglichkeit, dass das Wahllvolk jetzt live eingreifen konnte."

Über Regierungskritik

"Der Lindner war auch regierungskritisch, bis er die Nase voll hatte. Man komnnte auch FDP wählen, wenn man regierungskritisch war."

"Wenn alle unzufrieden sind mit der Regierung Merkel, dann wählt sie doch ab. Ist doch ganz einfach. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Nein, Sie werden alle eingeschüchtert und müssen so reden wie Merkel oder was? Was ist denn das für'n Scheiß. Das nervt mich, das hab ich noch nie verstanden. Sind die alle programmiert oder was?"

"Ich möchte jetzt auch bewusst nicht direkt eine Debatte über die Merkel-Politik, da habe ich große kritische Ansätze, die gehen aber eher in Richtung Konzernpolitik und so weiter."

"[W]ir wollen jetzt hier nicht z.b. gerade die sächsische Parteienlandschaft analysieren, warum es da eben von Anfang an immer erstmal nur eine CDU-Mehrheit gab, bis zur großen Enttäuschung. Und auf einmal in demselben Ländle, wo man bislang eigentlich immer von Biedenkopf angefangen über Milbradt bis Tillich und so weiter sehr zufrieden war irgendwie mit dieser CDU Mehrheit. In derselben Stadt wird jetzt plötzlich, die Clan-Chefin soll an den Galgen, das ist doch absurd, das passt doch alles nicht."

Über die sogenannte Flüchtlingskrise

"Da gibt es verschiedene Thesen im Raum. Ich hab eine ganz simple, dass der berühmte 15. September 2015 eine Reaktion war, auf einen vorherigen Empathiemangel dieser Kanzlerin und, dass sie dann plötzlich über Nacht entscheidet, einmal die Schleusen zu öffnen, um dem Ganzen die Dringlichkeit etwas wegzunehmen. Davor waren Bilder von Transportern, in denen etliche Menschen erstickt waren und so weiter, das wissen wir noch heute. Sogleich war aber das sofort das Datum der absoluten Überforderungen aller staatlichen Stellen. Von Anfang an."

"Also wie wir alle gemerkt haben war, dieses Datum des 15 September 2015 ja eine einmalige Angelegenheit. selbst die jetzige Regierung hat inzwischen Entscheidungen getroffen, die sozusagen fast auf einer Linie liegen mit etlichen anderen europäischen Staaten die... jetzt ist der Zuzug erstmal gebremst. die einzige Debatte dass im Vorfeld dieser sogenannten Groko Verhandlung, dass der SPD sehr daran lag den sog. Familienzuzug noch zu realisieren. Auch da müsste man Einzelfall und Härtefallregelung beobachten und so weiter. Ich möchte jetzt nicht noch mal etwa an an ihre humanistischen Gefühle appelieren, wie das ist wenn man sozusagen auf der Flucht ist und kann jetzt doch die Kinder oder die Frau nicht nachholen..."

"Das Dublin-Abkommen [ist] verletzt worden, etliche Abkommen in der EU sind verletzt worden. Das ist ganz klar."

"Das hab ich damals gesagt, das wird ein Ruhmesblatt für dieses Land sein noch in Generationen wird es heißen was für eine großzügige Geste."

"Es muss dann eines Tages anscheinend eine Untersuchungskommission über das Handeln der Regierung merkt in dieser Situation geben so war das immer. Wie nach dem Vietnamkrieg wie nach all diesen Erscheinungen muss es am Ende in der demokratischen Gesellschaft eben praktisch ein Revisionsprozess geben und dann können alle Fragen gestellt werden: Wer war wie legitimiert zu handeln? Über wessen Kopf hinweg sind Entscheidung getroffen worden?"

Über angebliche 95% Wirtschaftsflüchtlinge

„Ich erinnere mich an 1989, als wir auf die Straße gegangen sind, ziemlich am Anfang schon. Ich auch und ein paar Leute, die ich gut kenne, und lange bevor der große Strom kam, haben wir auch so gedacht und haben gedacht: aus einer Bürgerrechtsbewegung wird jetzt hier sozusagen ein Konsumstrom. Bis ich soweit war, zu sagen, es hat ja anscheinend jeder doch das Recht sich in Bewegung zu setzen. Was ich damit sagen will ist: natürlich konnten wir schon auch im Zuge der Einheit nicht mehr trennen von sozusagen politisch motiviertem Protest oder einfach nur dem Bestreben in dieser anderen Marktwirtschaft aufzugehen, deren Chancen mit zu nutzen. Das ist natürlich auch heute sehr schwierig auseinanderzuhalten, ich hoffe aber und deshalb denke ich schon dass wir zum Beispiel ein Einwanderungsgesetz brauchen. Wir müssen das differenzieren, gerade weil wir ja die Pflicht haben, aus sagen wir mal wirklichen echten Bürgerkriegsregionen Menschen zu helfen.“

Über den Vorwurf, das Geld, das für Geflüchtete ausgegeben werde, fehle an anderer Stelle

"Dieser Staat hat Steuereinnahmenüberschüsse wie nie zuvor in der Geschichte. Das ist ein Faktum. Die Frage ist wie diese Steuern jetzt verwendet werden. An welcher Stelle. Und da ist es politisch sicher nicht opportun, diese verschiedenen Köpfe gegeneinander auszuspielen, das halte ich für eine gewisse Demagogie."

Über den Vorwurf, mit den Geflüchteten seien auch Gewalttäter ins Land gekommen

"Und da war mir doch von Anfang an klar, natürlich kommen hier Opfer und Täter zugleich herein. Hilfesuchende, wirklich humanistische Fälle, und Terroristen, das war völlig klar, das wurde aber auch eigentlich von den Stellen, mit denen man sprach eigentlich sofort konzidiert. Das heißt, ich kann da wieder nicht sehen, dass es da praktisch nur einen einseitigen Konsens gegeben hat."

"Und ich gehe da übrigens auch sehr weit [...], ich weiß aber nicht ob das rechts oder links ist. Die Theorien z.b. des Soziologen Gunnar Heinsohn sind auch nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Sie kennen vielleicht die ganzen Theorien vom Überhang junger Männer in gewissen Gesellschaften, Kriegsindex etc. etc. Das ist natürlich auffällig das gerade aus dieser Region ein gewisser Typus auch kommt, ein kämpferischer Typus. Die französische Gesellschaft, die belgische Gesellschaft, unsere auch schon ansatzweise sind davon jetzt betroffen. Und in der Tat würde ich diese Menschen nicht primär als schutzbedürftige einschätzen Das tut auch keiner vernünftigerweise die sind nur mitgekommen in dem Strom. Raubfische auch. Das muss, natürlich, dafür ist der Staat da. Dafür sind Polizeikräfte da, Ermittler und so weiter und das es auf keinen Fall wieder so geschehen darf wie damals [...]. Ich war zufällig tatsächlich nur 200 Meter entfernt von dem Geschehen[ …] auf dem Weihnachtsmarkt. [Das] ist natürlich eine Schlappe des Staates, der Ermittler, absolut. Also so wenig Schutz anscheinend war noch nie. Es ist aber kein Argument, dass man, sagen wir mal, Menschen die von Giftgasangriffen also vorwiegend zunächst mal. Frauen Kinder alte Leute, die die nicht anders können, die nirgendwo mehr einem Ort haben hinzugehen, dass man denen vorübergehend hilft. Das halte ich sogar für eben tatsächlich für eine gute Sache."

Über rechte und linke Gewalt

"[I]ch würde Gewalt nicht so einseitig zuordnen, die massiveren Straftaten waren immer noch in den letzten Jahren von rechten Gewalttätern, Mordserien, Anschläge, aber ich muss das nicht wiederholen, weil ich hoffe, das es sich versteht, das kann man ja nicht verdrehen, das ist so. Dass der Antifa-Block oft eine sehr unglückliche Rolle spielt seh ich auch, ärgere mich oft."

"[I]ch hab ein schönes Beispiel, oder ein sehr tragisches, was neulich in der Stadt Kandel passierte. Wir haben diesen Fall alle verfolgt, ein sehr tragisches Geschehen, ein, wie man zunächst mal als Jurist sagen würde, Verbrechen aus Leidenschaft, ein Mordfall. Beteiligt allerdings ein deutsches Mädchen und ein eingewanderter Afghane. Und nun Proteste in der Stadt. Und ich hab mir das angeschaut, also nicht vor Ort, aber Übertragungen, und ich kann sehr wohl die Wut, zum Beispiel von Müttern, verstehen, also O-Ton in dem Sinne: dafür hab ich meine Tochter hier nicht aufgezogen, damit sie dann von Merkel-Gästen vergewaltigt oder umgebracht wird. Das kann man nachvollziehen, ganz klar, das ist mütterlicher Reflex. Auf der anderen Seite gab es jetzt Bürger der Stadt, die gesagt haben, hört aber auf unsere Stadt dafür zu instrumentalisieren. Und das fand ich einen besonders, muss ich sagen, ziviles Anliegen. Interessanterweise ist es in diesem einen Fall wohl gelungen, wenn das stimmt was ich gehört habe, mit Vermittlung der Polizei den auch wieder anwesenden Antifa-Block auf die Seite dieser Bürger, die zunächst mal ihre Stadt schützen wollten und von Hassentwicklungen oder Instrumentalisierungen freihalten wollten, dort einzureihen. Und das war also offenbar gelungen, das zu moderieren, das würde ich mir in Zukunft öfter wünschen, weil das natürlich nichts bringt. Wir müssen aber nicht darüber reden, dass es Extremismus in diesem Land gibt und dass es einen schwarzen Block gibt, sobald der G20-Gipfel läuft."

"Aber das ist doch jetzt wie im Sport, das können wir hin- und hertreiben. Was hat die Gruppe Freital gemacht? Wo kommen wir denn da jetzt hin? Das geht’s jetzt um den Score, wer hat mehr? Natürlich waren die NSU-Morde wahrscheinlich das ganz große Menetekel."

"Ich bin sehr dafür, dass die Strafermittler, die Polizei zuerst mal, besser ausgebildet ist und an dieser Stelle unterscheiden kann. Neulich hatten wir den Fall eines Berliner jüdischen Gastronomen, der von einem Bürger angemacht wurde, beschimpft wurde, übelst. Das ist Gott sei Dank auch gefilmt und dokumentiert. Und jetzt kommt aber ein zweites Kapitel, dieser Mann steht jetzt selber vor Gericht, weil er gegen andere Pöbler einmal handgreiflich wurde. Es ist eindeutig natürlich ein antisemitisches Delikt, aber es wird dann zum Schluss manchmal von Seiten der Richter gar nicht als solches gesehen sondern die schauen nur noch, ja wer hat denn da zugelangt. Also da rede ich gerne mit Ihnen. Und ich hab auch die selbe Sorge. Wir kennen [...] einen gewissen arabischen antisemitischen Standard, den wir hier niemals dulden dürfen. Auf keinen Fall. Und da wünschte ich mir viel mehr Solidarität der Gesellschaft gegenüber Juden in diesem Land, die da grade vor allem in dieser Zeit allein gelassen wurden. Wir hatten das ja erst kürzlich in Berlin. Also gar keine Frage und da sind alle falschen Zuordnungen [...] gradezu gefährlich. Nein, es ist dann keine rechte Straftat gewesen, sondern zum Beispiel eine islamisch intendierte. Das ändert alles."

Über die Wiedervereinigung

"Eines muss man doch sagen: schon die deutsche Einigung ist so grandios [...] und [...] wird nach wie vor von verschiedenen anderen Ländern sehr sehr gelobt und bewundert. Ist es aber doch zunächst mal auf eine große Überdehnung der Institutionen gewesen das sehen wir doch, ist doch klar. Ich hab doch nie die Erwartung gehabt, dass man mich alimentiert, verdammt. Wie komm ich denn darauf."

"Es ist trotzdem zu teuer gewesen."

"Ja ich habe doch nur gesagt, niemand konnte das ausrechnen, vorher, der Volkswille war wohl schon, es gab eine gewisse Mehrheit, die gesagt hat: so, wir wollen jetzt sofort die Vereinigung. Ich bin dem damals übrigens – und das waren diese Bürgerrechtszeiten – überhaupt nicht entgegengetreten. Ich fand praktisch alle Ideen von Drittem Weg und noch mal Sonderversuche wirklich [...] obsolet.
Ich wusste plötzlich, dass wenn eine Mehrheit entscheidet, jetzt wollen sie die Vereinigung sofort, dann macht man das eben. Das daraus eine Riesen-Kohl-Show wurde, ist wieder was anderes."

Über schwierige Bücher und was man mit ihnen machen sollte

"Ich erinnere mich an meine 90er Jahre, aus dem Osten kommend, und an die intellektuelle Sphäre, Stichwort Heiner Müller, da waren ja alle diese Diskurse präsent. Wir haben natürlich den Mohler gelesen, Donoso Cortes, das war alles plötzlich wieder da, zum Beispiel Heidegger, der war ganz groß bei Niemeyer komplett verlegt [...]. Ich kann also erstmal nicht sagen, dass das alles nicht zugänglich ist. Die Frage ist, ob man es immer wieder neu als Kampfschriften aufbereiten soll."

"Ich war am letzten Wochenende in Paris zu Gast beim Verlag Gallimard. Einer der großen Autoren von Gallimard war zugleich einer der ganz großen Antisemiten der französischen modernen Literatur: Céline. Der wird dort in der Pléiade, der Klassikerausgabe verlegt, und man überlegt jetzt, ob man sogar die absolut widerwärtigen antisemitischen Streitschriften wieder auflegt. Die französische Gesellschaft, die intellektuellen Szene dort ist anscheinend so immunstark, dass sie das aushalten wird. Ich verstehe nicht, warum wir das hier nicht aushalten. Ich bin nicht der Meinung, dass man diese Schriften unterdrücken soll, ich habe sie – soweit es mir zugänglich war – alle gelesen, ich will das lesen, ich will das erfahren, ich mag keine Zensur an dieser Stelle und wenn es sich um klassische historische Schriften – und wir hatten das neulich mit "Mein Kampf" – dann werden die wieder neu aufgelegt, mit einem historisch-kritischen Zu- oder Nachwort. Der Bürger ist mündig genug, diese Schriften zu lesen. Aber jetzt komme ich auf die Buchmesse und sage, in Bausch und Bogen, nein, keine Zensur, kommen Sie alle hin mit Ihren Ständen. Verfassungsrechtlich anstößige Schriften, die werden ja schon allein vom Strafgesetzbuch her nicht möglich sein, das ist ja gar nicht Frage einer Messeleitung, das zu entscheiden und ich muss einfach mal was dazu sagen, ich glaube auch, das war ein sehr unglückliches Moderieren oder Einflussnehmen von Seiten der Frankfurter Messeleitung, das war absolut uncool. Ich habe noch verstanden, dass man die Stände sozusagen wie Kontrahenten wohl platziert hat, darin sehe ich fast noch eine gewisse Pädagogik, so „Schaut euch in die Augen“. Aber was dann geschah und gewisse Sprachregelungen, das halte ich für überflüssig weil sie z.b. auch mich entmündigen wollen, dagegen bin ich vollends."

23:15 15.03.2018
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