Wir Habsburger

Europa Er war Österreicher, sprach Tschechisch und Deutsch, lernte fleißig Hebräisch und schwärmte auf Jiddisch. Ist Kafka der Erzähler für die EU von heute?
Wir Habsburger

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Wer an der Grunewaldstraße 23 im Berliner Stadtteil Steglitz vorbeikommt, wird stutzig werden bei der Tafel an der Fassade des Gebäudes mit den dunkelgelben Klinkersteinen. Sie erinnert an einen prominenten Bewohner: „Der österreichische Dichter Franz Kafka“, kann man da lesen, „wohnte in diesem Hause vom 15. November 1923 bis zum 1. Februar 1924.“ Kafka, ein Österreicher?

Falsch ist das nicht: Kafkas Geburtsstadt Prag war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 Teil der Habsburgermonarchie. Die Hauptstadt des Königreiches Böhmen, deren Staatsoberhaupt Kaiser Franz Joseph I. war. Kafkas Namenspatron, sagt Kafka- Biograf Reiner Stach.

Kafka lebte den längsten Teil seines Lebens in einem Vielvölkerstaat. Erst 1918 wurde er Tschechoslowake. Ist es diese historische Konstellation, die nicht nur Kafkas Literatur ermöglichte, sondern ihn für uns heutige Europäer aktuell macht? „Wer von Habsburg nicht reden möchte, der muss über Europa schweigen“, so drückte es Helmut Rumpler, Obmann der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bereits vor einigen Jahren aus.

Und vieles spricht dafür, dass die Probleme, mit denen sich das Europa von 2019 herumplagt – Nationalismus, Arbeitsmigration und soziale Verwerfungen, fremdenfeindliche und antisemitische Ressentiments, eine dysfunktionale, ja kafkaeske Bürokratie und die Machtkonzentration in Teilen der Gemeinschaft –, nicht so verschieden sind von jenen, die zum Zusammenbruch Österreich-Ungarns führten.

Kafka war Zeuge nicht nur des Zerfalls eines Staatengebildes, seine Sprache war auch Produkt des Versuchs, Konflikte zwischen den verschiedenen großen und kleinen Ethnien, die es bevölkerten, zu moderieren. Folgt man Ivan Krastev, muss man sich weniger fragen, warum die K.-u.-k.-Monarchie 1918 auseinanderbrach, sondern warum sie das nicht schon 1848 getan hat. Weiß Kafka Antworten? Kafka, ein Europäer?

Geboren wird er an dem Tag, an dem ein verändertes Wahlrecht der tschechischen Mehrheit auch die Mehrheit im Prager Landtag bringt. Für die deutschsprachige Minderheit kein Tag zum Feiern. Die Eltern Hermann Chaim (hebräisch Henoch) und Julie Kafka, geborene Löwy, gehören zur ersten Generation böhmischer Juden, die von rechtlicher Gleichstellung profitiert. Schon das „Toleranzpatent“ Kaiser Josephs II. von 1782 hatte österreichische Juden von der Kopfsteuer („Leibmaut“) befreit, die Gettos aufgelöst und Gewerbefreiheit garantiert. Die Juden zogen in die Städte. Der Preis: Ihre Kinder mussten jetzt auf deutsche, meist christliche Schulen gehen.

Ein Restaurant in Tel Aviv

Er besucht also die Deutsche Knabenschule am Prager Fleischmarkt und das Staatsgymnasium in der Altstadt. Er studiert zunächst Chemie, dann Jurisprudenz. Nach einem Schlenker zur Germanistik promoviert er in Rechtswissenschaften.

Zeit seines Lebens wird Kafka im Versicherungswesen tätig sein. Zeit seines Lebens wird Kafka schreiben. Und schreiben wird er in seiner Muttersprache, auf Deutsch. Macht ihn das zu einem deutschen Autor?

Zwar gehört Kafka zu den wenigen Prager Juden, die auch des Tschechischen mächtig sind, doch es bleibt Zweit-, wenn nicht Fremdsprache. Ab 1917 beginnt er, Hebräisch zu lernen, von 1922 an bei der jungen Puah Ben-Tovim, deren Auftauchen in der Prager jüdischen Gemeinde, glaubt man Reiner Stach, eine rechte Sensation darstellte. Denn Ben-Tovim war in Jerusalem geboren, also keine jener zionistischen Auswanderinnen, die die alte Heimat besuchten: „Alle waren entzückt von ihrem Hebräisch, und nachdem sich herumgesprochen hatte, dass man hier nicht das Vokabular der Tora, sondern verbindliches Iwrith aus erster Hand zu hören bekam, wurde sie zudem als Sprachlehrerin vielfach in Anspruch genommen.“

Auch von Kafka, der trotz nachlassender Gesundheit – seit 1917 litt er an der Lungentuberkulose – unermüdlich lernte: Wenn er so stark hustete, dass sie die Unterrichtsstunde abbrechen wollte, erinnert sich die Lehrerin, „schaute er mich an, er konnte nicht sprechen, flehte mich aber mit seinen großen dunklen Augen an, zu bleiben und ihm noch ein Wort zu sagen, und dann noch eins und noch eins“.

Auch über Palästina wird Kafka, der Zeuge mancher antisemitischer Ausschreitung im Prag seiner Zeit wurde, die Hebräischlehrerin ausgefragt haben. Er wäre, „wenn schon nicht nach Palästina übersiedelt, doch mit dem Finger auf der Landkarte hingefahren“, schreibt er 1918 an den Freund Max Brod. Der, aber auch die zweimalige Verlobte Felice Bauer, motivierte ihn zu einer Auseinandersetzung mit dem Zionismus. Zionist wurde Kafka nicht, selbst wenn die letzte Gefährtin, Dora Diamant, von Plänen berichtet, in Tel Aviv ein Restaurant zu eröffnen. Auf das Angebot Brods, Redakteur bei der Monatszeitschrift Der Jude zu werden, antwortete Kafka brüsk: „Wie dürfte ich bei meiner grenzenlosen Unkenntnis der Dinge, völligen Beziehungslosigkeit zu Menschen, bei dem Mangel jedes festen jüdischen Bodens unter den Füßen an derartiges denken?“

Fasziniert zeigte sich Kafka vom Jiddischen: 28-jährig wohnt er auf Einladung Brods den Aufführungen einer jiddischen Theatertruppe aus Lwiw (Lemberg) bei und verfällt in wilde Schwärmerei für die 30-jährige Schauspielerin Mania Tschisik. Mit dem Schauspieler Jizchak Löwy wird ihn Freundschaft verbinden. Löwy wird auch in Kafkas Brief an den Vater von 1919, einer Generalabrechnung mit Henoch Kafka, genannt: „Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit ‚Ungeziefer‘, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand.“ Löwy lebte während der deutschen Besatzung im Warschauer Getto. Vermutlich wurde er 1942 nach Treblinka deportiert und ermordet. 1915 veröffentlicht Kafka die Erzählung Die Verwandlung: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, lautet ihr erster Satz.

Wer war Kafka, in der K.-u.-K-Monarchie geboren, als Tschechoslowake gestorben? Einer, der deutsch schrieb und des Tschechischen, der Sprache der „einfachen“ Bevölkerung seiner Heimat, mächtig war? Der die Sprache des späteren Israels begierig aufsog und im Jiddischen eine Alternative zum assimilierten Judentum des Vaters fand? Ein Bewohner einer europäischen Metropole am Anfang des 20. Jahrhunderts? Abgesehen von Wochenendreisen ins Deutsche Reich, schreibt Stach, „verbrachte Kafka in den 40 Jahren und 11 Monaten seines Lebens etwa 45 Tage im Ausland“.

Das Kleine ist revolutionär

„National-Literatur will jetzt nicht viel sagen; die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen“, diktierte Goethe schon 1827 seinem Sekretär Eckermann. Benjamin Balints exzellente, minutiöse Studie (siehe unsere Rezension unten), die die juristischen Streitigkeiten um Kafka-Manuskripte vor Israels Oberstem Gericht auch als Frage danach beschreibt, wer ihr Autor eigentlich war, Jude oder Deutscher oder etwas ganz anderes, lässt daran zweifeln, dass Goethe Recht behalten hat. Und auch die auratische Aufladung, mit der das Originalmanuskript des Prozesses im vergangenen Jahr in Berlin präsentiert wurde, deutet darauf hin, dass Kafka wieder im Korsett der Nationalliteratur verhandelt wird.

Nachfrage bei Stanley Corngold, emeritierter Princeton-Professor. Dessen Übersetzung der Verwandlung hat sich bis heute über eine Million Mal verkauft. War Kafka ein europäischer Autor?

Er habe Der Prozess am College gelesen, antwortet Corngold. Das Gespräch zwischen K. und dem Gefängniskaplan habe er abgetippt und an die Wand gehängt. Kafka habe er als Klassiker der Moderne gelesen, nicht als deutschen oder jüdischen, auch nicht als europäischen Autor. Heute sei es ihm glasklar, dass Franz Kafka ein jüdischer, ein österreichisch-ungarischer, ein europäischer und kulturell deutscher Autor gewesen sei. Nichts davon exklusiv.

Kafka habe im Deutschen Reich publizieren wollen, schreibt Corngold auch. Die drei Schwestern fielen dem Nazi-Terror zum Opfer: Elli und Valli 1941 in Chełmno, Ottla, Kafkas Lieblingsschwester, 1943 in Auschwitz. Kafka schrieb in der Sprache der Mörder seiner Familie: auf Deutsch.

Aber in besonderem Deutsch. Balint zitiert den israelischen Romancier und Holocaust-Überlebenden Aharon Appelfeld: „Er sprach in meiner Muttersprache zu mir, in Deutsch – nicht in dem Deutsch der Deutschen, sondern in dem Deutsch des Habsburgerreichs, dem Deutsch der Menschen aus Wien, Prag und Czernowitz mit jenem besonderen Klang, an dem wir Juden übrigens einen großen Anteil haben.“

Kafka selbst sprach von den „kleinen Literaturen“ und meinte damit etwa die jüdische Literatur von Warschau oder Prag. Nicht etwa die einer kleinen Sprache: Gemeint war die Literatur einer Minderheit, die sich einer großen Sprache bedient. Das „Pragerdeutsch“ Kafkas bewegte sich zwischen dem Tschechischen der „einfachen“ Leute vom Land, zu denen er nicht zurückfand, und der „papierenen“ Verkehrssprache. Wie der Landvermesser im gleichnamigen Romanfragment blieb der Autor weder bei den Bauern, noch drang er ins Schloss vor. Die „besondere Lage des Deutschen in Prag, gerade diese ausgetrocknete, mit tschechischen und jiddischen Brocken durchsetzte Sprache“, so haben das Gilles Deleuze und Félix Guattari 1975 beschrieben, entspricht einer Sprache, die sich die Literatur immer wieder erkämpfen muss. Eine kleine Literatur, die ins Habsburg von heute gut passen könnte.

06:00 24.05.2019
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