Wir litten mit in der thailändischen Höhle

Drama Warum die große Anteilnahme am Schicksal der Jungen in Thailand? Weil die Story so gut ist – und ein Ende hat
Wir litten mit in der thailändischen Höhle
Nicht nur Thailand, die Welt fieberte mit

Foto: Imago

Die Story ist gut: Kinder sind auf dem Weg von einem Dorf ins andere. Ein Berg trennt die Dörfer voneinander und der Weg birgt bei Wetterumschwung große Gefahr. Genau das tritt natürlich ein: starker Schnee, alles wird weiß und die Markierung, die ins sichere Tal weist, ist unauffindbar. In beiden Dörfern weiß man um die tödliche Gefahr der weißen Pracht, und so macht man sich auf die Suche nach den Verschollenen. Die harren derweil in einer Höhle der Rettung und erleben eine Nacht voller erschreckend schöner Natureindrücke, laut krachendem Eis und schimmergrünen Lichterscheinungen.

Die Story geht gut aus und durch die Rettungsaktion sind sich die Dörfler aus den getrennten Tälern nähergekommen. Stifters Bergkristall vereint vieles, was zu einer guten Abenteuergeschichte gehört: wilde und doch heimische Natur, ein latent konfliktbeladenes Verhältnis, eine spektakuläre Aktion, ein gemeinschaftsstiftendes Happy End. Wenn man darüber nachdenkt, warum weltweit Millionen Anteil nahmen am Schicksal der Jungen, die in einer thailändischen Höhle auf Rettung warteten, sollte man sich Bergkristall vor Augen halten.

Denn bei und wegen aller Dramatik ist das, was in Thailand geschah, auch eine gute Story. Ein Wettrennen gegen die Zeit: Hätte Regen eingesetzt, wären die Eingeschlossenen vielleicht ertrunken. Ein Wettrennen mit vereinten Kräften: Es beteiligten sich nicht nur Ansässige, sondern eine Gemeinschaft aus aller Welt. Es half, dass der Ort nicht ganz fremd war, eine per Pauschalreise buchbare exotische Ausnahme zur heimischen Welt. Die ist aber ohnehin medial zu einem globalen Dorf geschrumpft. In diesem konnten wir alle mitbangen, wie die Story ausgehen würde, und mit den Rettern das erhabene Gefühl der Naturbeherrschung teilen.

Oft wird gefragt: Woher die große Anteilnahme an dieser Story, wo doch im Mittelmeer täglich Menschen ertrinken, über 600 schon dieses Jahr, die Schutz suchen im angeblich hilfsbereiten Europa? Es wird viel von Empathie gesprochen und davon, dass wir unser Mitleid selektiv vergeben. Um Jungfußballer (es ist Fußball-WM!) bangen wir, verfolgen alles, was zu ihrer Rettung führt, aber um namenlose Geflüchtete? In der Tagesschau hat der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen Kluges gesagt: Die Geschichte in der Höhle würde ein Ende haben wie jede echte Story. Und wir haben uns an die Dramatis Personae gewöhnt in diesen Tagen, an ihre Gesichter und Geschichten. Dass wir mitlitten, liegt aber auch daran, dass diese Jungen sich auf einem Ausflug befanden, etwas regelrecht Normales machten, was fast jeder von uns auch mal macht. Hier geschah etwas, was nicht der Regel entspricht, eine Ausnahme.

Und diese Ausnahme vom Normalfall war nicht nur Voraussetzung dafür, dass wir uns in die Ausflügler hineinversetzen konnten. Sie ist auch die Voraussetzung für jede gute Story.

Ganz anders ist es bei den Geflüchteten, die täglich zu ertrinken drohen. Die Ausnahme ist hier die Regel. Sie wird sich wiederholen, mit neuem Personal, mit aller Regelmäßigkeit. Das ist kein Stoff, aus dem gute Storys sind. Denn Regeln lassen sich nicht erzählen, man muss sie in ihrem Zustandekommen analysieren. Wenn das, was sie zur Regel macht, unerträglich ist, muss man es ändern, um solche Regelmäßigkeit zu unterbrechen. Storys helfen da nur bedingt. Genauso wie Mitleid, selbst wenn man das nicht verlieren darf.

11:35 11.07.2018
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