„Wo stehen die Dinger?“

Interview Sophie Ehrmanntraut forscht zur Geschichte unseres besten Freundes, des Homecomputers
„Wo stehen die Dinger?“
Jeder sein eigener Textchef! Die Zukunft hatte gut lachen

Foto: John Dominis/Getty Images

Von zu Hause arbeiten? Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist das für viele noch selbstverständlicher als zuvor. Aber auch Selbstverständlichkeiten haben ihre Geschichte. In ihrem Buch Wie Computer heimisch wurden beschreibt die Medienwissenschaftlerin Sophie Ehrmanntraut, wie Menschen erst daran gewöhnt werden mussten, den Computer als Teil ihrer häuslichen Welt zu akzeptieren. Für unser Gespräch nutzen wir ein Tool für Videokonferenzen, ich am heimischen Schreibtisch in einer Kleinstadt nahe der französisch-deutschen Grenze, Ehrmanntraut in ihrem Berliner Büro. Bevor wir mit dem Interview beginnen, loggt sich Ehrmanntraut aus dem Zeiterfassungssystem ihres Arbeitgebers aus.

der Freitag: Frau Ehrmanntraut, im Netz kursiert ein lustiges Bild. Da sieht man zwölfmal die gleiche Person, die am Tisch sitzt und auf einen Computer-Bildschirm starrt. Unter den Abbildungen stehen Begriffe wie „Arbeit“, „Shopping“ oder „Sex“.

Sophie Ehrmanntraut: Zunächst dachte ich, das könnte ein Suchbild sein, bei dem man Unterschiede finden muss. Aber die Bildchen sind ja alle gleich. Die Unterschiede kommen über die Tätigkeitsbezeichnungen.

Bis vor kurzem hätte das Männchen auf ein Handy gestarrt.

Das Smartphone war ja nach Desktopcomputer und Laptop der nächste Schritt zur Integration von Computertechnologie in unser Leben. Aktuell stellen sich wieder Fragen, wie wir diese Technologie zu Hause integrieren.

Wie integrieren wir den Computer dort?

Eine Frage ist, wo die Dinger eigentlich stehen. Man kann auf Twitter jetzt oft Screenshots sehen, die darauf schließen lassen, wo diese Technologie genutzt wird. Ich sitze jetzt im Büro, Sie zu Hause, aber man kann auf diesen Bildern oft auch Kinder durchs Bild laufen sehen, Haustiere und so weiter. Der Arbeitsplatz ist der Computer, aber das Drumherum ist eigentlich, wie beim Smartphone: anywhere.

Seit wann arbeiten Sie wieder in Ihrem Büro?

Seit etwa drei Wochen. Aber wir sind hier zu viert, sodass wir uns abwechseln.

Es darf immer nur einer oder eine im Büro sein?

Zwei. Da gibt es Leitlinien. Die orientieren sich an der Größe der Räume.

Sie arbeiten also auch von zu Hause. Wo steht Ihr Computer?

Einige waren neidisch auf mich, die das in Videokonferenzen gesehen haben: Ich habe ein Arbeitszimmer, von dem man auf eine schöne grüne Wiese blickt.

Sie sagen, dass erst die Vorstellung vom PC als individuellem Zugang, über den potenziell jeder und jede frei verfügen kann, die Entwicklung einer Netzöffentlichkeit denkbar machte. Aber die trennt ja kaum Privates und Öffentliches.

Dass die Trennung von öffentlichem und privatem Raum schwindet, ist als These nicht neu. Richard Sennett hat davon schon in den 1970ern gesprochen. Meine Frage war, in welchem Verhältnis dieser private, persönliche Raum zum Begriff „personal“ beim PC steht. Ist das das Gleiche? Nein. Es stellte sich also schnell die Frage danach, was sich eigentlich verändert, wenn Personal Computer Einzug in private Haushalte halten. Und zuerst: Wie kam es, dass die Menschen das „normal“ fanden, einen Computer zu Hause zu haben?

Was veränderte sich?

Arbeitsprozesse veränderten sich. Der PC ist auch eine Antwort auf eine Krise der Arbeitsmärkte. Durch die Wirtschafts- und Verteidigungspolitik der USA hatte sich die Computerindustrie seit den 1950ern ziemlich aufgebläht. Nun gab es zwei Probleme: Einerseits gab es insgesamt zu wenig Fachkräfte, die an Computern arbeiten konnten. Andererseits gab es an den Standorten dieser Industrie, in der Bay Area und in anderen Metropolregionen, schon sehr viele, die hier eine Arbeitsstelle gefunden hatten, sei es in der Fertigung oder bei der Bedienung von Computern. Diese Migration innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft hat ganz banale Probleme nach sich gezogen, etwa Verkehrsstaus durch den zunehmenden Berufsverkehr, und damit auch Umweltprobleme, etwa Smog. Die Antwort war Telearbeit, also die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Grundlage dafür war natürlich, dass die Menschen einen Computer dort stehen hatten. Da das aber neu war, musste man ihnen auch vermitteln, dass sie sich keine kriegerische Technologie ins Haus holen – dass das ein Freund ist, den man sich ins Wohnzimmer, in die Küche oder auf den Schreibtisch stellt.

Zur Person

Sophie Ehrmanntraut studierte in Potsdam und Princeton. 2019 erschien Wie Computer heimisch wurden. Zur Diskursgeschichte des Personal Computers bei transcript. Sie ist Referentin bei der Helmholtz-Gemeinschaft

Es gab Berührungsängste?

Solche Ängste lassen sich auch bis zu Science-Fiction-Storys aus den 1940ern zurückverfolgen, die die Gefahren, die vermeintlich oder real von diesen Maschinen in ihrer ganzen Unmenschlichkeit ausgehen, ausschlachten. Lange vor den ersten Heimcomputern.

Wie überzeugte man die Leute, dass sie sich keinen Feind ins Haus holten?

Das lief stark über Werbung und die Tagespresse. Das Visuelle spielte dabei eine große Rolle, aber auch die Sprache. Wenn man sich eine der ersten Werbeanzeigen von Apple anschaut, sieht man, dass die noch in einem ganz schlimmen technologischen Fachjargon gehalten ist. Kein Mensch würde sich davon angesprochen fühlen, wenn er noch nicht mit Computern zu tun hat. Für den Apple II wurde dann eine Marketing-Agentur engagiert, die verstand, dass man Kunden nicht anspricht (also Computer verkauft), indem man Speicherkapazität und andere technische Daten in den Vordergrund stellt. Stattdessen zeigte man den Menschen Bilder, die ihnen vertraut waren.

Wie sah das aus?

Man zeigte Interieurs von ansprechenden Häusern, auch Frauen und Kinder saßen an den Computern, die man da aufgestellt hatte. So wurde der Computer sozusagen zu einem Familienmitglied.

Und wie überzeugt man jemanden vom Nutzen dieser Maschinen?

Historisch gesehen nützt es neuen Technologien, wenn sich bei den Benutzern ein Gefühl von Überraschung einstellt, ein „Zauber“. Beim Telefon kann man das deutlich sehen. Da war dieser Zauber, eine vertraute Stimme zu hören, obwohl der Sprecher oder die Sprecherin weit weg war. Computer verkürzen zunächst einmal Zeit, weil sie um ein Vielfaches schneller rechnen als Menschen. Das erzeugt den Effekt von Unmittelbarkeit: Der Computer antwortet mir sofort, er will mit mir sprechen. Das ist aber nur seine unheimlich große Rechenleistung.

Haben Sie die Corona-App auf Ihrem Handy?

Ja. Und keine Sicherheitsbedenken deswegen.

Ich frage, weil diese App nur auf neueren Geräten zu laufen scheint.

Ich habe ein iPhone 7, auf dem Vorgängermodell scheint sie nicht zu laufen.

Die CSU-Politikerin Dorothee Bär kann Leute nicht verstehen, die sich da kein neues Handy kaufen. Aber auch Computer kosten Geld. War es ein Thema, dass die, die sich keinen leisten konnten, von wichtigen Lebenssphären ausgeschlossen waren?

Ja, das war ein Thema, in den 1980er Jahren. Mit dem Projekt „Computer Town“ setzten sich Liza Loop und andere für den öffentlichen Zugang zu Computern ein, zum Beispiel in öffentlichen Bibliotheken. Neben „public access“ war „computer literacy“ damals bereits Thema. Um Schülern, deren Eltern noch keinen Computer zu Hause hatten, das Arbeiten am Rechner zu ermöglichen, soll es in Kalifornien auch Busse gegeben haben, die mit Computern ausgestattet waren und von Schule zu Schule fuhren. (Natürlich taten sie das auch, um einen höheren Absatz zu erzielen.)

Wie stand die Linke zum Personal Computer?

Ein Ergebnis, zu dem ich gekommen bin, ist, dass die Durchsetzung des Personal Computer nur deswegen so erfolgreich war, weil auch in der „Gegenkultur“ ziemlich euphorisch auf die Möglichkeit reagiert wurde, „self-sufficient“ zu kommunizieren und zu arbeiten. Fred Turner beschreibt das sehr gut in seinem Buch From Counterculture to Cyberculture. Diese Gleichzeitigkeit einer Übermacht des militärisch-industriellen Komplexes und einer Technik-Euphorie – „Wir können da jetzt alle mitmachen und mitgestalten“ – hat wesentlich zum Erfolg des Heimcomputers beigetragen.

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06:00 28.07.2020
Geschrieben von

Ausgabe 32/2020

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