RE: Hauptsache Weiß | 12.08.2010 | 15:32

Als jemand, der selbst 2 Jahre in Argentinien gelebt hat, kommt mir die Problematik gut bekannt vor. Zwei Beispiele:

1.) Vor 2 Jahren gabs einen, wie ich finde, höchst symptomatischen Fall im Fußball: Bei einem Erstligaspiel im Norden Argentiniens hat der Schiedsrichter Saul Laverni die Spieler der Heimmannschaft Gimnasia y Esgrima de Jujuy während einer Unterbrechung als "Bolivianer" tituliert, die gefälligst nicht so viel meckern sollten. ("Bolivianer" ist, wie auch aus Karen Naundorfs Text hervorgeht, eine durchaus rassistisch gemeinte Chiffre für Menschen aus dem Norden, deren Gesichtszüge signifikant dunkler und indigener geprägt sind als in anderen Landesteilen.) Der Präsident des Vereins aus der Provinz Jujuy erklärte aus Empörung über die Floskel des Schiedsrichters daraufhin seinen (später wieder zurückgenommenen) Rücktritt.
Nicht aber deshalb, um ein Zeichen gegen den (latenten) Rassismus des (in ethnischen Fragen freilich nicht ganz) Unparteischen zu setzen, sondern weil er seine Spieler durch das Wort "Bolivianer" desavouiert sah. In seinen Aussagen übernahm er explizit die negative Zuschreibung, die Bolivianern im kollektiven Gedächtnis des Landes eben zugedacht wird. Das heißt, er affirmierte auf seine Weise den Rassismus des Schiedsrichters Laverni (Rassismus 2). Dasselbe taten auch einige Medien, die sich ob der Wortwahl des Schiedsrichters erregten, ohne freilich den darin befindlichen diskriminierenden Diskurs in Frage zu stellen. (Rassismus 3). Erst nachdem sich die akute Aufregung im Fall gelegt hatte, wurde die Thematik z.B. in Clarín, der größten Tageszeitung des Landes, reflektiert behandelt. Ich habe seinerzeit über den "Zwischenfall" einen kurzen Bericht für das österreichische Fußballmagazin ballesterer fm geschrieben: www.ballesterer.at/index.php?art_id=1098

2.) Während einer Zugfahrt in der Provinz Salta (ebenfalls im Norden) erzählte mir ein Mädchen im Teenager-Alter, ihr größter Wunsch sei: "tener hijos con rulos rubios, como los niños en Alemania". Auf Deutsch: "blondgelockten Nachwuchs zu haben, so wie die Kinder in Deutschland". Das gehe aber bei ihr nicht, weil sei ja eine "morocha", eine Dunkelhäutige, und das mache sie "sehr traurig". Während des knapp 30-minütigen Gesprächs trat sehr offen ein Autorassismus zutage, der stark mit der bereits beschriebenen Mainstream-Ethnozentrik korrelierte.

Die Thematik ist hoch komplex und ihre Ursachen lassen sich nicht in einem knappen Abstract seriös darlegen: Einer der Gründe liegt mit Sicherheit in den historischen Narrativen der argentinischen Einwanderungsgesellschaft. Entscheidende Bedeutung kommt hierbei nicht zuletzt dem auch für die Landesverfassung maßgeblichen Werk "Bases y puntos de partida para la organización política de la República Argentina" (1852) des Politikers und Schriftstellers Juan Bautista Alberdi zu. Im Einklang mit dem Denken seiner Zeit, unterschied er streng zwischen erwünschter und unerwünschter Einwanderung. Erwünschte ethnische Gruppen waren etwa Deutsche, Schweizer oder Angelsachsen. Unerwünscht hingegen waren Osteuropäer, Juden und (interessanter Weise) auch Spanier und Italiener, die für Alberdi faule, korrupte Gesellen waren. "Indianer" und "Zigeuner" waren gänzlich unerwünscht. Dass die sehnlich herbei gesehnten Immigranten ihrerseits Nordamerika als "Neue Welt" bevorzugten und Argentinien vornehmlich von den "anderen" bevölkert wurde, nahm er mit großem Bedauern zur Kenntnis. Die ethnische Kategorisierung, die diesem Werk unterlegt, ist, wie die Beispiele zeigen, auch heute als Schablone noch durchaus präsent. Das für die USA historisch so bedeutsam gewordenen Narrativ des "melting pot" hat in Argentinien kein Äquivalent, was, sehr vereinfacht gesagt, an den besonderen Gegebenheiten der postkolonial geprägten politischen Geschichte liegt.
(Die jüdische Einwanderung ist ein Kapitel, das sich in all seiner Komplexität andeutungsweise nicht adäquat umreißen ließe, weshalb ich es hier bleiben lasse und mir dies für den noch fehlenden Teil meiner Doktorarbeit aufspare ;-) )

Nun soll am Ende dieses langen Postings keinesfalls der Eindruck hängenbleiben, die argentinische Argentinien sei pauschal eine rassistische. Der "long tail" an ethnozentrischen Narrativen existiert allerdings in der Tat. Diesen auf- und abzuarbeiten, sollte in jedem Fall eine zivilgesellschaftliche obligación sein.