Arabeske: Die Stimme der Unterschicht

Arabeske Nach dem Tod von Müslüm Gürses ist die Thronnachfolge der türkischen Arabeske ungewiss
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Wenn der Name Müslüm Gürses in einer Suchleiste erscheint, wird damit Trauer, Liebeskummer und Unzufriedenheit assoziiert. Denn der Vater der türkischen Arabeske spricht den Menschen aus der Seele, insbesondere denen aus der Unterschicht, die bis zur Jahrtausendwende in den gecekondu (Elendsviertel) der Großstädte lebten. Arabeske ist dabei nicht nur ein urbanes Phänomen, sondern auch auf dem Land in der Türkei omnipräsent. Schließlich stammte Müslüm Gürses (mit richtigem Namen Müslüm Akbaş) selbst aus dem anatolischen Şanlıurfa (im Osten der Türkei), wo das Leben vieler Menschen jahrhundertelang von feudalen Strukturen geprägt war. Sowohl die türkische als auch die kurdische Bevölkerung, die überwiegend im Osten der Türkei beheimatet und von Armut stärker betroffen ist, konnten sich mit der Musik des „Vaters der Arabeske“ identifizieren.

Dabei ist Begriff Arabeske etwas irreführend und ambivalent, so dass dieser in der islamischen Kunst Ornamente und Kalligraphie umfasst, jedoch für den Tanz eine Körperhaltung und Tanzfigur bezeichnet, bei der das Bein durchgestreckt nach hinten hochgehoben wird. Der Terminus umschließt auch eine orientalische Musikrichtung, die sich durch sentimentale Texte von unerfüllter Liebe, Leiden und Alltagssorgen auszeichnet. Die musikalische Arabeske hat sich in der Türkei ab den 1960er Jahren etabliert und brachte zahlreiche Künstler hervor, von denen Müslüm Gürses unbestritten zu dem Bedeutendsten zählt. Bei dieser Musikrichtung wird der Künstler zumeist von einem Orchester begleitet, wozu mehrere Violinen, eine saz (ein Zupfinstrument mit langem Hals) und eine kanun (Trapezzither) gehören. Die Texte handeln gewöhnlich von Einsamkeit und Liebe, wobei die Lieder von Müslüm Gürses als besonders emotional und traurig hervorzuheben sind.

Die Popularität der Arabeske

Außerhalb der ökonomischen Unterschicht war die Arabeske in der Türkei weitgehend verpönt, so dass Hörer sogar belächelt wurden. Das Leiden und die unglückliche Liebe in den Texten wurden als übertrieben und irrational wahrgenommen. Es kam nicht selten vor, dass viele Menschen die Musik von Müslüm Gürses heimlich hörten, damit sie nicht ausgelacht werden. Gravierender war es, dass sich Menschen aus dem Publikum bei Konzerten von Müslüm Gürses mit Rasierklingen Schaden zufügten und bluteten, um ihr Leiden zum Ausdruck zu bringen. Auf den Konzerten kam es sogar vor, dass illegal Rasierklingen verkauft wurden. Es mag absurd klingen, doch in den 1990er und 2000er Jahren war das gängig bei Auftritten von Müslüm Gürses. Mit diesen Menschen wollte man nicht in Verbindung gebracht werden, weswegen man die Alben und Lieblingslieder des Vaters heimlich hörte. Eine kleine Geschmacksprobe bietet das Lied senden vazgeçmem (Ich werde dich nicht aufgeben):

Artık bundan sonra sensiz olamam (Ich kann nicht mehr ohne dich sein)
Kendime başka bir dünya kuramam (Ich kann mir keine neue Welt aufbauen)
Mümkün değil benim sensiz yaşamam (Es ist nicht möglich, dass ich ohne dich lebe)
Canımdan geçerim senden vazgeçmem (Ich würde auf mein Leben verzichten, aber nicht auf dich)

In der Tat wirken die Texte emotional überladen, irrational und behandeln Tristesse. Dabei stellt sich die Frage, wieso sich so viele Menschen mit den Liedern von Müslüm Gürses identifizieren und wie die Arabeske zur Populärkultur in der Türkei aufsteigen konnte. Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir einen Blick auf die Biographie von Müslüm Gürses werfen. Der „Vater der Arabeske“ erlebte schon in jungen Jahren schmerzvolle Schicksalsschläge. Sein Vater ermordete seine Mutter und seine kleine Schwester vor seinen Augen. Daraufhin brach Müslüm jeglichen Kontakt zu seinem Vater ab und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit Auftritten in Teegärten. Sein jüngerer und einziger Bruder hingegen kam wenige Jahre später ums Leben. Von da an war Müslüm auf sich allein gestellt. Mit seiner Stimme faszinierte er sein Publikum. Während seine musikalische Karriere Pfad aufnahm, ließ der nächste Schicksalsschlag im Jahr 1979 mit 26 Jahren nicht auf sich warten. Bei einer Autofahrt wurde er als Beifahrer bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt, wonach er aufgrund seiner Verletzungen an der Stirn und am Kopf für tot erklärt wurde. Er wurde ins Leichenhaus eingeliefert, wo bemerkt wurde, dass er noch am Leben ist. Müslüm überlebte, verlor jedoch seinen Geruchs- und Geschmackssinn. Auch seine Hörfähigkeit wurde wesentlich beeinträchtigt, was als Musiker noch dramatischer war. Sein Leiden und seine Schmerzen ertränkte er in Alkohol, was auch 2013 wesentlich zu seinem Tod beitrug. Das Leiden, die Zigaretten, der Alkohol und die Arabeske waren ein unzertrennliches Quartett. In diesem Licht erscheinen die Texte nicht mehr so übertrieben und irrational. In einem seiner bekanntesten Lieder usta (Meister) bringt er sein Leid folgendermaßen zum Ausdruck:

Çilesiz bir günüm olmadı gitti (Ich habe keinen einzigen Tag ohne Schmerzen)

Bilmedim ömrümün suçu ne usta (Ich weiß nicht, was meine Schuld ist, Meister)

Allah'ın gücüne gider mi bilmem (Ich weiß nicht, ob es Allah widerspricht)

Verdiği bu candan ben bıktım usta (Ich bin müde von dem Leben, das er mir gegeben hat, Meister)

Stellen Sie sich nur vor, dass dieser Mann vor einem überfüllten Konzertgelände solche Lieder singt und das Publikum regelrecht mitleidet und das Leiden seinen Ausdruck in Tränen und in mit Blut übergossenen Armen findet. Es mag surreal oder wie eine Sekte erscheinen, doch Müslüm Gürses hat diesen Menschen eine Stimme gegeben. Müslüm Gürses ist die Stimme der Armut, der Trauer, der gescheiterten Liebe und all des Leids der Unterschicht. Mit seinen Fernsehauftritten erreichte Gürses ein breites Publikum und zeichnete sich neben seiner Musik durch seine bescheidene und ruhige Art aus. Seine Popularität stieg rasant an. Zu seiner Beerdigung im Jahr 2013 kamen tausende Menschen aus dem ganzen Land, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Dieses filmreife Leben wurde auch verfilmt, was sogar auf Netflix mit dem Titel Müslüm zu sehen ist. Die Musik der Unterschicht ist nun Mainstream und man muss sich nicht mehr schämen, wenn man Müslüm Gürses hört – welch Ironie des Schicksals.

Die Nachfolge des Vaters der Arabeske

Die Müslümcü (Anhänger von Müslüm Gürses) betrachteten – auch zu Lebzeiten von Gürses - in erster Linie zwei Künstler als Nachfolger: Azer Bülbül und Hakan Taşıyan. Die Auftritte dieser beiden Künstler in der Vergangenheit glichen denen von Müslüm Gürses: bescheiden, zurückhaltend und teilweise schüchtern. Es schien so, als hätte der Vater sie so erzogen. Bei einem gemeinsamen Auftritt von Azer Bülbül mit Müslüm Gürses steht Bülbül aus Respekt einen Meter hinter Müslüm Gürses und lehnt sein Angebot auf der Bühne mit ihm zusammen auf gleicher Höhe zu stehen ab. So viel Respekt ist selbstverständlich für ihn. Doch Azer Bülbül hatte mit seinem Drogenkonsum zu kämpfen, weswegen er 2012 in einem Hotelzimmer in Antalya Selbstmord beging. Schon im Jahr 2001 wurde er wegen illegalen Drogenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Anfang der 2010er Jahre war für die Müslümcü definitiv kein schöner.

Als einziger Nachfolger kam der prens (Prinz), Hakan Taşıyan, in Frage. Doch auch dieser hatte mit Alkohol und Drogen zu kämpfen. Während er mit seiner Stimme, seiner Bescheidenheit und seiner Schüchternheit tausende Menschen begeistern konnte, hatte er aufgrund seines Alkoholkonsums mit Leber- und Nierenproblemen zu kämpfen. Als Sohn eines kurdischen Vaters und einer türkischen Mutter mit zehn Geschwistern wuchs Taşıyan in den gecekondu (Elendsvierteln) in Ankara auf und bekam in jungen Jahren die Mittellosigkeit zu spüren. Sein Vater war Teil eines kleinen Orchesters, welches auf Hochzeiten spielte. Zu diesen nahm er seinen ältesten Sohn Hakan mit, der schnell eine Begeisterung für das Zupfinstrument saz entwickelte. Mit seiner Stimme konnte er nicht nur Hochzeitsgäste, sondern ein breiteres Publikum begeistern, so dass ihm geraten wurde ein Album aufzunehmen. Als er sich bei einer Plattenfirma in Istanbul bewarb, wurde er zunächst abgelehnt, da ihm vorgeworfen wurde, dass er Müslüm Gürses imitieren würde. Wenige Jahre später, im Jahr 1996, wurde sein erstes Album hesabım bitmedi seninle (Meine Rechnung mit dir ist noch nicht beglichen) in Ankara veröffentlicht und katapultierte Taşıyan über Nacht zu einem der bekanntesten Sänger des Landes, der wie sein Vorbild Müslüm Gürses im Fernsehen auftrat und – wie Gürses und Bülbül – seine Serie bekam, in der er die Hauptrolle spielte. Doch mit der Zeit kam es immer wieder zu Auftritten von Taşıyan, bei denen er stark alkoholisiert auftrat, so dass er kaum auf der Bühne stehen konnte. Nach einer intensiven Behandlung, die mehrere Jahre in Anspruch nahm, feierte er 2018 sein Comeback. Der Prinz war zurück. Doch nichts war mehr wie früher. Nicht nur äußerlich war der 1973 geborene Taşıyan gealtert, was sich an seinem faltigen Gesicht trotz seines jungen Alters zeigte, sondern auch seine Stimme war in Mitleidenschaft geraten. Dementsprechend floppte sein Comeback-Album sessiz sedasiz dönüş (Stille Rückkehr). Im Oktober 2020 wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert und wartet seitdem auf eine Leber- und Nierentransplantation.

Nicht nur musikalisch waren die Alben von Arabeske-Künstlern wie Müslüm Gürses, Hakan Taşıyan und Azer Bülbül ein großer Erfolg. Diese spielten auch die Hauptrolle in türkischen Serien, in denen sie den ehrenvollen und aufrichtigen Mann charakterisierten, die für ihre große Liebe trotz ungünstiger Umstände und Widersacher kämpfen. Zudem traten diese Künstler regelmäßig in Fernsehshows auf, so dass sich um diese ein Kultstatus entwickelte. Die Konzerte waren stets ausverkauft und überfüllt. Das Leben von Müslüm Gürses wurde sogar verfilmt und die Arabeske gewann dadurch noch mehr an Popularität. Doch Nachwuchs ist nicht in Sicht, so dass sich die Frage stellt, ob überhaupt jemand den Thron besteigen und das Erbe des Vaters fortsetzen wird. In der Türkei erlebte die Arabeske in den 1990er und 2000er Jahren ihre Hochphase, die seine musikalische Stellung in den 2010er Jahren immer weniger behaupten konnte. Die „neue Unterschicht“ ist eine andere, die nicht mehr in den gecekondu lebt, weniger Leid ertragen muss und sich nicht unglücklich in die Liebe seines/ihres Lebens verliebt. Es scheint so, dass das Leid weniger oder zumindest anders geworden ist. Passend hierzu singt Müslüm Gürses in dem Lied alışırım (Ich gewöhne mich schon daran):

Hep aynı kalsa acılar insanoğlu nasıl yaşar. Birgün küllenir anılar.

(Wie soll der Mensch leben, wenn das Leid immer gleich bleibt. Eines Tages werden Erinnerungen zu Asche.)

16:44 21.02.2021
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Geschrieben von

M.M.Atci

Ich bin Doktorand an der TU Dresden. Forschungsschwerpunkte: Politische Soziologie, Soziale Bewegungen, Autokratien sowie die Region Lateinamerika.
M.M.Atci

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