Anmeldung auf Arabisch

Gründer Sieben junge Syrer wollen mit ihrem Start-up Neubürgern Behördengänge erleichtern. Doch der Weg bis zum Start der App ist steinig

Munzer Khattab reibt sich die Hände und atmet mehrmals tief durch. Vor anderthalb Jahren ist der 23-jährige Syrer nach Deutschland geflohen, jetzt hat er einen großen Auftritt. Im Co-Working-Space Plug & Play in Berlin-Mitte wird er gleich vor einer Jury aus Start-up-Unternehmern eine Idee vorstellen, an der sein Team den ganzen Sommer über gearbeitet hat: „Bureaucrazy“ – eine App, die neu in Deutschland Angekommenen, nicht nur Geflüchteten, bei Behördengängen hilft.

Khattab weiß zu gut, wie sinnvoll solch eine App wäre. Als er im März 2015, nach dreiwöchiger Flucht über den Balkan, in Berlin angekommen war, da begann sein Behördenmarathon: Unterkunft, Polizei, Landesamt für Gesundheit und Soziales, Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten. Stunden in Warteschlangen diverser Ämter, jede Menge Dokumente, die es für Registrierung, Asylantrag oder Unterkunft einzureichen galt.

Im Co-Working-Space in Berlin kündigt eine Glocke das Ende der Pause an, Munzer Khattab ist dran. „Wie oft habt ihr schon ewig in Warteschlangen angestanden, um dann herauszufinden, dass ihr in der falschen Schlange steht?“, ruft er selbstbewusst ins Publikum. Großes Gelächter, „Mindestens tausend Mal“, ruft einer. Die meisten hier sind geflüchtet. „Das größte Problem, das wir haben, wenn wir neu in Deutschland ankommen, sind die Papiere“, sagt Munzer Khattab. Es sei fast unmöglich, sie zu verstehen, ohne Deutsch zu sprechen, fast unmöglich, sie ohne Hilfe auszufüllen.

Doch Munzer Khattab und seine sechs Mitgründer, allesamt aus Syrien, wollen nicht klagen, sondern etwas verbessern. Darum fingen sie an, Bureaucrazy zu entwickeln. Wer die App nutzt, kann zunächst auswählen, welche Behörde er oder sie aufsuchen muss – die App zeigt daraufhin die nötigen Dokumente an, übersetzt ins Englische oder Arabische und ermöglicht es, sie direkt am Smartphone auszufüllen. Diese Eingaben übersetzt die App dann zurück ins Deutsche und stellt die fertigen Dokumente als PDF-Dateien bereit, um dann noch auf einer Karte den Weg zur richtigen Behörde zu weisen. Vor allem die Übersetzungsfunktion könnte viel Zeit und Ärger sparen.

Zwar versichert ein Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten Berlin, dort würden mittlerweile 300 Sprachmittler Übersetzungen auch in seltener gesprochene Sprachen sicherstellen. Doch auf anderen Ämtern sähe es anders aus, berichtet ein ebenfalls in der IT-Branche tätiger Geflüchteter, der anonym bleiben will: „Ich glaube, die Mitarbeiter haben Angst vor Übersetzungsfehlern, deshalb wollen sie kein Englisch sprechen.“ Und in einem Krankenhaus habe er folgende Erfahrung gemacht: „Ich musste zum Arzt, drei Monate nachdem ich angekommen war. Der Arzt hat mit mir Deutsch gesprochen. Als er gemerkt hat, dass ich ihn nicht verstehe, hat er gesagt, na gut, dieses Mal können wir auf Englisch sprechen, nächstes Mal aber auf Deutsch. Das nächste Mal war zwei Wochen später. Sein Englisch hatte Oxfordniveau.“

Die Konkurrenz ist hart

Nicht, dass der Mann kein Deutsch lernen will, im Gegenteil: Er arbeitet hart daran. Doch unmittelbar nach ihrer Ankunft, wenn viel Papierkram ansteht, sprechen die meisten Neuankömmlinge die neue Sprache eben noch nicht gut genug.

Im Co-Working-Space in Berlin gibt es viel Applaus für Khattabs Präsentation, doch die Konkurrenz ist hart: Fünf weitere Start-up-Ideen werden vorgestellt, etwa ein Lieferdienst für gesundes, frisch gekochtes syrisches Essen und ein Anzeigenmagazin auf Arabisch. Am Ende gewinnt „Talk to Hadi“ – eine App, die psychologische Hilfe durch ein Messenger-Programm anbietet. Die Belohnung besteht in der Teilnahme an einem Mentoring-Programm der ReDI School of Digital Integration.

Letztere ermöglicht es Geflüchteten, in kleinen Kursen Programmieren zu lernen, um sie auf Jobs in der digitalen Branche vorzubereiten. Die Sozialunternehmerin Anne Kjær Riechert hat die Schule 2015 mitgegründet, nachdem sie einen Programmierer aus dem Irak getroffen hatte, der seit zwei Jahren in Deutschland lebte, aber seine Arbeit nicht fortsetzen konnte – weil er keinen Laptop hatte. „Ich dachte, das ist doch lächerlich“, sagt Riechert, „da ist ein junger, talentierter Mensch, der Interesse hat, in Deutschland zu arbeiten, um für sich und seine Familie zu sorgen, und der Fähigkeiten hat, die hier so sehr gebraucht werden. Ich habe mich gefragt, was nötig ist, um ihm und anderen in solch einer Situation die Möglichkeit zu geben, sich wirklich zu integrieren und nicht nur in Unterkünften herumzusitzen.“ Zunächst sammelte Riechert mit Mitstreitern Laptops, bald starteten die Kurse.

Von denen erfuhr Munzer Khattab ein halbes Jahr nach seiner Ankunft und war begeistert: In Syrien hatte er Architektur studiert, allerdings nur, weil ihm die Noten für Informatik gefehlt hatten. Er verfasste ein Motivationsschreiben für die Schule und wurde angenommen. Im Februar 2016 besuchte er den ersten Kurs, als einer von etwa 40 Teilnehmern; vor ihnen lagen vier Monate Programmierunterricht in Kleingruppen. Sie besprachen, welche Herausforderungen ihnen im Alltag begegnen, und dachten über digitale Lösungen nach. Schnell war klar: Die meisten Probleme gibt es mit Behördengängen und Anträgen. So entstand die Idee für Bureaucrazy.

Vier Monate lang arbeiteten Khattab und seine Kollegen intensiv an der Umsetzung. Im Juni präsentierten sie erste Ergebnisse beim Startup Europe Summit in Berlin – und durften als Gewinner des zugehörigen Hackathons vor Politikern und Investoren ihre Idee vorstellen. Internationale Medien berichteten und Menschen meldeten sich, die das Projekt unterstützen wollen. Doch jetzt im November, ein halbes Jahr später, lässt der große Durchbruch noch auf sich warten: Eine Demoversion der App steht, doch das Team konnte zuletzt nicht weiterprogrammieren, da seine Laptops nicht ausreichend leistungsstark waren.

Die sieben Gründer haben nun zwar feste Arbeitsplätze in den Räumen des Projektes „Migration Hub“, konnten ihr Start-up aber bisher nicht offiziell als Unternehmen anmelden – wegen ihres Geflüchteten-Status’. Gegen derartige Barrieren dürfte auch ein Anfang November vorgestelltes Pilotprojekt des Bundeswirtschaftsministeriums, das Flüchtlinge mithilfe von Patenschaften erfahrener Unternehmer zu Firmengründungen animieren soll, kaum helfen.

Munzer Khattab ist dennoch nicht unzufrieden; nach acht Umzügen innerhalb Berlins hat er inzwischen eine kleine Wohnung gefunden. „Endlich ein bisschen Stabilität“, sagt er. An der Kiron-Universität, die mit onlinebasierten Kursen Flüchtlingen unbürokratisch Abschlüsse ermöglicht, studiert er jetzt Informatik und will sein Deutsch auf C1-Niveau bringen, das fünfthöchste der entsprechenden sechsstufigen Skala.

Mit Papierkram muss er sich zwar immer mal wieder herumschlagen, wenn etwa das Jobcenter einen Nachweis oder die Ausländerbehörde eine Unterschrift braucht. Khattab ist aber überzeugt, dass ihm dabei bald die eigene App helfen kann. Derzeit sammeln seine Kollegen und er die nötigen Unterlagen und Informationen von den Behörden. Gerade hat ein Sponsor drei neue Laptops zur Verfügung gestellt. „In drei, vier Monaten“ dann soll Bureaucrazy endlich an den Start gehen.

06:00 29.11.2016

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