Der Commander

Mütter Wie Frauen und Männer eine Fiktion weiblicher Macht konstruieren

Mein Vater (77) nennt meine Mutter (auch 77) gern "den Commander". Das ist natürlich ein Witz. Meine Mutter hat in dieser Beziehung überhaupt nichts zu sagen, hat sie nie gehabt. Das heißt allerdings nicht, dass sie nichts gesagt hätte all die Jahre. Sie redet durchaus gern und viel. Was sie allerdings vor allem gemacht hat, und bis heute macht, ist schimpfen. Sie meckert und klagt, sie korrigiert und kritisiert, an allem, was mein Vater tut, hat sie etwas auszusetzen. Und das war schon immer so. Und das haben auch wir Kinder abgekriegt. Sie wusste schon immer, dass das Wasser noch viel zu kalt ist zum Baden, dass die guten Sonntagsklamotten unter dem Rumtoben im Wald leiden würden, dass Fischfrikadellen mit Kartoffelsalat und Eis hinterher kein bekömmliches Mittagessen sind, dass das wildeRumgebolze wieder mit aufgeschlagenen Knien und Tränen enden würde. Und sie weiß bis heute, dass mein Vater nicht zuviel Rotwein trinken und auch nicht ein Pfund Kirschen auf einmal essen sollte. Dass seine karierte Hose nicht zu dem gestreiften Pulli passt und dringend mal wieder in die Reinigung muss. Und dass sein wenig zimperlicher Humor nicht bei allen gut ankommt. Nur: das ändert alles überhaupt nichts. Er hört nämlich nicht auf sie. Er begnügt sich damit, unter der Last ihrer Ermahnungen zu stöhnen und ansonsten weiter zu machen was er will.

Weit verbreitet

Das ist natürlich kein Einzelfall. Wer kennt sie nicht aus der Kindheit, all die mütterlichen Hinweise, Bitten und Befehle: Händewaschen vor dem Essen, nicht so schnell rennen, nicht den kleinen Bruder ärgern, erst die Schularbeiten machen, und zwar sorgfältig. Und, schon merkwürdiger, finde ich, wer kennt sie nicht all die Beispiele von erwachsenen Männern, denen von ihren Frauen gesagt wird, wie sie sich verhalten sollen. Angeblich jedenfalls. Unter meinen Kollegen ist das sehr verbreitet. Werner, den seine Frau regelmäßig zum Joggen schickt, damit er nicht zu dick und träge wird. Oder Jürgen, der neulich sogar mit zum Yoga musste. Und Bernd, der fast keinen Aufschnitt mehr kriegt zu Hause, nur noch Rohkost, der Arme. Und rauchen dürfen sie sowieso nicht mehr im Haus, und trinken nur in Maßen. Und wenn sie einkaufen gehen, dann auf Initiative und in Begleitung ihrer Partnerin, weil die findet, dass sie mal was Neues brauchen. Und natürlich auch am besten weiß, was ihnen steht. Dass sie den alten rostroten Lieblingspulli nun beim besten Willen nicht mehr tragen können, nichtmal im Garten.

Mmh. Was bedeutet das alles? Warum lassen Männer sich das gefallen? Warum scheinen sie es sogar zu genießen? Klar, manchmal sind sie genervt von weiblichem Genörgel. Insgesamt aber machen sie einen sehr zufriedenen Eindruck, wenn sie diese Geschichten ihrer vermeintlichen Bevormundung durch ihrer Frauen erzählen. So, als wäre ihre Welt genau so in Ordnung, als müsste das alles so sein.

Kindheitsmuster

Und in gewissen Hinsicht stimmt das ja auch. Männer haben ja was davon. Sie bleiben einfach in ihren Kindheitsmustern. Bei der Arbeit, das ist was anderes, da sind sie erwachsen, leistungsbereit, verantwortungsvoll. Oder sie versuchen es jedenfalls. In ihrer Freizeit aber, in ihrer Beziehung, da ziehen sie offenbar die Regression vor. Da bleiben sie einfach Jungs - cool, abenteuerlustig, rebellisch. Sie wollen Spaß, und sie wollen nichts zu tun haben mit Sachen wie Ordnung, Sauberkeit, gesunder Lebensweise. Langweiliger Kram. Dafür gibts ja schließlich Frauen. Die kümmern sich um sowas, so wie Mutti früher. Und wenn sie das tun, ist die Welt in Ordnung.

Ok, aber die Frauen - warum spielen die das Spiel mit? Tja. Finde ich schon schwieriger. Nicht, dass ich völlig frei wäre von Versuchungen, mich einzumischen und gute Ratschläge zu geben. Aber wieso eigentlich? Wieso fühle ich mich, und fühlen sich offensichtlich fast alle Frauen, berufen, Männern zu sagen, wie sie verhalten sollen? Auf sie aufzupassen? Jedenfalls, wenn es um so Sachen geht wie Essen, Trinken, Schlafen, Bewegung, Kleidung, Körperpflege, Beziehungen. Sachen also, die sämtlich in den Bereich der Reproduktionsarbeit fallen. Den Bereich, der traditionell weiblich konnotiert ist, der den Frauen lange genug ausschließlich zugeschrieben wurde. So ein Zufall. Die alten Muster sind also doch sehr mächtig. Immer noch ist dieser Bereich, der private, häusliche Bereich, derjenige, in dem Frauen Kompetenz und vielleicht auch so etwas wie Macht zuerkannt wird.

Nur, was ist das denn für eine Macht? Die Männer wissen ganz genau, dass das ein Witz ist (siehe mein Vater). Und selbst wenn sie gelegentlich auf das hören, was ihnen ihre Frauen da die ganze Zeit sagen - was ist das denn für eine Macht, über die Hemdenauswahl der Männer zu bestimmen oder besser als diese selbst zu wissen, welche Gemüse sie vertragen und welche nicht? Das ist doch wohl wirklich ein Witz.

Hinhören

Endgültig klar wird das ganze durch genaues Hinhören. Solange Männer sich darüber unterhalten, wie sie von ihren Frauen zu Hause geschurigelt werden, hat ihr Tonfall etwas lustvoll zwischen Unterwerfung und Aufmüpfigkeit Schwankendes - es ist klar, dass sie das ganze Spiel goutieren. Das ändert sich schlagartig, wenn es um Frauen in der Arbeitsumgebung geht. Genauer gesagt, um Frauen, die Ambitionen haben. Und womöglich sogar Chancen. Die also Konkurrenz sind. Dann wird der Ton scharf und böse. Dann ist die Welt gar nicht mehr in Ordnung. Denn da, wo es wirklich zählt, in der Welt da draußen, da wollen sie alle keinen weiblichen Commander haben. Auf keinen Fall.


PS: "Commander" ist nicht nur der Name, den mein Vater meiner Mutter gibt, sondern auch der einer Unterhosenmarke - für Männer. Kein Witz.

18:10 16.07.2012
Geschrieben von

virginia

Das wird mir alles nicht passieren... (Marlene Streeruwitz)
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