Deutschlands Feministin

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Die Feministin. Das stand neulich als Überschrift in der "Berliner Zeitung". Es ging um die Präsidententwahl, genauer gesagt um die Wahlfrau der NRW-CDU. Um Alice Schwarzer also. Um wen sonst? Aber wieso ist das eigentlich so klar? Gibt es in Deutschland denn wirklich keine anderen Feministinnen? Sind die alle unsichtbar? Naja. Es kommt einem zumindest so vor. Alice Schwarzer ist präsent, so präsent, dass sie in der Tat problemlos als "die Feministin" gelten kann. Niemand kommt an ihr vorbei, wenn es um einschlägige Fragen geht. Sie sitzt in Talkshows, sie gibt Interviews, sie kommentiert Gerichtsverfahren. Sie sagt ihre Meinung, gefragt und ungefragt, und sie wird gehört. Sie ist erfolgreich. Sie ist eine Instanz. Aber sie wird auch angefeindet, immer noch. An ihr arbeiten sich alle ab, Frauen und Männer, und sind noch lange nicht damit fertig.

Natürlich ist sie keineswegs die einzige Feministin in Deutschland. Aber die anderen lösen nicht diese heftigen Reaktionen aus. Die Frauen an den Universitäten zum Beispiel, die sich sehr viel theoretischer und differenzierter mit Feminismus und Gender Studies beschäftigen. Die es vorgezogen haben, sich nicht permanent ins Kampfgetümmel der Öffentlichkeit zu stürzen. Dafür aber auch weitgehend unbeachtet vor sich hin forschen und publizieren. An denen arbeitet sich kaum jemand ab. Genauso wenig wie an einer weiteren Gruppe: den Gleichstellungs- und Quotenkämpferinnen, allen voran Ursula von der Leyen. Klar spüren die auch Widerstand, es geht um Konkurrenz und Karrierechancen, die Männer könnten Einbußen erleiden. Aber es geht nicht wirklich um Feminismus. Zumindest wird hier ganz viel ausgeklammert, es geht um Zahlen und Fakten und darüber kann ja ganz sachlich geredet werden. Bei der dritten Gruppe sieht das schon wieder anders aus. Es gibt ja durchaus jüngere Feministinnen in Deutschland, die sich auch tatsächlich wieder Feministinnen nennen. Und sie sind auch nicht ganz unsichtbar, wenn auch nicht so im Mainstream angekommen wie Alice Schwarzer. Sie schreiben zum Beispiel in "Missy" oder bei der "Mädchenmannschaft". Aber warum, zum Teufel, geben die sich so einen Namen? Ist das nicht doch schon wieder so eine ironisch verbrämte Unterwerfungsgeste? Es scheint eine unheimliche Angst davor zu geben, in die alte Schublade der humorlosen, sexfeindlichen, hässlichen Emanze geschoben zu werden.

Alice Schwarzer ist natürlich eine Veteranin. Sie war von Anfang an dabei, und sie ist immer dabeigeblieben. Der Feminismus ist ihr Lebensthema. Sie hat jeden Kampf mitgemacht, sie war immer laut, streitbar, oft polemisch, oft eine große Vereinfacherin, oft auch dikatorisch, keinen Widerspruch duldend in ihren Haltungen. Und sie hat viel eingesteckt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte, viel Häme, persönliche Angriffe, geradezu hasserfüllte Attacken. Bis heute löst sie Unbehagen aus bei vielen. Immer wieder versuchen Männer wie Frauen, sie vom Sockel zu stoßen, geradezu zwanghaft grenzen sich jüngere Frauen immer wieder von ihr ab - als ob sie eine Art Muttermord begehen müssten, um die eigene Identität zu finden. Aber es gelingt ihnen nicht, die "Urmutter des deutschen Feminismus" zu überwinden. Sie bleibt auf dem Sockel, und dafür gibt es gute Gründe.

Alice Schwarzer ist eine der ganz wenigen Frauen, die heute noch Sätze formulieren wie: "Wir Frauen sind für Männer das käufliche Geschlecht." Sie zieht ins Feld für den Kampf gegen Pornografie und Prostitution, und ist dafür oft genug beschimpft oder auch belächelt worden. Ist doch gar nicht mehr zeitgemäß. Uncool. Sexarbeit ist doch einfach Arbeit, so wie andere Arbeit auch. Moderne junge Frauen haben nichts gegen Pornos. Sind tolerant, liberal, nicht so altmodische, spaßverderberische Moralapostel. Und schon gar nicht männerfeindlich, was Alice Schwarzer, und der ganzen Frauenbewegung der 70er Jahre, ja immer wieder unterstellt wird. Dabei ist das Blödsinn. Es geht nicht um Männerfeindlichkeit, es geht darum, Zusammenhänge zu sehen. Daran möchten viele Frauen heute lieber nicht mehr erinnert werden. Für die meisten hat das gar nichts mehr miteinander zu tun. Sie fühlen sich emanzipiert und gleichberechtigt. Unterdrückt sind vielleicht die anderen, Zwangsprostituierte aus Osteuropa oder Afrika, aber sie doch nicht. Sie sind doch keine Opfer. Wollen keine Opfer sein. Verständlicherweise. Ist ja auch nicht gut fürs Selbstwertgefühl.

Es nützt nur nichts. Zu glauben, wir bräuchten den "altmodischen Feminismus" nicht mehr, weil wir schon so frei und gleich sind, ist eine Illusion. Und deshalb, so meine These, ist Alice Schwarzer bis heute unentbehrlich. Sie erinnert an die Zusammenhänge, immer wieder. Sie legt den Finger in die Wunde, sie sagt das, was niemand mehr hören will und von dem doch alle wissen, dass etwas wahres dran ist. Es geht dabei oft um Pornografie und Prostitution, um Sex und Gewalt. Aber nicht nur. Dass es mit der Gleichberechtigung nicht wirklich weit her ist, zeigt sich ja in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft natürlich. Dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer (und die meisten sich darüber nicht wirklich empören, weil sie eigentlich finden, dass das angemessen ist, weil sie sich selbst und anderen Frauen immer noch weniger zutrauen), dass typische Frauenberufe regelmäßig zu den schlechtbezahlten gehören, dass Mädchen immer wieder genau diese schlechtbezahlten Berufe wählen - das alles spricht ja nicht gerade dafür, dass alles erreicht wäre auf dem Gebiet der Gleichberechtigung. Wir leben immer noch im Patriarchat, Frauen sind immer noch das andere Geschlecht. Alice Schwarzer weist uns immer wieder darauf hin. Sie erfüllt damit eine Funktion, auf die wir nicht verzichten können. Eine Art Wiederkehr des Verdrängten. Notwendig, solange wir mit dem Thema noch nicht fertig sind. Wir brauchen sie, die Feministin.

16:50 27.03.2012
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Geschrieben von

virginia

Das wird mir alles nicht passieren... (Marlene Streeruwitz)
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