Die Jungskrise

Bildungsverlierer Mädchen sind besser in der Schule als Jungs. Alarm! Aber: warum ist das eigentlich so? Wegen der Übermacht der Frauen in der Grundschule? Keineswegs.
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Jungs gelten ja heute allgemein als schwer benachteiligt. Bildungsverlierer! Kleine Helden in der Krise! Opfer eines "feminisierten" Schulbetriebs, in dem sie nur als Störenfriede wahrgenommen werden. Unsere Frauenministerin hat schon ein "Jungenreferat" eingerichtet, weil sie sich solche Sorgen macht. Mir kam das immer schon ein bisschen merkwürdig vor. Könnte es nicht sein, dass das ganze Gejammer und Geschrei nur damit zu tun hat, dass Jungen und Männer lange existierende Bildungsprivilegien nun endgültig aufgeben müssen? Dass Mädchen sich in Gymnasien und Universitäten ihren Platz erobert haben, was die Konkurrenz natürlich verstärkt?

Tatsächlich ist es ja inzwischen so, dass mehr Mädchen gute Bildungsabschlüsse machen und studieren als Jungen. Jungen sind insgesamt schlechter in der Schule, sie kriegen die schlechteren Zensuren. Die Frage ist nur: warum ist das so? Es liegt mit Sicherheit nicht an der Intelligenz, an den kognitiven Fähigkeiten: Jungs sind keineswegs von Natur aus blöder als Mädchen - allerdings auch nicht schlauer. Was ist es also dann? Bisher gab es da allerlei Erklärungen, die mit der bedrohlichen Übermacht des weiblichen Einflusses argumentierten: die vielen Frauen seien es, denen die Jungs in Kita und Grundschule ausgeliefert seien. Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen würden die Jungs unterdrücken und benachteiligen, bei ihnen hätten in Wirklichkeit nur die Mädchen eine Chance und die Jungs würden von vornherein zu Verlierern gemacht. So richtig überzeugend fand ich das noch nie. Klingt fast wie eine Verschwörungstheorie. Hilfe, der weibliche Einfluss! Der unterwandert die Gesellschaft, dem muss Einhalt geboten worden. Zu denken geben sollte einem in diesem Zusammenhang auch, dass Jungs angeblich schon seit 100 Jahren die schlechteren Schulnoten erzielen - also schon zu Zeiten, als auch in der Grundschule noch männliche Lehrer das Sagen hatten.

Jetzt hat ein (männlicher) Bildungsforscher nicht nur herausgefunden, dass das Geschlecht des Lehrpersonals keine Rolle spielt bei den Schulleistungen der Kinder. Er hat auch gleich eine ganz andere Erklärung angeboten für die unterschiedlichen Bildungserfolge: Jungs sind schlechter in der Schule, weil sie dazu neigen, sich selbst zu überschätzen, ganz einfach. Sie halten sich für schlauer als sie sind, glauben deshalb, sie müssten sich nicht weiter anstrengen, und boings, schon sind die miesen Zensuren da. Mädchen sind da anders. Sie verlassen sich nicht auf ihre natürliche Begabung - sie lernen.

Das wirft natürlich die Frage auf: warum ist das nun wieder so? Und die Antwort darauf ist wirklich deprimierend: Jungs neigen zur Selbstüberschätzung, weil ihre Eltern ihnen das nahelegen. Eltern, das hat der Bildungsforscher herausgefunden, halten Söhne für intelligenter als Töchter. Mütter und Väter. Mädchen strengen sich in der Schule an, weil ihre Eltern ihnen nicht besonders viel zutrauen. Jungs nicht, weil ihre Eltern sie sowieso für begabt halten. Jungs bauen auf ihre natürliche Überlegenheit, Mädchen versuchen, den ihnen unterstellten Mangel durch besondere Bemühungen auszugleichen. So kommt es dann zu den fleißigen Lieschen einerseits, und den faulen Maulhelden andererseits. Alles nur, weil die alte Vorstellung von der natürlichen Überlegenheit des männlichen Geschlechts offenbar so tief sitzt, dass sie völlig unreflektiert weitergegeben wird. Umso wirksamer ist sie dann.

Das erklärt natürlich so einiges, nicht nur das Schulverhalten der Kinder. Es sind ja nicht nur die Mädchen, die sich wenig zutrauen und deshalb glauben, sich immer besonders anstrengen zu müssen. Es sind ja auch die erwachsenen Frauen, die bei jeder Karrierechance zögern und zaudern, die sich siebenundzwanzigmal überlegen, ob sie für einen Job oder auch nur ein Projekt wirklich, wirklich alle Voraussetzungen mitbringen und die geeignete Person sein könnten. Das gleiche gilt für die Politik, für das öffentliche Leben: bis die Frauen ihre Selbstzweifel überwunden haben, haben meist schon längst jede Menge Männer "hier" gerufen. In fast jeder öffentlichen Diskussion, auf jedem Parteitag geben noch immer Männer den Ton an - und warum? Weil die meisten Männer nicht auf die Idee kommen, erstmal zu überlegen, ob ihr Beitrag auch fundiert genug ist, ob er überhaupt wichtig ist, ob sie sich vielleicht blamieren könnten. Die meisten Frauen aber schon.

Ok, es gibt natürlich auch männliche Selbstzweifler. Nicht alle Eltern vermitteln ihren Söhnen, dass sie kleine Genies sind. Und die haben es dann auch nicht leicht. Sie werden auch gern übergangen, sie sind auch fleißig und strebsam und ringen um Anerkennung. Aber mehrheitlich sind es immer noch Frauen, die sich selbst qua Geschlecht für vielleicht nicht ganz gut genug halten und deshalb ganz viel arbeiten müssen, um das auszugleichen. Es gibt immer noch viele Frauen, die es "geschafft" haben und beruflich sehr erfolgreich sind, die nicht ohne Stolz verkünden "als Frau musst du immer besser sein als jeder Mann". Tja. Aber sie kommen anscheinend nicht auf die Idee, dagegen aufzubegehren. Als ob das eine Art Naturgesetz wäre: die Frau ist ein Mangelwesen und muss sich eben verstärkt anstrengen, um überhaupt eine Chance zu haben. Offenbar tun genau das schon die Mädchen in der Grundschule: sie üben sich in Selbstdisziplin und arbeiten hart, um den Anforderungen zu genügen und gute Noten zu erzielen. Die Jungs dagegen (sicher längst nicht alle, aber in der Tendenz), neigen dazu, ihre Nischen des Nutzlosen zu verteidigen, sie verweigern die permanente Anstrengung. Was ja eine durchaus gesunde Reaktion ist, finde ich. Die Mädchen sich offenbar nicht so gut leisten können. Dafür haben sie dann die besseren Noten. Nur, mit der Hypothek des ständigen Selbstzweifels nützen ihnen die im weiteren Leben auch nur bedingt.

Was also tun? Verzweifeln? Es gibt ja, da das Problem nciht ganz unbekannt ist, inzwischen jede Menge Kurse, in denen Mädchen und Frauen selbstbewusstes und mutiges Auftreten beigebracht werden soll, in denen sie toughes Verhalten nach "männlichen Spielregeln" üben und lernen sollen, sich vor allem im Beruf besser zu behaupten. Ich habe da so meine Zweifel. Der Ansatz wiederholt doch letztlich das gleiche Muster: Frauen haben da Defizite, also müssen sie sich ganz doll anstrengen und Kurse besuchen, in denen sie an sich arbeiten.

Noch schlimmer finde ich das ganze inflationäre Gerede und Geschreibe von "starken", "mutigen" oder gar "frechen" Frauen. Das ist doch mehr so eine Art Pfeifen im Walde. Wer soll denn das glauben, welche Frau fühlt sich denn tatsächlich ermutigt davon, dass ihr Geschlecht ständig trotzig behaupten muss, es gäbe aber ganze viele tolle, starke, mutige Frauen? Ich persönlich finde das eher peinlich und fühle mich degradiert zu einer Spezies, bei der es etwas besonderes ist, wenn es mal eine schafft, ganz doll "mutig" zu sein.

Nun gibt es ja aber tatsächlich inzwischen eine ganze Reihe von Frauen, die selbstverständlich erfolgreich sind, in der Politik, in der Wirtschaft, an den Universitäten. Ich vermute, dass das erheblich wirksamer ist als all die Bücher, die unter der Rubrik "freche Frauen" in den Buchläden verkauft werden. Genauso wie die Tatsache, dass inzwischen fast alle Frauen selbstverständlich berufstätig sind. Das Vorbild der Eltern, das haben die Bildungsforscher auch herausgefunden, spielt eine entscheidende Rolle bei der Selbsteinschätzung der Kinder, und bei ihren Berufwünschen. Mädchen, deren Mütter schon in einem eher "männlichen Beruf" arbeiten, haben viel weniger die Neigung, sich auf die typisch weiblichen Berufsfelder zu beschränken. Einfach machen also, mehr auf Chuzpe setzen als auf die ewige Selbstdisziplin. Da lässt sich von Männern in der Tat einiges lernen: erinnert sich noch jemand an den legendär peinlichen Auftritt von Gerhard Schröder nach der verlorenen Bundestagswahl, wie er sich in der Talkrunde wirklich komplett blamiert hat? Tja, und am nächsten Tag, was ist, versteckt er sich schamvoll? Nix da, er tritt vor die Kameras und sagt ohne die geringste Zerknirschung: Doris sagt, das war suboptimal. Das ist alles. Damit ist das für ihn abgehakt. So könnten wir das doch auch einfach mal probieren. Ab und zu wenigsten.s

12:34 08.02.2013
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Geschrieben von

virginia

Das wird mir alles nicht passieren... (Marlene Streeruwitz)
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