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Ich fahre viel mit der Bahn. Und wenn die Züge Verspätung haben, gehe ich aus Langeweile in den Zeitungsladen und gucke mir das Angebot an. Und staune. Warum gibt es eigentlich immer noch so unendlich viele Frauenzeitschriften? Und dazu noch diese Ecken mit den Büchern für "freche" oder "starke" oder was-weiß-ich-für-irgendwie-ganz-tolle Frauen? Für Männer gibts das schließlich nicht. Ok, es gibt ein paar einschlägige Männerzeitschriften, aber ihre Anzahl ist überschaubar. Ansonsten gibt es Blätter, die Rubriken wie "Hobby" oder "special interest" zugeordnet sind. Monothematische Hefte über Computer, Autos, Digitalfotografie, Golf oder Fußball. Oder Briefmarken. Eisenbahnen. Aber sind das Männermagazine? Sie liegen beim Urologen im Wartezimmer, das könnte ein Indiz sein. Aber sie sind kein Äquivalent zu Frauenzeitschriften. Sie funktionieren anders.

Frauenzeitschriften funktionieren im Prinzip alle gleich. Die Zielgruppen sind ein bißchen jünger oder älter, ein bißchen hipper oder biederer. Aber das sind nur Nuancen. Alle wenden sich explizit an Frauen, nur an Frauen (auch wenn manche so tun, als würden sie auch Männer ansprechen wollen, aber das ist nur Show). Und alle beschäftigen sich in ewiger Wiederholung mit den immer gleichen Themen: Mode. Schönheit. Essen. Wohnen. Liebe. Vielleicht Sex. Vielleicht Reisen. Vielleicht ein bißchen Kultur oder die eine oder andere Reportage über eine erfolgreiche Frau in Wirtschaft, Politik oder Kulturindustrie. Aber hauptsächlich geht es immer wieder um Styling-Tips für den Frühling, das Kaschieren von Problemzonen, möglichst unauffälliges Altern oder ewiges Fithalten, um die tollsten Wellnessoasen und Rezepte, die glücklich machen, um konstruktives Streiten und Ideen, wie frau ihr Sexleben auch in einer langjährigen Beziehung noch aufpeppen kann.

Frauen scheinen sowas immer wieder lesen zu wollen. Männer nicht. Genauso wenig wie Bücher, in denen es um "Selbstverwirklichung" geht. Die Art Bücher, die sich deshalb auch nur an Frauen wenden, und denen es darum geht, mit Hilfe von Yoga, Pilates, tollem Sex oder ähnlichen Hilfsmitteln das wahre Selbst zu entdecken und aus eingefahrenen, langweiligen Lebensmustern auszubrechen. Gern findet frau ihre wahre Bestimmung als ayurvedische Köchin auf den kanarischen Inseln oder als Geliebte eines Indianerabkömmlings in der kanadischen Wildnis. Auf jeden Fall geht es um Gefühle, um Sinnlichkeit, oft um das Leben mit der Natur, um den Körper. Und um eine Gegenwelt zu der, in der die meisten von uns leben, Frauen und Männer.

Und das scheint mir der Punkt zu sein. Frauenzeitschriften und Frauenbücher entwerfen, jeweils auf ihre Art, eine andere Welt. Eine private Welt, in der die Zumutungen des Arbeitslebens höchstens am Rande vorkommen. Einen Zufluchtsort oder Schonraum also. Brauchen Frauen also mehr Schonung als Männer, haben sie doch mehr Sehnsucht nach einer altmodischen heilen Welt, nach Häuslichkeit und Kuscheligkeit. Vielleicht. Vielleicht sind Frauen "feige", wie Bascha Mika meint, und neigen zum Rückzug (und sei es nur zeitweise bei der Zeitschriftenlektüre) ins Private, wenn das öffentliche Leben in Politik und Wirtschaft ihnen allzu kalt und erbarmungslos vorkommt. Vielleicht gibt es aber auch noch eine andere Erklärung.

Es ist ja nicht so, dass Männer diesen Schonraum überhaupt nicht bräuchten. Im Gegenteil: sie brauchen ihn dringend und sie erwarten, dass er ihnen zur Verfügung gestellt wird. Dass er hergestellt wird, und zwar von Frauen. Erst von Mama, dann von der Partnerin. Frauen sind zuständig für das Private, immer noch. Sie sind diejenigen, die Geborgenheit und Wärme im trauten Heim nicht nur suchen, sondern auch produzieren. Die Trost spenden sollen und schön sein und sinnlich sein und einfach da sein.

Dieses altbewährte Modell hat Nachteile. Es konnte funktionieren, solange es tatsächlich die klare Trennung gab: der Mann geht hinaus ins feindliche Leben, die Frau ist die Hüterin des heimischen Herdes. Aber nun soll die Frau beides. Und das kostet Kraft. Das kann frau eigentlich gar nicht unter einen Hut kriegen. Da geht unheimlich viel Energie verloren bei dem Versuch, beides zu schaffen, also sich im Beruf und im öffentlichen Leben zu behaupten und gleichzeitig für eine wohlige Atmosphäre zuhause zu sorgen. Und vor allem, die eigenen widersprüchlichen Neigungen auszuhalten und immer wieder neu auszubalancieren: den Wunsch nach Arbeit, Karriere, Unabhängigkeit und den Wunsch nach Geborgenheit und Harmonie, nach einer Flucht aus dieser Welt, in frau ständig kämpfen und sich durchsetzen muss.

Frauenzeitschriften, denke ich, sind einerseits kleine Fluchten. Andererseits tragen sie mit Sicherheit dazu bei, Frauen immer wieder reinzuholen in diese Welt von Wellness, Beauty und kuscheligem Heim. Sie daran zu erinnern, dass sie immer noch in erster Linie "weiblich" bleiben müssen. Und deshalb, im Umkehrschluss, in der "männlichen" Welt da draußen immer ein bißchen fremd.

19:30 12.04.2012
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Geschrieben von

virginia

Das wird mir alles nicht passieren... (Marlene Streeruwitz)
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