Vatertochter

Gesetz des Vaters Wie Frauen und Männer so reden. Beobachtungen aus dem patriarchalischen Alltag.
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So. Und dann ist folgendes passiert. Dann hat der Meyer eigenmächtig entschieden, die ganze Fertigung nach Polen zu verlagern. So. Und das war gut. Das war richtig gut. Damit war der richtig erfolgreich. So. Und der Opitz, der hat dann gedacht, der kann das auch machen. Aber da hat er die Rechnung ohne den Vorstand gemacht. Das kam gar nicht gut an. So. Und dann hab' ich ihm gesagt, pass mal auf, hab' ich ihm gesagt, so geht das nicht. Da musst du... usw. usw. Rhabarber Rhabarber. Wir sitzen gemütlich in der Tapas-Bar, aber wir können uns kaum unterhalten. Es dröhnt und dröhnt am Nebentisch, laut und ohne Pause. Und, hört diesem Gedröhne jemand zu? Aber ja. Die Tochter. Und zwar aufmerksam. Sie nickt beflissen. Sie stellt Fragen. Intelligente Fragen, informierte Fragen. Sie ist vom Fach, wahrscheinlich BWL-Studentin. Und lässt sich von Papa, dem großen Durchblicker, die Welt erklären. Die Welt der Wirtschaft. Der cleveren Geschäftemacher. Und der Versager, natürlich, aber dazu gehört er ja nicht. Er weiß, wie der Hase läuft. Er hat Erfahrung damit, sich durchzusetzen in dieser harten Welt da draußen. Und diese Erfahrung gibt er gerne weiter. Jedenfalls den erfolgreichen Teil. Und natürlich nur, solange das Publikum, also die Tochter, das ganze auch zu würdigen weiß. Sie muss sich schon ein bisschen anstrengen. Gebührendes Interesse zeigen. Genug vom Thema verstehen, um seine herausragenden Qualitäten erkennen zu können. Und diese Voraussetzungen erfüllt sie perfekt - im Gegensatz zur auch dabei sitzenden Ehefrau, die total gelangweilt wirkt und ihm schon lange nicht mehr zuhört.

Aber was bedeutet das alles? Warum macht die Tochter das? Warum ist sie dem Alten so zu Diensten? Hört sich dieses unfassbar dämliche und selbstgerechte Geschwafel an und unterfüttert mit ihrer punktgenauen Aufmerksamkeit sein Überlegenheitsgefühl? Sie ist nicht völlig unterwürfig, das nicht. Das würde ihm aber auch gar nicht so gut gefallen. Sondern sie ist genauso schlau und so stark, wie er das braucht, um sich von ihrer kenntnisreichen Bewunderung gebauchpinselt zu fühlen, ohne sich dabei aber im geringsten bedroht zu fühlen. Sie ist eine Vatertochter. Sie orientiert sich an ihm. Sie misst sich an ihm und an seiner Anerkennung. Sie folgt dem Gesetz des Vaters. Ihre Mutter ignoriert sie. Die zählt nicht. Die spielt gar nicht mit, ist gar nicht Teil der symbolischen Ordnung, um die es hier geht. Die Tochter will die männliche Anerkennung, unbedingt. Und dafür unterwirft sie sich den Regeln des patriarchalischen Spiels, dafür verrät sie die Mutter.


Klar. Sie ist auch nicht die einzige. Denn bei der Mutter ist nichts zu holen. Ihre Anerkennung ist leider nichts wert, unter den gegebenen Umständen. In einer Gesellschaft, in der immer noch mehrheitlich Männer das Sagen haben. Sich mit der Mutter, mit dem Weiblichen, zu identifizieren ist schwierig in einer Gesellschaft, in der das Weibliche nicht viel wert ist. Schlecht fürs eigene Selbstwertgefühl. Also tun Frauen entweder so, als gäbe es diesen Unterschied gar nicht mehr (was auch keine Lösung ist und sich irgendwann immer als Illusion herausstellt), oder aber sie realisieren, wer das Sagen hat und orientieren sich am männlichen Modell. Und stützen damit die männliche Vorherrschaft.


Das muss nicht immer so extreme Formen annehmen wie bei der Vatertochter. Und natürlich ändert es sich auch, ganz allmählich, weil die Mütter immer seltener das Modell "Frau an seiner Seite" wählen und ihm das ganze Feld der Aktion draußen in der Welt überlassen, wo es Ruhm und Ehre zu gewinnen gibt, im Gegensatz zur häuslichen Sphäre. Irgendwann wird es deshalb hoffentlich für Töchter selbstverständlicher und attraktiver werden, sich an Frauen zu orientieren bei ihren Plänen fürs Leben. Und für alle Frauen, andere Frauen ernst zu nehmen, wertzuschätzen und in ihnen Vorbilder zu finden, denen sie nacheifern können. Bis dahin bleibt nur der Vatermord. So wie bei Angela Merkel damals. Den Vater vom Thron stoßen, um sich selbst zu ermächtigen. Am besten natürlich gleich kollektiv. Den Gehorsam verweigern. Das Gesetz des Vaters unterlaufen. Einfach aussteigen aus der patriarchalischen Ordnung. Ein Traum.

13:02 25.06.2012
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Geschrieben von

virginia

Das wird mir alles nicht passieren... (Marlene Streeruwitz)
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virginia

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