Prism, Tempora und Tratsch im Treppenhaus

Spähaffäre Die Spähprogramme US-amerikanischer und britischer Geheimdienste sind die staatliche Ausprägung menschlichen Datenhungers, der im Privaten Neugier heißt.
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Im NDR-Fernsehen wird alljährlich zu Silvester das im Hamburger Ohnsorg-Theater aufgezeichnete Theaterstück "Tratsch im Treppenhaus" gezeigt. Im Mittelpunkt steht eine, von der unvergessenen Heidi Kabel hinreißend gespielte, Klatschtante namens Frau Boldt, die über alles und alle in ihrem Mehrfamilienhaus Bescheid weiß oder zu wissen glaubt und ihre Erkenntnisse unter die Leute bringt.

Dieses Schauspiel erinnert mich daran, dass einige Menschen eine nahezu unstillbare Neugier über das Privatleben ihrer Mitmenschen haben. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass es einigen meiner Mitmenschen nicht ausreicht, sich über mich über meine an anderen Stellen im Internet relativ aussagekräftigen Profile zu informieren. Diese habe ich vor einiger Zeit angelegt, um als relative Person der Zeitgeschichte meinen Mitmenschen einen einigermaßen persönlichen Eindruck von mit zu vermitteln zu versuchen. Man will es ja auch einmal ein bisschen menscheln lassen. Ich dachte, nach diesem extensiven Gebrauch meines Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung von bohrenden Fragen betreffend meine Person verschont zu bleiben, doch weit gefehlt. Danach ging es erst richtig los. Insbesondere Leute, die mir erklärten, dass sie aus Datenschutzgründen keine eigenen Onlineprofile angelegt hätten, wollten Dinge über Zwischenmenschliches, Familiäres und sonstige Vorlieben wissen. Gerade wenn Dritte betroffen sind, gebe ich nichts ohne deren Einverständnis preis. Da dies jedoch nicht immer sofort einzuholen ist, bleibt in der Regel nur die Möglichkeit, ausweichend zu antworten.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wofür Menschen sich wirklich interessieren und dass sie nie genug Informationen bekommen können. In Goethes Faust I heißt es: "Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen." Auch in Zeiten, in denen trotz geheimdienstlicher Spähprogramme Post Privacy diskutiert wird und es nie so einfach war wie heute, ein öffentliches Privatleben zu führen, kann zwischenmenschlicher Wissensdurst nicht gestillt werden. Die Ersatzdrogen Facebook, Twitter usw. wirken nicht.

Vielleicht wird vor diesem Hintergrund ein wenig verständlich, wieso in Deutschland die Diskussion über die Spähprogramme außerhalb der politischen Klasse, den Medien und Netzaktivistinnen und -aktivisten eher weniger geführt wird. Viele unserer Mitmenschen kennen eine Frau Boldt.

23:50 21.07.2013
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