So spricht Abdallah Laroui *über Marokko

Wie hat sich Marokko seit der Unabhängigkeit bis heute entwickelt, und was verbindet diese Realität mit der Vergangenheit des Landes.
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Der scharfsinnige marokkanische Denker Abdallah Laroui hilft uns mit seiner eindrucksvollen Sichtweise die Geschichte zu verstehen.

Will man die Meinung über seine Heimat, die er sich in mehr als einem halben Jahrhundert gebildet hat, wirklich begreifen, muss man sehr viele seiner Artikel und Bücher lesen und analysieren. Nur dann kann man die Probleme, mit denen heutzutage viele Marokkaner tagtäglich konfrontiert sind, nachvollziehen.

Abdullah Laroui ist nicht nur ein Denker und Romanautor sondern auch ein ehemaliger Staatsbediensteter. In seinen Werken betrachtet er die Herausforderungen und Fallstricke, die in Marokko dem Fortschritt und Wandel im Wege stehen, mit viel Fingerspitzengefühl. Laroui sagt über sich selbst: „Ich habe in einigen Absätzen von meinem Buch Die Geschichte Marokkos eine rote Linie überschritten. Die ungerechtfertigten Urteile darin, habe ich jedoch geändert, nachdem ich das Buch mit dem Titel Die Wurzeln des marokkanischen Nationalismus geschrieben habe.“(1)

Der Blick Larouis auf Marokko ist der eines Historikers, der sich an Fakten orientiert und am Detail interessiert ist. Wenn er über die Geschichte Marokkos schreibt, lässt er seine Texte offen für die Interpretationen seiner Leser.

Die marokkanische Gesellschaft stellt ein komplexes System dar und Laroui fügt hier noch eine weitere Vision zu der der Anthropologen oder Sozialwissenschaftler hinzu. Nach seiner Auffassung hat das marokkanische Volk „sich aus Nationen gebildet, die aus drei Richtungen kamen: dem Norden, dem Süden und dem Osten. Und bis heute weiß niemand genau, wann und wie das geschah, trotz der Vorurteile, die wir alle haben.“(2)

Für Laroui hängt der Fortschritt der Völker und Nationen auch mit der Kultur und ihren Konnotationen zusammen. Kultur ist die Nahrung von Geist und Seele und die Basis für die Existenz des Menschen, insbesondere die Volkskultur und Folklore. Der Erhalt der Kultur hält die Kontinuität des Menschen aufrecht. Folklore ist ein Teil der marokkanischen Identität. Die Populärkultur oder Folklore in Marokko ist laut Laroui aus zwei Gründen zurückgegangen: ­„zum einen wegen ihrer Instrumentalisierung durch den Kolonialismus und zum anderen aufgrund ihrer Ablehnung durch die marokkanischen Nationalisten. Die Folklore behielt ihre Originalität nicht bei und konnte sich weder erholen noch erneuern. Im Gegenteil, sie erstarrte und entwickelte sogar Vulgarität.“ (3)

Die Geschichte Marokkos beginnt schon viele Jahrhunderte vor dem französischen Protektorat 1912, und auch danach sind viele bedeutende Ereignisse wichtig, um Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen und richtig einzuordnen. Kann man die heute existierenden Ungleichgewichte in Marokko auf die Tragödien des Kolonialismus zurückführen, oder eher auf die Geschehnisse davor?

Es gibt eine Dialektik zwischen den Fakten und den Konsequenzen. Die Geschichte Marokkos weist schwarze Löcher auf, die das Verständnis erschweren.

Laut Laroui prädestinierte „das Ungleichgewicht im Machtgefüge Marokkos das Land für den Kolonialismus und führte dazu, dass es sich verschloss und in der Hoffnung abschottete, dass die Welt es vergäße, in gleichem Maße wie auch Marokko die Welt vergessen wollte. Zu dieser Zeit eroberte der Sufismus das Herz eines jeden Marokkaners und beeinflusste auch die Politik des Staates. Dies kommt auch in der Bedeutung des bekannten Spruches zum Ausdruck: So viele Dinge haben wir erledigt, indem wir nichts getan haben.“ (4)

Marokko wurde 1956 unabhängig. Damit kamen viele Fragen auf: über die Unabhängigkeit an sich, über die Ziele, die die Führer der nationalen Unabhängigkeitsbewegung hatten und über die Art der Beziehung dieser Führer zum Königspalast zur damaligen Zeit. Parteipolitische Konflikte, die segmentäre marokkanische Gesellschaft und das Scheitern der Elite führten dazu, dass die Reformbewegung nach der Unabhängigkeit die angestrebten Veränderungen nicht weit genug vorantrieb.

Laroui schreibt zum Thema der marokkanischen Unabhängigkeit:

„Wahre Unabhängigkeit, nicht die formale, bedeutet, das marokkanische Individuum von Unterdrückung, Tyrannei der Herrscher des Landes (Majzen) und Ausbeutung der Klassen zu befreien, ob von Marokkanern oder Franzosen, und es ist bekannt, dass ersteres härter und schlimmer ist als das zweite.“(5)

Der Historiker bemerkt, dass „das marokkanische Individuum auch heute noch unter der Geißel der Unterdrückung und Ignoranz leidet, aber die gegenwärtig herrschende Elite des Staates weniger patriotisch ist.“(6)

Jede Gesellschaft kann sich nur mit Meinungsfreiheit hin zur Demokratie entwickeln. Die Geschichte des Rechts auf freie Meinungsäußerung seit der Neuzeit geht mit der Erfindung des Buchdrucks und der Entstehung der Presse einher. Der Journalismus spiegelt den Grad dieses Rechts auf Meinungsfreiheit in der Gesellschaft wider.

Die Entstehung des Journalismus in Marokko war eng mit der Politik verbunden. Als Historiker betrachtet Laroui die Presse in Marokko als „verdorben, voll mit Gerüchten über einzelne Minister oder Berater, ohne die Interessen des Landes zu berücksichtigen. Alles im Namen der Pressefreiheit. Klatsch ist eine Natürlichkeit, die uns innewohnt. Diese Art der Presse nahm ihren Anfang zur Zeit von Sultan Moulay Abdel Hafiz.“(7)(8)

Larouis Texte über Marokko und seine Meinung über die Geschehnisse klingen düster, haben aber nicht zum Ziel, ein dunkles Bild des Landes zu zeichnen, sondern wollen die Strukturen analysieren und klarmachen, dass der Staat seine kulturellen Traditionen neu ausrichten muss.

*Abdallah Laroui ( 7. November 1933) ist ein marokkanischer Denker, Historiker und Schriftsteller. Er gehört zu den meist gelesenen und diskutierten arabischen und marokkanischen Philosophen.

* Autor und Filmmacher in Berlin .

(1) Abdallah Laroui, Istibana (auf Deutsch Fragebogen ), das arabische Zentrum , 3. Auflage, 2016 , S.24

(2) Ibid, S.59

(3) Ibid, S.67

(4) Ibid, S.71

(5) Ibid, S.130

(6) Ibid, S.137

(7) Abdallah Laroui, Morgengedanken (1999-2007), Geliebtes Marokko oder Marokko der Wünsche, Das arabische Zentrum, 1. Auflage , 2015, S.28

(8) Mulai Abd al-Hafiz war Sultan der Alawiden in Marokko von 1908 bis 1912.

22:06 16.03.2021
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