Das Gefängnis der verlorenen Seelen

Moria Wie Schutzsuchende im Flüchtlingslager in Moria stranden und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben in der EU endgültig verlieren
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Während die ganze Welt wegen eines Viruses den Atem anhält, Straßen und Städte wie leergefegt sind und alle Menschen sich zitternd in ihren Häusern verschanzen, gibt es in Moria auf der griechischen Insel Lesbos aktuell 21.000 Menschen, bei denen das Wasser ab 12 Uhr nicht mehr fließt. 21.000 Schutzsuchende in einem Lager, das nur für 2840 Menschen vorhergesehen war. Davon 6500 Kinder, die jünger als 12 Jahre alt sind und unter diesen Kindern nochmal 1150 Kinder, die es ohne Begleitung irgendwie nach Moria geschafft haben. Deren Eltern haben die Flucht zumeist nicht überlebt oder wurden von ihren Kindern getrennt.

Platz und Ressourcen hat das Lager auch nur für 66 unbegleitete Kinder. Was das für Konsequenzen hat, das kann man sich nur schwer vorstellen, gerade wenn man hört, dass Kinder zu ihrem eigenen Schutz teilweise sogar inhaftiert werden.

Laut RSA /PRO ASYL lebt die Hälfte der unbegleiteten Kinder in Großzelten oder sogar auf der Straße. Jeden Tag, bei Wind und Wetter, auch im Winter.

Und ja auch auf Griechischen Inseln, wo der ein oder andere Mal im Sommer hinfliegt um sich von der Sonne am Strand braten zu lassen, wird es im Winter kalt. Um genau zu sein gehen die Durchschnittswerte von Lesbos runter bis auf 6 Grad.

Wer bei 6 Grad im Winter auf dem Boden auf der Straße oder in Zelten schläft, der kommt kaum drum herum, krank zu werden und krank werden in Moria, das will wirklich keiner.

Zugang zu Bildung und zu medizinischer Versorgung wird den Flüchtlingen dort nämlich häufig verwehrt. Laut einer Lager-Bewohnerin wird man dort nur behandelt, wenn man schon Fieber hat. Außerdem hat das Lager viel zu wenige Waschgelegenheiten und durch den engen Kontakt zu den anderen Lager-Bewohnern ist das Epidemie-Risiko besonders hoch.

Die griechische Regierung stellt keinen einzigen Arzt zur Versorgung der Flüchtlinge. Jede ärztliche Versorgung, die sie bekommen, wird durch Hilfsorganisationen geboten. Nachdem die Türkei jedoch die Grenzen nach Griechenland geöffnet hat und rechtsradikale Bürgerinnen und Bürger gegen Hilfsorganisationen und Journalisten vorgegangen sind, sind die Hilfsorganisationen, nach mehreren Angriffen, nun auch abgezogen.

Kinder, die ohne ihre Eltern oder sonstige Begleitung nach Moria gekommen sind, sind besonders verletzlich. Zusätzlich zu ihrem sowieso schon vorhandenen Trauma, sind sie in den Lagern oft noch körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt und benötigen daher umso mehr Schutz. Doch für den Schutz dieser Kinder gibt es in dem Lager einfach nicht genügend Kapazitäten. Rechtliche Vormünder müssen häufig zu viele Fälle auf einmal betreuen und können dadurch ihrer Pflicht, der Sicherung des vorrangigen Kindeswohls, nicht nachkommen.

Diese Kinder sind seelisch besonders gefährdet, haben meist alle Hoffnung verloren und gehen an der Einsamkeit ein. Eine NGO berichtet von Selbstverstümmelung, Selbstmord, Prostitution und Schwarzhandel.

Wer in Moria nicht schon unter Einsamkeit, Trauma und Krankheit leidet, den quält der Hunger. Die Nahrungsversorgung im Lager ist katastrophal. Viel zu oft gibt es unzureichend Nahrung oder sogar ungenießbare Nahrung. Die Verantwortung dafür liegt beim griechischen Militär. Korrupte Generäle nehmen sich von 20% bis zu 40% Provision. Dass das, was übrig bleibt, nicht mehr reicht um die Menschen im Lager zu versorgen, das ist klar.

Nun ist das Lager in Moria ja eigentlich gar nicht als Endplatz, für diese tausenden Menschen gedacht. Sie warten dort nur darauf, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden und bangen darum, nicht zurück in die Türkei oder ihre Heimatländer abgeschoben zu werden, wo die allermeisten ein Kampf ums Überleben erwartet. Kaum vorzustellen, aber das ist für die meisten noch schlimmer, als über Jahre im Lager in Moria zu leben.

Seit Anfang des Jahres gibt es ein neues Asylgesetz der Regierung, welches den Menschen das Asylverfahren jedoch nicht gerade erleichtert.

Die Asylverfahren von Neuankömmlingen werden zwar schneller bearbeitet, jedoch gehen damit auch viele prompte Abschiebungen einher, selbst wenn das Leben des Flüchtlings in seiner Heimat akut bedroht wird. Das Widerspruchsrecht muss innerhalb von 10 Tagen beansprucht werden, doch in einem Lager mit 21.000 Geflüchteten und gerade mal einem zuständigen Anwalt kann man sich ja schon denken, dass einige es einfach nicht schaffen den Anwalt aufzusuchen. Deshalb bieten einige NGOs Infoveranstaltungen zur Rechtshilfe im Lager an.

Das Gesetz verordnet außerdem noch strengere Kontrollen der Hilfsorganisationen und Schließungen von Lagern.

Jean Ziegler sieht in all diesen menschenverachtenden Umständen eine “Strategie der Abschreckung”. Durch gewollt katastrophale Zustände sollen Menschen von der Flucht abgehalten werden. Dies ist jedoch komplett sinnlos, denn Menschen, die ihr Heimatland zur Flucht verlassen, die tun dies bestimmt nicht, weil sie eine Wahl haben. Ihr Leben wird in ihrer Heimat dauerhaft bedroht und für diese Menschen ist jedes Leben besser, als das Leben, aus dem sie fliehen mussten.

Auch wenn einige Griechen nach der Öffnung der türkischen Grenzen ihren Frust auf die Regierung, die EU und die Migranten freien Lauf lassen, so ist doch der Großteil der Griechen auf Lesbos sehr hilfsbereit den Flüchtlingen gegenüber.

Sie wissen, was in Moria vor sich geht und wollen deshalb, dass keine neuen Lager auf Lesbos gebaut werden. Sie wollen, dass die Menschen in Moria registriert und in menschliche Unterkünfte gebracht werden, solange ihr Asylverfahren läuft. Sie wollen, dass die Migranten auf dem Festland untergebracht werden und nicht länger wie Tiere in Lagern leben müssen.

Während die Einwohner der Ägäis-Inseln sich solidarisch verhalten und den Flüchtlingen, die in Moria gestrandet sind helfen wollen, arbeitet die Regierung aktiv gegen Migranten.

So setzte sie zum Beispiel das Asylrecht zeitweise ganz aus, lassen griechische Soldaten mit Tränengas auf Flüchtlinge schießen, wehren sie mit Blendgranaten ab und nehmen ihnen alles, was sie noch haben.

Auch für andere Regierungen scheinen die Flüchtlinge nur noch als Mittel zum Zweck zu dienen, werden zwecks politischer Machtdemonstrationen instrumentalisiert.

So öffnete der Erdogan, der Präsident der Türkei, die türkischen Grenzen offenbar nur, um Druck auf die EU auszuüben, die in seinen Augen die finanziellen Zusagen, die die EU der Türkei im Flüchtlingsabkommen zugesichert hatte, nicht eingehalten hat. Demnach muss die EU der Türkei bis 2025 6 Milliarden Euro an humanitärer Hilfe bereitstellen.

Mit diesem Flüchtlingspakt mit der Türkei wollte sich die EU der Verantwortung entziehen, die sie diesen vielen Schutzsuchenden Menschen gegenüber hat und verstößt damit gegen die internationale Menschenrechtskonvention.

Die Grenze nach Europa ist nun also offen, ein Lichtstrahl der Hoffnung für viele Migranten, doch dieser Lichtstrahl erlischt schnell wieder. In Griechenland werden sie gewaltvoll abgewehrt, nach Istanbul dürfen sie auch nicht zurück. Keiner hilft ihnen, keiner will sie aufnehmen und dabei sind das alles nur Menschen, so wie du und ich, die meist sowieso schon traumatisches erlebt haben. Durch den Krieg, ihre Verfolger, die Flucht und jetzt hier, in unserer schönen Europäischen Union, die doch angeblich für die Förderung des Friedens, der Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und für die Eindämmung von sozialer Diskriminierung sowie der Achtung ihrer reichen kulturellen Vielfalt steht. Wie eine Union, die einst einen Friedensnobelpreis verdient hat, wirkt die EU auf die vielen Schutzsuchenden aktuell wahrscheinlich nicht. Und auf mich tut sie dies auch nicht länger.

Quellen:

https://www.arte.tv/de/videos/094279-014-A/moria-die-grenzen-des-kinderrechtsschutzes/

https://www.youtube.com/watch?v=MAcIhdGvqfw

https://www.arte.tv/de/videos/RC-018543/das-scheitern-der-eu-an-der-tuerkisch-griechischen-grenze/

https://europa.eu/european-union/about-eu/eu-in-brief_de

13:15 16.03.2020
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