Wird Moria zum Corona-Friedhof?

LeaveNoOneBehind Die Evakuierung des Flüchtlingslagers ist dringend notwendig um die Katastrophe abzuwenden.
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Vor Kurzem habe ich schon mal über das Flüchtlingslager in Moria auf Lesbos berichtet. Über die katastrophalen und unmenschlichen Zustände. Anfang März dann ein Lichtblick für viele geflüchtete Kinder: Die deutsche Bundesregierung will 1500 Flüchtlingskinder aufnehmen, die dringend behandlungsbedürftig oder unbegleitet und unter 14 Jahre alt sind.

In Deutschland würde die Kinder endlich ein humanitäres Leben unter menschlichen Bedingungen erwarten.

Schnell war jedoch wieder eine dunkle Wolke aufgezogen, die diesen Lichtblick erlöschen ließ. Das Coronavirus breitet sich weltweit aus und versetzt den Alltag der Menschen in einen Ausnahmezustand. Damit fallen auch die Pläne der deutschen Bundesregierung, zur Aufnahme der Kinder aufs Eis.

Norbert Walter-Borjans, Parteivorsitzender der SPD, erklärt, dass die Aufnahmebereitschaft mehrerer Staaten zwar steht, die Kinder jedoch nicht aus Griechenland “entführt” werden können, wenn für die Abwicklung erforderliche Strukturen derzeit fehlen.

Und das gerade jetzt, wo es doch umso wichtiger wird, die Menschen aus dem Flüchtlingslager in Moria rauszuholen, das Camp endlich zu evakuieren.

Die Lebensbedingungen in Moria verschlechtern sich anhaltend. Erst vor kurzem berichtet die Mission Lifeline auf Twitter, dass die Leute in den Camps in Moria sich selbst überlassen werden, dass NGOs Mitarbeiter abziehen lassen haben, aus Angst angesteckt oder sogar angegriffen zu werden, und die medizinische Versorgung auf ein Minimum reduziert wurde.

Außerdem wurde die Essensversorgung von Kindern und Jugendlichen auf 1000 Kilokalorien pro Tag reduziert und die Trinkwasserversorgung auf 6 Liter pro Familie beschränkt, egal wie groß die Familie ist, die von diesen 6 Litern am Tag leben muss.

Zum Vergleich: Die empfohlene Kalorienversorgung für 7-10 Jährige Kinder beträgt zwischen 1700 und 2000 Kilokalorien pro Tag. Die Kinder sind nun also zusätzlich einer permanenten Unterernährung ausgesetzt.

Weder die Lagerverwaltung, noch die griechischen Behörden tun irgendetwas, um die Schutzsuchenden über Covid-19 zu informieren, geschweige denn sie zu schützen.

Dass Moria ein optimaler Nährboden für Krankheiten ist, ist jedem klar. Vor Toiletten, Duschen und vor der Essensausgabe steht man jeden Tag eng aneinander über mehrere Stunden in Schlangen, es gibt keine Möglichkeit Abstand zu halten. Außerdem gibt es nicht genügend Wasser, um sich die Hände zu waschen. Das Camp ist insgesamt sehr unhygienisch: Es gibt ein großes Müllproblem und hin und wieder bricht irgendwo ein Abwasserrohr ab und flutet das Camp mit menschlichen Fäkalien.

In einem Teil des Lagers kommen 167 Menschen auf eine Toilette und 242 auf eine Dusche. Das sind fünf- bis achtmal so viel, wie von empfohlenen Mindeststandards vorgeschrieben wird. Dazu kommt, dass viele Bewohner des Lagers in Moria bereits ein angeschlagenes Immunsystem haben.

Dass Krankheiten sich in Moria optimal ausbreiten können, spüren die Lager Bewohner auch an den dauernd wiederkehrenden Infektionskrankheiten wie Masern, Meningitis und jetzt auch die Krätze, wie Mission Lifeline mitteilte.

Die ungenügende medizinische Versorgung des Camps schafft es nicht, die Krankheiten aufzuhalten oder überhaupt jeden zu behandeln, der krank ist.

Irgendetwas muss geschehen. Das wissen auch die Schutzsuchenden im Camp, die sich zunehmend allein gelassen fühlen, von der EU, von der UN und jetzt auch von NGOs.

Aus diesem Ansporn ist das “Moria Corona Awareness Team” gegründet worden. Das Team besteht aus Flüchtlingen verschiedener Herkunftsländer, die zusammen etwas tun wollen, um die Ausbreitung des Coronavirus im Camp zu verhindern oder zumindest einzudämmen.

Außerhalb des Lagers versucht das Moria Corona Awareness Team eine Wasserversorgung zu schaffen und Wassertanks aufzustellen. Sie wissen, die schlechte Wasserversorgung im Camp wird extrem dazu beitragen, dass sich das Virus verbreitet.

Zu weiteren Aufgaben, die das Moria Corona Awareness Team erledigt, zählt die gesundheitliche Aufklärung, das Sammeln von Müll, das Verteilen von Plastiktüten, Handschuhen und Masken und das Aushängen von Plakaten, die über das Coronavirus und die empfohlenen Schutzmaßnahmen unterrichten. Sie empfehlen ihren Mitbewohnern außerdem, ihre Zelte oder Container, sowie das Camp möglichst nicht zu verlassen.

Unterstützt wird das Team von der Organisation “Stand by me Lesvos”.

Allerdings kommen auch sie an ihre Grenzen und wissen, dass eine Evakuierung des Lagers dringend notwendig ist. Read AlObeed, ein Mitglied des Moria Corona Awareness Teams erläutert, dass sie in Moria nur darauf warten, wie sie sterben werden. Sie vermissen Mitgefühl und Emotion, das was in Moria geschieht ist unmenschlich und es interessiert die Menschen nicht. Wenn das Coronavirus das Lager erreicht, dann wird das Lager zu einem Friedhof werden. Sie brauchen einen sicheren Ort, an den sie gehen können, sonst warten sie in Moria nur auf ihren Tod.

Eine Evakuierung fordern viele Experten und Politiker. David Sassoli, Präsident des Europaparlaments fordert eine Evakuierung der Risikogruppen aus dem Camp. Die EU Innenkommissarin Ylva Johansson kündigte in einem Aktionsplan an, dass die, die von Corona am stärksten betroffen wären, isoliert werden sollen.

Zu verstehen scheinen sie es, jedoch wurde noch immer nicht gehandelt und wie jeder weiß, zählt während der Coronakrise jeder Tag. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus im Lager in Moria ankommt und sich wie ein Lauffeuer verbreitet.

George Makris, Allgemeinmediziner, war in der Kinderklinik in Moria tätig und koordiniert derzeit Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland. Laut ihm würde das Ausbleiben der Evakuierung sogar dazu führen können, dass die medizinische Versorgung der gesamten Insel zusammenbricht.

Es gibt ein Krankenhaus auf Lesbos, allerdings hat dieses nur eine Handvoll Intensivbetten, so Makris. Sollte nun also Covid-19 im Lager in Moria ausbrechen, so sind die Ärzte in der Lage ein paar mildere Fälle zu behandeln und zu isolieren, doch sollte es zu schwereren Krankheitsverläufen kommen, so “haben wir ein Problem”, erklärt Makris.

Die Lage ist eindeutig, es gibt nur eine Lösung. Das Lager in Moria muss evakuiert werden. Das hätte es schon vor einiger Zeit, aber nun kann man nur noch hoffen, dass die Regierungen nicht zu spät eingreifen werden.

Auch deutsche Politiker reagieren empört auf das Drama von Moria. Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen, hält die ausbleibende Evakuierung der Inseln und das Warten auf die Ausbreitung des Coronavirus für eine “tödliche Politikverweigerung” und auch der Abgeordnete der Linken, Michel Brandt, kommentiert, dass während EU und Bundesregierung Solidarität predigen, Moria weiter abgeriegelt und im Stich gelassen wird. Damit würde Leid und Tod der Menschen billigend in Kauf genommen.

Eine Evakuierung muss passieren, sofort. Moria darf nicht im Stich gelassen werden, denn auch dort leben Menschen mit Rechten und deren Überlebenschancen sind in Moria deutlich geringer als in Deutschland. Wir können nicht darauf warten, dass Moria zu einem Friedhof wird. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und Leben bedeutet nicht, jeden Tag auf dem Friedhof herum zu laufen und nur zu warten, bis der Tod einen selbst holt. Aber das ist die Realität in Moria und das können wir nicht länger zulassen.

Das absurdeste der deutschen Migrationspolitik ist, dass das Städtebündnis “Sicherer Häfen” der “Seebrücke”, das langfristig eine kommunale solidarische Migrationspolitik in deutschen Kommunen gestalten will, mit bundesweit 120 Kommunen, die sich dem Aufruf angeschlossen haben und bereit sind Migranten aufzunehmen, nur von der Bundesregierung blockiert werden. Es gibt also bundesweit Städte, die Platz für Migranten haben und den Menschen aus beispielsweise Moria helfen wollen, können es aber nicht, weil die Aufnahme von Migranten laut der Bundesregierung eine europäische Lösung braucht, bei der sich mehrere EU-Staaten dazu bereit erklären müssten, Migranten aus dem Mittelmeerraum aufzunehmen und die EU-Kommission diesen Prozess koordinieren müsste. Die Bundesregierung hat jedoch die Möglichkeit auch eigenständig zu handeln und Asylverfahren aus Griechenland zu übernehmen, so wie es auch 2015 geschehen ist. Die Bundesregierung weigert sich also bewusst, Migranten aufzunehmen.

Wir haben die Mittel, wir haben den Platz. Wir haben die Verantwortung und die Pflicht zu helfen.

Es gibt die Möglichkeiten, sowohl an die Kindernothilfe (https://www.kindernothilfe.de/weltweit-aktiv/projekte/corona-moria), als auch an Stand by me Lesvos (https://wirkommen.akweb.de/2020/03/wie-die-bewohnerinnen-des-fluechtlingslagers-moria-gegen-das-corona-risiko-kaempfen/) zu spenden und damit das Moria Corona Awareness Team und andere Hilfsorganisationen in Moria zu unterstützen. Das ist das, was wir machen können, um diesen Menschen zu helfen. Und wir können ihnen eine Stimme geben, wir können berichten, informieren und demonstrieren um Druck auf die Regierungen auszuüben, zu handeln. #LeaveNoOneBehind

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/fluechtlingslager-moria-und-das-coronavirus-wenn-man-jetzt-krank-wird-hat-man-pech/25689280.html

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134827.moria-auf-lesbos-mit-corona-allein-gelassen.html

https://www.kindernothilfe.de/weltweit-aktiv/projekte/corona-moria

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/lesbos-sorge-vor-coronainfektion-im-fluechtlingslager-moria-steigt

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/corona-lesbos-fluechtlinge-moria-medizinische-versorgung

https://wirkommen.akweb.de/2020/03/wie-die-bewohnerinnen-des-fluechtlingslagers-moria-gegen-das-corona-risiko-kaempfen/

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-03/koalition-einigt-sich-zur-aufnahme-von-fluechtlingskindern

http://kommunalwiki.boell.de/index.php/St%C3%A4dteb%C3%BCndnis_Sicherer_H%C3%A4fen#Bundesregierung_blockiert

https://seebruecke.org/wp-content/uploads/2019/08/Seebr%C3%BCcke_Dokumentation_Kongress-Sichere-H%C3%A4fen-2019_web.pdf

13:30 31.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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