Schadet das Fernsehen der Demokratie?

Rundfunkbeitrag Würde das Fernsehen der Demokratie schaden, wären Rundfunkbeiträge obsolet. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, können die nachfolgende Fakten ignoriert werden
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung dokumentiert zwischen 1996 und 2015 bei der durchschnittlichen täglichen Sehdauer von überdreijährigen Personen einen Anstieg von 183 auf 223 Minuten, eine Steigerung um mehr als 20% basierend auf einem hohen Niveau, trotz der rasanten Entwicklung, die das Internet im gleichen Zeitrum genommen hat. Damit ist Fernsehen die Freizeitbeschäftigung Nummer eins in Deutschland. Mehr als 24 Stunden pro Woche verbringt der Bundesbürger vor dem Gerät. Wie wirkt sich das auf seine Teilhabe an demokratischen Prozessen aus?

In den letzen 20 Jahren fanden sechs Bundestagswahlen statt. Die Wahlbeteiligung 1994 lag bei 79%, 2013 nur noch bei 71,5%. Bei Landtagswahlen sinken die Wahlbeteiligungen ebenfalls kontinuierlich: In Niedersachsen von 1994 zu 2013 von 73,8% auf 59,7%, in Bayern von 1994 zu 2013 von 67,8% auf 63,9%, in Berlin von 1995 zu 2011 von 68,6% auf 60,2%, in Sachsen von 1994 zu 2014 von 58,4% auf 49,2% usw. Ob West ob Ost, ob Süd ob Nord, ob Flächen- oder Stadtstaat: die Wahlbeteiligungen gehen zurück. Den Negativrekord hält Sachsen-Anhalt mit 44,4% im Jahr 2006.

Wesentlich gravierender ist, dass die Zahl der Parteimitglieder, also der politisch wirklich aktiven Bundesbürger, rapide zurückgeht. Die im Bundestag vertretenen Parteien hatten nach einer Erhebung von Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin Ende 1995 1,816. Mio. Mitglieder, bei der letzten Erhebung Ende 2014 waren es noch 1,185 Mio., ein Minus von knapp 35%.

Die Zahlen sind in ihrem Negativtrend eindeutig. Von einem positiven Effekt durch öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist nichts zu sehen, obwohl zwischen 1992 und 2002 laut 14. KEF-Bericht die Fernseh-Sendeminuten aller öffentlich-rechtlichen Kanäle von knapp 3,4 Mio. auf 10 Mio. stiegen.

Man könnte argumentieren, ohne dafür Beweise zu haben, dass die Sender Schlimmeres verhüten. Nur betrachtet man die Kommunikationsform des Mediums Fernsehen, ergibt sich eine ganz andere logische Schlussfolgerung:

Fernsehen ist ein Medium, das dem Empfänger nur eine passive Rolle lässt. Seine einzige aktive Entscheidung ist die Wahl des Kanals. Um zu verhindern, dass der Zuschauer umschaltet, darf Fernsehen nicht langweilen und nicht schwierig sein. Das bringt eine Oberflächlichkeit mit sich, eine Konzentration auf Unterhaltung. Oberflächlichkeit in der politischen Berichterstattung lenkt den Fokus auf Personen statt auf zu erklärende Sachthemen, Unterhaltung in der politischen Berichterstattung versucht der Politik einen Showcharakter überzustülpen, am einfachsten zu sehen bei den Talk-Shows. Wenn Politik im Fernsehen wie alles Andere unterhalten muss, warum sollte ein Bürger dadurch zu politischer Aktivität angeregt werden? Wählen gehen ist kein unterhaltsamer Akt, politische Arbeit in Parteien eher langweilig oder frustrierend. Da bleibt der Bürger, wie die Zahlen zeigen, lieber der gewohnten Zuschauerrolle treu und lässt sich unterhalten.

Die negativen Trends bei Wahlbeteiligungen und Parteienmitgliedschaften fallen nicht vom Himmel, sie werden durch das Fernsehen als täglich mehrstündig genutztes Medium mindestens mitverursacht, weil dieses Medium die Politik wie alles Andere dem Zwang zur Unterhaltung unterwirft.

Dass die wahre Stärke des Fernsehens die Unterhaltung ist und es tatsächlich seine Zuschauer damit aktivieren kann, lässt sich auf einem anderen Gebiet zeigen.

Im Jahr 1988 gingen die TV-Rechte für die Fußball-Bundesliga an den Privatsender RTL. Die Fußballberichterstattung wurde in eine Show namens Anpfiff integriert und statt nur von drei Spielen wie bei der Sportschau wurde von allen Spielen des Tages Berichte gezeigt. Das sollte sich auch nicht mehr ändern, als danach SAT.1 die Rechte übernahm und sie 2003 wieder bei der ARD landeten. Inzwischen ist die Berichterstattung über Fußball derart ausgeweitet, dass es fast unmöglich ist, einen Fernsehtag ohne Fußball zu erleben. Nachdem die Zuschauerzahlen während der Sportschauzeiten nach einem Zwischenhoch in den 70er Jahren beständig sanken, führte die allumfassende Berichterstattung nicht zur Übersättigung des Publikums, sondern mehr unterhaltsam dargebotener Fußball im Fernsehen bedeutete mehr Zuschauer in den Stadien. In der Saison 1995/96 besuchten 8,9 Mio. Menschen die Spiele der ersten Bundesliga. 2004/2005 waren es bereits 10,8 Mio. und 2014/15 13,3 Mio. Egal welcher Sender die Bundesliga zeigte, die Zuschauerzahlen stiegen.

Fernsehen ist also in der Lage, die Massen zu bewegen - wenn es um Show und Unterhaltung geht. Wenn es um die demokratische Teilhabe der Bürger geht, bedeutet mehr Fernsehen mehr Gleichgültigkeit gegenüber der Politik. Das Fernsehen, ob privat oder öffentlich-rechtlich, schadet der Demokratie. Der Rundfunkbeitrag fördert in großen Teilen der Bevölkerung die Abwendung von der Demokratie, er ist eine Demokratieabgabe.

11:38 30.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 2