Was ist ein Gedicht?

Lyrik Wenn man ein Gedicht vor sich sieht, weiß man, dass es eins ist. Doch versucht man es zu definieren, sitzt man in der Tinte.
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Schuld sind mal wieder die Modernen: Zu groß ist die Variationsbreite von Texten, die Dichter als Gedicht bezeichnet haben. Ich sag nur: Dadaismus.

Die Buchstabengedichte des Dadaismus sind wohl die letzte Zersetzungsstufe des Gedichts, das mal im Barock so wohlgeordnet mit Metrum und Reim war. Doch selbst wenn man nicht ins Extrem geht und nur die freien Verse betrachtet, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als vorherrschende Art, Gedichte zu schreiben, durchgesetzt haben, steht man vor der Frage: Was macht diese Texte zu Gedichten?

Kann man nicht
einen jeden
Satz zerlegen
und bekommt
ein Gedicht?

So sieht’s zumindest aus und Dieter Lamping hat in seiner Minimaldefinition des Gedichts diese Möglichkeit einbezogen. Ein Gedicht ist dann nur noch ein „Text in Versen“.

Text ist einfach alles, was geschrieben steht; Verse (Mehrzahl!) sind gekennzeichnet durch Segmentierungen und Pausen, die vom Normalsprachlichen abweichen, im Normalfall angezeigt durch einen Zeilenumbruch.

Damit sind Prosagedichte genauso aus dem Spiel wie die dadaistischen Buchstabengedichte, die keine erkennbare Versstruktur haben. Der Verlust ist vermutlich zu verschmerzen, doch fängt die Definition vieles ein, was man beim Willen nicht als Gedicht bezeichnen würde. Ich sag nur: Werbeplakate.

AB IN DIE SONNE!

Diesen Slogan hat vielleicht jeder schon auf Werbeplakaten für Reisen gesehen. Er ist kein Gedicht. Warum? Wegen der Mehrzahl, ein Gedicht besteht laut Definition aus mindestens zwei Versen.

AB IN DIE

SONNE!

Das ist ein Gedicht. Der Satz wurde segmentiert und eine zusätzliche Pause eingebaut. Das ist ein Gedicht? Wenn das ein Gedicht ist, dann sind sämtliche Verbotsschilder mit Text, wo der Zeilenumbruch nicht auf Platzmangel in der Breite beruht, Gedichte. Haben die Deutschen aufgrund ihrer Vorliebe für Verbotsschilder den Ruf als Dichtervolk weg? Wohl kaum. Irgendetwas passt hier nicht.

Um noch mal auf das Werbesloganbeispiel zurückzukommen:

AIDS-Werbung

Ab
In
Die
Sonne

Das ist ein Gedicht. Der Titel wäre vernachlässigbar, doch der Dichter zeigt den Pferdefuß des Slogans, indem er den Text so zerlegt, dass er einen neuen Sinn ergibt.. Ist Sinn also eine Komponente, die berücksichtigt werden muss? Nein, dafür sind schon zu viele Gedichte geschrieben worden, die auf Sinn keinen Wert legen.

Was dieses Gedicht vom bloßen Werbetext unterscheidet, ist nur der Anspruch, ein Gedicht sein zu wollen. Das heißt, man erkennt ein Gedicht, wenn man’s vor sich sieht, weil man weiß, dass der Dichter die Absicht hatte, eins zu schreiben. Die Lamping-Defintion beschreibt nur das fertige Objekt, das fertigende Subjekt ist außen vor gelassen. Das mag wissenschaftlich elegant sein, weil es „objektiv“ ist, führt aber zu einer objektiven Überschwemmung mit Gedichten. Die Welt der Literatur oder der Kunst im Allgemeinen ist jedoch ohne Subjekte nicht lebensfähig. Das müsste in einer Definition des Gedichts berücksichtigt werden.

09:44 25.01.2016
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