Licky licky hey!

Vulgär Die Rapperin Lady Bitch Ray trug in Hamburg aus ihrem „Bitchsm“-Manifest vor - in der gewohnten Rolle der Krawallschwester. Doch Feminismus geht anders
Ausgabe 34/2013

Mit halbstündiger Verspätung stampft Lady Bitch Ray in High Heels, im Monokini und einigermaßen im Rhythmus über die Bühne. „Das ist mehr als ein Rap, das ist Aufklärung!“, ruft sie, und: „Wollt ihr wissen, wie man eine Bitch fickt?“

Vor ein paar Jahren tauchte die selbsternannte Rapperin, Aufklärerin und Feministin plötzlich in den Medien auf. Sie probierte verschiedene pornografische Posen aus, stritt sich mit anderen Frauen und überreichte Oliver Pocher ein Fläschchen, angeblich mit Vaginalsekret, bevor sie 2008 wieder gänzlich von der Bildfläche verschwand. Manch einer vermutete, die laute Vulgärlady mit dem unbezähmbaren Geltungsdrang sei der eigenen Inhaltsleere zum Opfer gefallen und einfach verpufft. Falsch. Grund für ihre jahrelange Abstinenz vom Rampenlicht war eine Depression, von der sie sich nur langsam erholte. Nun feiert sie innerhalb des Sommerfestivals auf Kampnagel ihr Comeback.

Ganzkörperhäkelkondom

Reloaded, Lady Bitch Ray 2.0, inhaltlich gepimpt mit einer Doktorarbeit zur Bedeutung des Kopftuchs (für seine Trägerinnen) und einer „feministischen“ Kampfschrift namens Bitchsm. Geht es nach Lady Bitch Ray, die ihr Publikum gerne belehrt und grundsätzlich als Expertin auftritt (und zwar für eine wahre Fülle an Themen: Musik, Migration, Sex, Feminismus, Linguistik, das Leben auf der Straße, Körperpflege, Meditation, Massage, Partnerschaft, Mode), ist die negative Konnotation des Begriffs Bitch ein rein deutsches Phänomen, die Amerikaner hätten das längst positiv umgedeutet, Bitch sei dort in Wirklichkeit gleichbedeutend mit Frau. Das ist Unsinn. Auf den „Slutwalks“, die es erst seit 2011 gibt, pinseln sich demonstrierende Frauen nicht ohne Grund das Wort Bitch auf die Haut. Es ist einer der gebräuchlichsten Kraftausdrücke, aufgrund seiner Geschichte aber auch einer der kompliziertesten.

Der Begriff Bitch ist untrennbar mit der Geschichte des Feminismus verbunden. Die Frauen erschienen auf der politischen Bühne, und mit ihnen drängte die Bitch in den öffentlichen Diskurs. Eigentlich bezeichnet sie eine Hündin; als beleidigender, abwertender Ausdruck für eine Frau tauchte er um 1920 verstärkt auf, just in dem Jahr, in dem die Suffragetten mit der Einführung des Frauenwahlrechts ihren großen Sieg einfuhren. Die bösartige, aufrührerische, schamlose Frau entspricht dem Bild, das die Gegner von den wütenden Feministinnen der ersten Stunde hatten.

Lebensziele und Lebensweisen

Mit der zweiten Welle des Feminismus, die Anfang der sechziger Jahre ins Rollen kam und sich gegen die Reduktion der Frau auf ihre Rolle als Hausfrau, Mutter oder Sexobjekt richtete, stieg der Gebrauch des Wortes erneut signifikant an. 1968 schließlich nahm die Feministin Jo Freeman in ihrem BITCH-Manifest die Bitch in Besitz und definierte sie als Feministin ihres Schlages. Sie bejahte „unweibliche“ Eigenschaften wie Durchsetzungskraft oder den unbedingten Willen, Lebensziele und Lebensweisen selbst zu definieren. Der Begriff blieb im öffentlichen Gebrauch sexistisch.

Zu Beginn der dritten Welle des Feminismus Anfang der neunziger Jahre stand daher die Umdeutung in eine positiv besetzte Bezeichnung, wie das die Gay-Community mit dem Begriff queer vorgemacht hatte, ganz oben auf der Agenda. Das neu gegründete Bitch Magazine von und für forsche, starke Feministinnen erhielt explizit zu diesem Zweck seinen Namen.

Zur gleichen Zeit aber machte noch eine ganz andere Strömung das Wort Bitch populär, der „Gangsta-Rap“, betont vulgär in Sprache und Inhalt, oft über Gewalt gegen Frauen. Der Rapper Bust Down nannte sein 1991 erschienenes Album Nasty Bitch (nasty: ekelhaft, widerlich, hässlich). Die Bitch wurde im Rap inflationär und von männlichen Interpreten überwiegend abwertend verwendet. Immer wieder gab und gibt es Versuche weiblicher Rapperinnen, den Begriff zurückzuerobern, beispielsweise von Roxanne Shanté oder Missy Elliott, um die es aber in den letzten Jahren sehr still geworden ist. In dieser Tradition sieht sich auch Lady Bitch Ray, die, man weiß es nicht genau, zwischen 33 und 36 Jahre alte, in Bremen geborene Tochter türkischer Immigranten. Sie ist eigenen Angaben zufolge seit 1996 Rapperin, hat allerdings nie ein Album veröffentlicht und galt bisher mehr als mediales, weniger als musikalisches Phänomen. Aufregend an ihren Raps sind allenfalls die Texte, in denen sie die Sprache der sogenannten Pornorapper imitiert oder ironisiert.

Zum Begriff der "Bitch"

Lady Bitch Ray darf sich über den exquisiten Rahmen auf dem Sommerfestival Kampnagel freuen. Wie bei ihren früheren Talkshow-Auftritten bedient sie sich verbal, gestisch und ästhetisch der Zeichensprache des chauvinistischen, mit der Pornografie liebäugelnden „Gangsta-Raps“. Sie trägt ihre Gassensprache so weit vor sich her, dass sie ihr fast entschlüpft, und wirft sich mutig von einer grobschlächtigen Sexpose in die nächste, wobei sie genau darin einen gewissen Charme entwickelt, weil sie aus dem Zitieren gar nicht mehr heraus- und dem eigenen Turn- und Sprechprogramm nicht hinterherkommt.

Nach dem ersten Song lässt das Publikum artig zwei Powerpoint-Präsentationen über sich ergehen. Lady Bitch Ray liest vor, was jeder sieht. Im ersten Fall einige unbekümmert aneinandergereihte Behauptungen zum Begriff der Bitch und seiner Geschichte, zum Stand und Zustand der Emanzipation in Deutschland und zu sexuellen Fragen nach dem Motto: Besorgst du’s mir, besorg ich’s dir, oder: Eine Zunge wäscht die andere Möse. Im zweiten Fall eine Zusammenfassung der Doktorarbeit über die Kopftuchträgerinnen, dafür hat sie sich sogar umgezogen, sie trägt nun ein Ganzkörperhäkelkondom, das sie selbstverständlich, wie all ihre Outfits, selber entworfen hat. Kein einziges Kopftuch im Publikum. Nur das wackere Kampnagel-Publikum, das sich erklären lässt, was es ohnehin (diesmal auf Fotos) sieht: dass viele der gezeigten Damen zum Kopftuch westlich modische Kleidung tragen. Dass jede anders ist. „Das reicht nicht!“, ruft plötzlich einer dazwischen. „Bist du ’n Kanake, oder warum bist du so laut?“, ruft Lady Bitch Ray zurück, und Ruhe ist.

Verinnerlichtes negatives Selbstbild

Es läuft ein Song vom Band mit dem eingängigen Text „Steht auf, wenn ihr Fotzen seid! Licky licky hey!“, dann wird das dritte Outfit, ein Bikini – war der nun rot? Jedenfalls blieb auch er in Häkeloptik in Erinnerung – präsentiert und die vier Songs gesungen, die im Repertoire noch vorhanden sind. Das ist ganz lustig, die Bar ist auch geöffnet, und die drei jungen Damen, die neben Lady Bitch Ray auf der Bühne herumtanzen, sind einfach herzerfrischend. „Ich hasse dich“, heiße der nächste Song, kündet Lady Bitch Ray an, er handle von „Terrorweibern“. Sie bezeichnet darin drei bekannte Damen aus der deutschen Musikbranche als Schlampe, Nutte, Hure, die es „in den Arsch besorgt braucht, richtig grob“, als dämliche Friseuse, Pisaopfer mit Hauptschulabschluss und, besonders interessant: als Drecksbitch und Töle, womit bekanntlich eine Hündin, also eine Bitch im ursprünglichen Wortsinn, gemeint ist.

In ihrem BITCH-Manifest von 1968 macht Jo Freeman auf eine große Gefahr aufmerksam, die es zu überwinden gelte: „Wie den meisten Frauen wurde auch den Bitches beigebracht, sich selbst und alle anderen Frauen zu hassen. Ein verinnerlichtes negatives Selbstbild führt zwangsläufig zu Verbitterung und Feindseligkeit. Diese Wut wird entweder gegen sich selbst gerichtet oder gegen andere Frauen. Ein typisches Beispiel dafür, wie Frauen darauf trainiert sind, sich selbst und anderen Frauen wieder und wieder den unterlegenen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen.“ Damit sollte Schluss sein. Wer sich so verhält, macht sich als Feministin unglaubwürdig. Die Figur Lady Bitch Ray und ihr Bitchsm wachse noch, lässt die Krawallschwester am Ende ihres Kampnagel-Auftritts wissen. Hoffen wir’s.

Monique Schwitter ist Schriftstellerin. Ihre Romane und Kurzgeschichten sind bevölkert von ziemlich schrägen Frauen

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