„34 Tage – 33 Nächte“ von Andreas Altmann

Armut Interessantes Projekt, falscher Autor.
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Von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld, wie es im Untertitel des Buches heißt, das klingt vielversprechend. Ich wandere gerne, und Abenteuer, die sich ohne Geld bestreiten lassen, sind mir die liebsten.

Wer mehr als einen Monat ohne Geld unterwegs ist, kann das entweder durch Vorbereitung und Geschick wettmachen, Pilze sammeln, für Speis und Trank arbeiten, bei Freunden und Fremden übernachten oder betteln. Andreas Altmann entschied sich fürs Betteln.

Nun gut, 2004 war es noch nicht so leicht, übers Internet freundliche und hilfsbereite Couchsurfing-Gastgeber zu finden. Und dass er nicht über die Fähigkeiten von Rüdiger Nehberg verfügt, gibt Altmann freimütig zu. Man könnte also Verständnis fürs Betteln haben. Wenn der Autor nicht selbst erwähnen würde, dass er für das Projekt schon den Vorschuss eines Verlags kassiert hat. Da geht also jemand, der gar nicht arm ist, bezahlt von Paris nach Berlin und tut so, wie wenn er arm wäre. Das ist schäbig.

Unverschämt wird es durch die Anspruchshaltung, mit der er dies tut. Altmann porträtiert sich als von allen bürgerlichen Zwängen befreiter Landstreicher, dem die fetten Spießer gefälligst etwas abzugeben haben. Dass die meisten Menschen, denen er begegnet, nicht wie er Vorschüsse für noch nicht erbrachte Arbeit erhalten, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Wenn sich Altmann mit einem „echten“ Obdachlosen gleichsetzt, wird es unverfroren:

Einer bettelt, weil er es bitter nötig hat. Und einer bettelt, weil er dafür bezahlt wird. Von seinem Verleger. Die Motive sind verschieden, die aktuelle Wirklichkeit ist die absolut gleiche: Wir beide hungern (…) Dem Hunger des einen wie dem Hunger des anderen ist es völlig egal, wie es zu dem beißenden Gefühl kam.

Nein, das ist nicht das gleiche. Der eine hungert seit Jahren jeden Tag und ahnt, dass sich sein Leben nicht mehr ändern wird. Der andere weiß, dass nach einem Monat alles vorbei ist und dass er notfalls jemanden anrufen kann, der ihm Geld schickt. Damit wäre zwar das Selbstexperiment gescheitert, aber am selben Abend läge er in einem bequemen Bett und könnte sich ein Steak reinziehen. Auch psychologisch dürfte ein Unterschied bestehen zwischen einem wirklich verzweifelten Bittsteller und einem Schauspieler/Autor, der schon ein Dutzend Bücher veröffentlicht hat und darauf hofft, dass mehr Hunger zu besseren Geschichten führt.

Zugute halten kann man dem Autor, dass er von dem Vorschuss anscheinend tatsächlich keinen Euro mitgenommen hat, denn schon in Paris fängt die Bettelei an. Mitgenommen hat der Kapitalismuskritiker dafür einen Schlafsack, eine Kamera, einen Schrittzähler, ein Radio, Bücher, einen Kompass, eine Buddhastatue, Zigarillos und Pefferspray. Mit solch einem Sammelsurium im Rucksack verliert man eigentlich jede Berechtigung, andere Wohlstandsmerkmale wie Autos, Häuser und Gartenzäune als spießig zu brandmarken.

Apropos Autos, ich mag sie auch nicht. Grundsätzlich und erst recht nicht beim Wandern. Aber wer so dämlich ist, von Paris nach Berlin auf Landes- und Bundesstraßen zu wandern, dem ist nicht zu helfen. Altmann begründet diese Entscheidung wie folgt:

Jetzt ist Erntezeit, jeder Bauer würde mich auf die Mistgabel spießen, wenn ich seinen Weizen niedertrampelte. Zudem kenne ich mich auf dem Land nicht aus, wüsste nicht, wie mich ohne GPS exakt positionieren.

Tja, gegen das Weizenniedertrampeln gibt es so praktische Dinge zwischen den Feldern und in den Wäldern: Wege. Und für die Orientierung gibt es Schilder, Landkarten und Menschen, die man fragen kann.

Auf dem Land gäbe es sogar mal Obst und Früchte. Aber Altmann geht lieber in Bäckereien, Metzgereien und Cafés. Bedienungen, die ihm nichts abgeben, werden schon mal als „Kuh“ bezeichnet. Wenn Altmann persönlich genauso unsympathisch rüberkommt wie im Buch, wundert es mich nicht, dass er manchmal abblitzt.

Zwei Aspekte sind dennoch interessant an dem Buch: Man bekommt einen Eindruck davon, wie unterschiedlich Hilfsbereitschaft ausgeprägt ist. Unter Franzosen und Deutschen, unter Frauen und Männern, unter Jungen und Alten, unter Yuppies im Porsche und Rentnerinnen gibt es hilfsbereite und freundliche Menschen. Und genauso das Gegenteil. Einen bestimmten Typ gibt es nicht. Die besten Passagen sind die, in denen Altmann mit Menschen ins Gespräch kommt. Hier wird selbst der Autor kurz sympathisch, denn immer wenn er sich mit jemandem verquatscht, den er interessant oder beeindruckend findet, vergisst er doch glatt, ihn anzubetteln.

Ich bringe es nicht übers Herz, ihn um Geld anzupumpen. Will diesen Augenblick des Einverständnisses zwischen uns nicht belasten, ihm nicht das Gefühl vermitteln, dass ich nur zuhöre, um anschließend etwas einzufordern.

Wesentlich mehr dieser durchaus interessanten Geschichten von Zufallsbekanntschaften könnte man aber wahrscheinlich ernten, wenn man sich Menschen nicht ungewaschen und bettelnd in den Weg stellt.

Zu weiten Teilen ist das Buch eine Aufzählung von Orten, Cafés, Bettelei, Brot, Käse, Abblitzen, mehr Kilometer, Ausruhen, Hunger, Obdachlosenunterkunft und am nächsten Tag das gleiche. Es liest sich wie unredigierte Tagebucheinträge, wie Spreu und Weizen, die noch nicht voneinander getrennt wurden. Altmann wird nicht müde, über materialistische Spießbürger herzuziehen, aber bei ihm dreht sich alles ums Schlafen, Essen und Geld. Dieser Widerspruch wird dem Autor nicht einmal bewusst.

Zudem leidet das Buch an einem Glaubwürdigkeitsproblem. Um seine angebliche Hilfsbedürftigkeit zu rechtfertigen, scheut Altmann nicht davor zurück, zu lügen. Geschichten von Familienzwist, überstandenen Operationen u.s.w. sollen die Opfer gefügig machen, nähren aber nur Zweifel daran, wie ehrlich der Autor mit uns Lesern ist.

Das Projekt an sich finde ich aber ganz interessant. Deshalb habe ich Deutschland umsonst reloaded: zu Fuß und ohne Geld unterwegs von Harald Braun auf meiner Wunschliste. Hoffentlich ist es besser.

20:14 14.08.2017
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Geschrieben von

Andreas Moser

Nach Abschlüssen in Jura und Philosophie studiere ich jetzt Geschichte, ziehe um die Welt und schreibe darüber.
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Andreas Moser

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