Andreas Moser
13.10.2014 | 13:10 22

Burbach - Ausreden über Ausreden

Flüchtlinge Die Erklärungsversuche für die Flüchtlingsmisshandlungen übersehen oder kaschieren die beiden wirklichen Probleme.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Andreas Moser

Alles was bei den Amerikanern passiert, schwappt nach 5 oder 10 Jahren nach Deutschland, sagte man, bevor das Internet den zeitlichen Abstand zwischen den Kontinenten verkürzte. Von Abu Ghraib bis Burbach hat es dann aber doch volle 10 Jahre gedauert.

https://mosereien.files.wordpress.com/2014/10/burbach-flc3bcchtlingsunterkunft.jpg?w=225&h=300In der dortigen Flüchtlingsunterkunft hat das Wachpersonal Flüchtlinge misshandelt, verprügelt, getreten, gefesselt und wer weiß was noch. Die Täter fanden das – wie einstmals im Irak – fotografierens- und filmenswert sowie, sonst wäre das Ganze nicht an die Öffentlichkeit gekommen, auch verbreitenswert. Die Feiern, bei denen so etwas stolz herumgezeigt wird, will man sich gar nicht vorstellen.

Fotos und Filme zeigen, dass Misshandlungen der Flüchtlinge von einem Großteil des Personals als zu ihrer Aufgabenbeschreibung gehörend empfunden wurde. Zudem tauchen jetzt weitere Fälle, auch in anderen Unterkünften, auf.

Die in Deutschland auch historisch beliebte Einzeltäterthese ist also nicht haltbar. Was macht man, wenn sich niemand dazu bereit findet, durch Exil oder Selbstmord alle Schuld auf sich zu nehmen? Man sucht nach Erklärungen, die sich bei näherer Betrachtung als Ausflüchte oder Ausreden herausstellen.

Die US-Soldaten in Abu Ghraib hatten noch richtige Ausreden für ihr Ausrasten: Krieg, 15 Monate Einsatz in der Wüste, Schusswechsel und Selbstmordattentäter sobald man den Stützpunkt verläßt. Damit kann das Wachpersonal in Nordrhein-Westfalen nicht mithalten, so anstrengend Einzelne die abendliche Heimfahrt auf der A 45 oder das schlechte Fernsehprogramm im Pausenraum auch empfinden mögen.

Reflexartig holt jede Interessensgruppe ihre Erklärungen aus der Schublade:

“Das sind die Auswüchse einer vollkommen fehlgeleiteten, schleichenden Privatisierung der inneren Sicherheit”, sagte Sebastian Fiedler, NRW-Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, und andere Vertreter der Interessen des öffentlichen Diensts stimmen zu. Dass Flüchtlinge und Asylbewerber im Polizeigewahrsam nicht immer höflich oder freundlich behandelt werden und dass sie diese Kontakte manchmal nicht überleben, verschweigt die Polizeigewerkschaft.

Mir leuchtet das Argument mit der Privatisierung nicht ein. Krankenhäuser sind privatisiert, die Post ist privatisiert, der Zugverkehr ist privatisiert, die Lufhansa wurde privatisiert, aber dennoch schlagen und treten Stewardessen, Briefträger und Ärzte niemanden. Nein, an der Privatisierung kann es nicht liegen.

Aus der Gewerkschaftsecke kommt der Hinweis auf niedrige Löhne des Wachpersonals. Das entbehrt ebenfalls jeglichen Zusammenhangs. Noch niemand wurde beim Einkaufen im Supermarkt, beim Friseurbesuch oder an der Imbissbude eingesperrt oder angekettet, obwohl dort Niedriglöhne gezahlt werden. Es gibt durchaus gute Gründe für Mindestlöhne, aber dass Menschen bis 8,50 Euro pro Stunde prügeln und ab 8,51 Euro plötzlich ganz nett zu Afghanen und Somalis sind, kann mir niemand weismachen.

In die gleiche Richtung geht der Erklärungsversuch, die Männer seien mangelhaft ausgebildet gewesen. Der Spruch eines Professors aus dem Jura-Studium kommt mir in den Sinn: “Menschenwürde kann man schwer definieren, aber man erkennt sie, sobald sie verletzt wird.” Wenn täglich der Großteil der Bevölkerung seine Arbeit verrichtet, ohne seinen Kunden oder den ihm anvertrauten Menschen mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten, kann man davon ausgehen, dass es zu dieser Einsicht keiner Schulung oder Ausbildung bedarf. Spätestens mit Abschluss des Kindergartens gehört das zum Allgemeinwissen.

Die Kommunen weisen schließlich noch darauf hin, dass sie überlastet seien und mit der “Flut” an Flüchtlingen vom Bund und der EU allein gelassen werden. Also etwa so wie beim Ausbau von Kindergartenplätzen. Ich bin gespannt, ob Misshandlungen von Kleinkindern, so sie mal bekannt werden, konsequenterweise ebenso entschuldigt werden.

Aber woran liegt es dann? Ich kann zwei Gründe ausmachen:

Zum einen ist es immer gefährlich, Menschen in Uniformen zu stecken und ihnen Schlagstöcke, Pfefferspray und Handschellen zu geben. Unabhängig ob privat oder staatlich, Beamter oder Mindestlöhner, solche Konstellationen sind kein guter Nährboden für humanen Umgang miteinander.

Zum zweiten ist auffällig, dass das Wachpersonal anscheinend erst bei diesem Einsatz aggressiv wurde. Die Hemmschwelle gegenüber nicht Deutsch sprechenden oder dunkelhaarigen und -häutigen Personen war geringer. Das nennt man Rassismus, auch wenn das unangenehmer und komplexer ist als eine wiederaufgewärmte Privatisierungs- oder Mindestlohndebatte. Der Wachdienst in Burbach bezeichnete sich selbst als “SS-Trupp”. Hier schließt sich dann sogar der Kreis von der individuellen zur gesellschaftlichen Verantwortung, denn individueller Rassismus gedeiht besonders gut, wenn in der öffentlichen Debatte Flüchtlinge als Gefahr, als Überforderung, als Last bezeichnet werden, wenn Kommunen oder Stadtteile sich gegen Flüchtlingsheime wehren und wenn Menschen als “Problem” tituliert werden.

Nach dem Folterskandal in Abu Ghraib verhängte ein amerikanisches Militärgericht Haftstrafen gegen die beteiligten US-Soldaten von bis zu 10 Jahren. Das Ordnungsamt Nürnberg hat dem Wachmann, der dem Flüchtling den Stiefel in den Nacken drückt, nach Bekanntwerden der Fotos bescheinigt, dass er zuverlässig sei und weiterhin in diesem Job arbeiten dürfe. Das Ordnungsamt ist übrigens weder privatisiert, noch werden dort Billiglöhner eingesetzt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (22)

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Ehemaliger Nutzer 13.10.2014 | 17:40

Ist es eigentlich für Sie vorstellbar , was es für dieses Land bedeutet immer mehr anwachsenden Zustrom von legalen und illegalen Asyl-u.Flüchtlingen ( heute auf MDR : der Zustrom von illegalen Flüchtlingen nach Thüringen wächst stetig an ) , was das bedeutet , und sind Sie sich eigentlich darüber im klaren was dies tagtäglich an zu bewältigenden Aufgaben , an bürokratischem Aufwand , an Hingabe , Solidarität , Menschlichkeit , Zeitaufwand , Hilfsbereitschaft , an Toleranz und ihrer Bereitschaft dazu , an Verständnissbereitschaft , an finanziellem Aufwand und vielem mehr von einem Land abverlangt wird , um dieses " Riesenwerk " , zu bewältigen ; und können Sie sich villeicht auch nur im Ansatz vorstellen das all dies ( und es ist ja nicht nur Zuwanderung von Asyl u. Flüchtlingen ) , nicht einfach so mit links und mit 40 Fieber zu bewältigen ist , also ich sage Ihnen ehrlich , ich kann mir es gut vorstellen ! Für alle ist dies eine Herausforderung und auch ein Fehlermachen ,( nur kann es uns Deutschen niemand nachsagen daß wir es beim nächsten Mal nicht versuchen es besser zu machen ) , und vorallem für uns ein ständiges Sitzen zwischen zwei Stühlen , denn irgendjemand regt sich immer über irgend etwas auf ! Typen wie diese Wachmänner , ausflippen , aus welchem Grund auch immer , würde ich keinesfalls mit Abbu-Ghraib vergleichen , der Vergleich hinkt !

Ach nun zu meiner anfangs gestellten Frage , ob Sie sich das alles vorstellen können , ein einfaches ja oder nein genügt mir voll und ganz !?

Andreas Moser 13.10.2014 | 18:00

Ein Land mit 80 Millionen Einwohnern und mit unserer Wirtschaftskraft wird doch ein paar Flüchtlinge aufnehmen können. Man sehe sich mal an, wie viele Flüchtlinge in Jordanien, im Libanon oder in der Türkei aufgenommen werden. Ich kann nicht erkennen, wie auch nur einer der von Ihnen angesprochenen Punkte - selbst wenn ich Ihnen zustimmen würde, was ich nicht tue - eine Entschuldigung für körperlische Misshandlungen sein könnte. Auch Eltern sind manchmal überfordert; werden Sie da in Zukunft auch Misshandlungen von Kindern dergestalt entschuldigen wollen?

kenua 13.10.2014 | 18:04

Die Türkei nahm Flüchtlinge aus Syrien auf in der Annahmen, daß diese Menschen bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das geschah nicht. Für diese Menschen wurden keinerlei ernsthafte Unterkünfte besorgt, die verteilten sich bei Bekannten & Verwandten und leben ohne staatliche Hilfe dort. Die ansässige Bevölkerung kritisiert diese Menschen, weil sie als Billigarbeiter die Löhne verderben.

Der Lebensstandard der Flüchtlinge in den Ländern, die Sie aufführen, liegt weit unter dem, der hier geboten wird, und trotzdem zu Protesten führt.

kenua 13.10.2014 | 18:21

Es geht darum, daß den Flüchtlingen in der Türkei so gut wie keine staatlichen Hilfen zukommen, und daß sie unter ganz anderen Absichten aufgenommen wurden.

Deshalb sind diese kein Argument.

Das Verfassungsgericht urteilt nach unseren Standards, in den von Ihnen gelobten Ländern gelten die kaum für die Einheimischen, für die Flüchtlinge schon gar nicht.

Wenn die nur aufgenommen werden, und ihn Zeltlagern notdürtig versorgt werden, kann man das leichter machen, als wenn die mit unserem Standard versorgt werden sollen, wo der für sehr viele Menschen hier kaum mehr geboten werden kann.

Andreas Moser 13.10.2014 | 19:20

Erstens gibt es ja kaum eine andere Möglichkeit, als Urteile des Bundesverfassungsgerichts umzusetzen. Sie sind bindend, keine Empfehlungen oder Vorschläge.

Zweitens ist auch zwei Jahre nach dem BVerfG-Urteil die Umsetzung noch nicht erfolgt. Das BVerfG hatte verlangt, daß die Leistungen "unverzüglich" angehoben werden müssen. Der Gesetzentwurf befindet sich noch immer im Kabinett, wo er von Ministerium zu Ministerium wandert.

Drittens gingen die Ausgangsverfahren auf Sachverhalte von 2007 zurück. Von 2007 bis jetzt haben sich Regierung und Gesetzgeber also geweigert, die AsylbLG-Sätze von 1993 zu erhöhen.

Ich habe also nichts "vergessen zu erwähnen", sondern ich glaube nicht, daß die "Obrigkeit" alles immer sofort richtig macht. Weil sie es nicht tut.

Andreas Moser 13.10.2014 | 19:28

Vielleicht wird man noch sensibler für Einwanderungsfragen wenn man selbst Einwanderer ist, wenn auch woanders.

Vielleicht liegt es auch an der beruflichen Befassung mit der Materie als ich noch als Rechtsanwalt tätig war. Die Kompetenz und Erfahrung gibt man mit dem Grenzübertritt nicht ab.

Und schließlich ist mein Aufenthaltsort für meine Argumente genauso wenig ausschlaggebend wie Ihr Aufenthaltsort für Ihre Argumente. Genauso wie Ihre Argumente nicht schlechter oder besser werden, wenn Sie von Hamburg nach Bayern ziehen oder von der Küche in den Garten gehen, genauso wenig leiden meine Argumente darunter, daß ich derzeit in Rumänien arbeite. "Genetic fallacy" würden wir in der Philosophie so einen falschen Rückschluss nennen.

beyond 13.10.2014 | 20:40

Sehr geehrter Herr Moser,

herzlichen Dank für Ihren Blog, dem ich inhaltlich in allen wesentlichen Punkten zustimme. Ich teile ausdrücklich Ihren Eindruck, daß, mit der Lebenswirklichkeit außerhalb der deutschen Käseglocke einmal konkret in Kontakt zu treten, sehr erhellend sein kann.

Hier schließt sich dann sogar der Kreis von der individuellen zur gesellschaftlichen Verantwortung, denn individueller Rassismus gedeiht besonders gut, wenn in der öffentlichen Debatte Flüchtlinge als Gefahr, als Überforderung, als Last bezeichnet werden, wenn Kommunen oder Stadtteile sich gegen Flüchtlingsheime wehren und wenn Menschen als “Problem” tituliert werden.

Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß fremdenfeindliche und rassistische Ressentiments in diesen Tagen wieder an die (deutsche) Oberfläche treten, unter der sie augenscheinlich, so steht zu befürchten, wohl nur auf eine passende Gelegenheit gelauert haben. Ich bin sehr froh, daß es in Deutschland dennoch weiterhin Menschen gibt, die ein solidarisches Grundverständnis teilen und in Worten wie in Taten anders handeln. Lassen Sie mich bitte auf ein konkretes Beispiel verweisen, von dem ich vorhin erst hörte (http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-aktuell/-/id=660064/sdpgid=990994/140sc53/index.html; ca. Min. 6:00 - 9:50). Auch wenn ich nicht denke, daß die adäquate Versorgung von vor Krieg und Zerstörung nach Deutschland geflohenen Menschen vorwiegend Aufgabe von Privatpersonen sein bzw. werden sollte, so zeigt die Bereitschaft von Menschen wie jenem Herrn Link, daß es glücklicherweise noch Mitbürger gibt, die sich den Sinn für konkrete, unkomplizierte Mitmenschlichkeit erhalten haben.

Und eben, weil es "unangenehmer und komplexer ist als eine wiederaufgewärmte Privatisierungs- oder Mindestlohndebatte", gibt folgender Befund sehr zu denken (http://www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF/GesZiele.html):

"...Unsere Analysen lassen erwarten, dass die Entwicklung menschenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen davon abhängt, wie viele Menschen künftig in unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse geraten, politische Ohnmachtsgefühle empfinden und instabile emotionale Situationen erfahren, kurz: prekären Anerkennungsverhältnissen ausgesetzt sind. In soziologischen Gegenwartsdiagnosen wird neuerdings wieder verstärkt vor einer drohenden gesellschaftlichen Spaltung gewarnt. Dies geschieht nicht ohne Grund, denn die Erfahrung bedrängender sozialer Ungleichheit und des Verlusts von Anerkennung kann zu rabiaten Auffassungen über die Ungleichwertigkeit von "Anderen" führen..."

MfG

Andreas Moser 13.10.2014 | 21:02

Danke!

Ich bin auch entsetzt darüber, was ich im Internet so an Reaktionen sehe. Wenn ganz normale menschliche Reaktionen (Sympathie und Mitleid für den am Boden liegenden, dem jemand auf den Hals tritt) ausbleiben und stattdessen sofort die Schuld beim Opfer oder der Gruppe der Opfer gesucht wird, dann ist auch emotional irgendetwas im Argen.

Natürlich gibt es noch viele hervorragende Einzel- oder kommunale Initiativen, das erfeut einen dann. Ich war gestern auch ganz positiv überrascht von einem Interview mit dem Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der sinngemäß auch sagte, daß wir wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen könnten und daß wir nicht so tun sollten, wie wenn das für ein Land wie Deutschland unbewältigbar sei.

beyond 13.10.2014 | 22:12

Wie konstatiert Minister Gerd Müller zu Recht? "... Wir erleben derzeit eine Herausforderung, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben in der Frage von Vertreibung, Hunger, Elend, Not..." Und mir scheint, wie wir (d. h. sowohl die Regierung einer so potenten Industrienation wie der Bundesrepublik als auch deren einzelne Bürger) mit dieser Herausforderung (außen- und innen-)politisch wie zivilgesellschaftlich umgehen, könnte zum Lackmustest dafür werden, wie zivilisiert wir wirklich sind. Dem amtierenden Entwicklungshilfeminister scheint hinsichtlich der Ausrichtung, des Umfangs als auch der Schwerpunktsetzungen seines Ressorts sowie dessen Einbettung in konkretes internationales Engagement glücklicherweise ein deutlich angemesseneres Selbstverständnis zu Eigen, als seinem Vorgänger Niebel. Es bleibt sehr zu hoffen, daß seine Anregungen in der von ihm erwähnten Brüsseler Bürokratie nicht untergehen...

Herzl. Grüße nach Rumänien und: Va doresc toate cele bune ;-!

G. S.

dame.von.welt 14.10.2014 | 11:47

°Die Türkei nahm Flüchtlinge aus Syrien auf in der Annahmen, daß diese Menschen bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das geschah nicht. Für diese Menschen wurden keinerlei ernsthafte Unterkünfte besorgt, die verteilten sich bei Bekannten & Verwandten und leben ohne staatliche Hilfe dort.°

°Es geht darum, daß den Flüchtlingen in der Türkei so gut wie keine staatlichen Hilfen zukommen, und daß sie unter ganz anderen Absichten aufgenommen wurden.°

Vielleicht möchten Sie sich informieren: How to build a perfect refugee camp

Alica 17.10.2014 | 17:48

Das ist ein sehr lesenswerter Artikel, den Sie hier verlinkt haben. Sehr differenziert, sehr ausführlich. Der lässt nichts aus und wäre es wert, wirklich detailliet zu studieren.

Z.B. den folgenden Absatz finde ich besonders bemerkenswert, weil er neben der vorbildlichen Einstellung, Flüchtlinge so großzügig wie möglich aufzunehmen („What we need as Turks, we give them.“), wird auf der anderen Seite auch nicht verschwiegen, wie hoch die Kosten dafür sind und dass es auch Widerstände in der türkischen Bevölkerung – besonders bei den weniger Privilegierten gibt. (...“but for Turks struggling to make ends meet, the services extended to Syrian refugees might well seem extraordinary“).

»But operating camps this way is expensive. “This has cost them,” Batchelor says. Expenditures at the Kilis camp run to at least $2 million a month. By the end of 2013, the Turkish government had spent $2.5 billion on its Syrian guests, primarily in camps — a figure that has created resentment among Turks. The Turkish official I spoke to acknowledged that there were widespread rumors that the Syrian refugees were given gifts of a million dollars each.

Such rumors are clearly outlandish, but for Turks struggling to make ends meet, the services extended to Syrian refugees might well seem extraordinary. At Nizip II, a container camp that opened 10 months after Kilis, I walked into the beauty salon as a woman was getting a blowout. Free. When I asked the administrator why the camp took the amenities this far, he said: “We just put ourselves in the Syrians’ shoes. We need Internet. We need barbershops. We need workshops. We need art. What we need as Turks, we give them.” He shrugged as though this were totally obvious. “We’re humans.”«

Außerdem wird noch erwähnt, dass die türkische Regierung sich auch ganz bestimmte Vorteile von ihrer Großzügigkeit erwartet (“It needs to be seen in the context of Turkey’s policy to create one integrated market in the Middle East. The Syrians were going to come, and they were going to stay in these camps, and every single one was going to go home and become grand ambassadors of Turkey.”)
Das finde ich einen ganz entscheidender Punkt, der die die These unterstreicht, dass Hilfe eben nicht aus rein altruistischen Motiven geleistet wird.
Dennoch zeigt dieses vorbildliche Flüchtlingscamp in der Türkei sehr schön, was möglich wäre, wenn man nur wollte.

dame.von.welt 18.10.2014 | 09:40

Ich glaube eigentlich, daß die Politik hinter den vorbildlichen Flüchtlingslagern vielleicht auch noch einen weiteren Zweck verfolgen könnte: die türkische Politik macht sich derzeit so große Sorgen um die sinkende Geburtenrate in der Türkei, daß berufstätige Mütter von drei Kindern von der Einkommenssteuer befreit wurden. Ich vermute, daß syrische Flüchtlinge nicht nur als °grand ambassadors of Turkey° andernorts, sondern längerfristig auch als türkische Bürger willkommen sein könnten.

Was die Vorbildlichkeit der türkischen Lager nicht kleinreden soll! Ein Verständnis von Flüchtlingshilfe als reinem Gnadenakt halte ich aber für keinen langfristig gangbaren Weg, da mein Glaube an reinen Altruismus wenig ausgeprägt ist.

Würden Flüchtlinge weit besser versorgt (medizinisch, therapeutisch, juristisch, mit unabhängigen Sprachmittlern), als es derzeit bei uns der Fall ist, würden Kosten (und Folgekosten) längerfristig niedriger sein. Asylverfahren (und die Alimentierung währenddessen) wären kürzer, Flüchtlinge wären besser ausgebildet, bei besserer physischer und psychischer Gesundheit und damit bessere Steuerzahler (das primär für die, deren Zynismus wenigstens noch über Kosten-Nutzen-Rechnungen erreicht werden kann).

Alica 20.10.2014 | 17:11

@ Kenua @ D.v.W.

Die Türkei nahm Flüchtlinge aus Syrien auf in der Annahmen, daß diese Menschen bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das geschah nicht. Für diese Menschen wurden keinerlei ernsthafte Unterkünfte besorgt, die verteilten sich bei Bekannten & Verwandten und leben ohne staatliche Hilfe dort. Die ansässige Bevölkerung kritisiert diese Menschen, weil sie als Billigarbeiter die Löhne verderben.

Ja, genau das passiert laut dem von D.v.W. verlinkten Artikel den sog. "urban refugés" in der Türkei:

»In Turkey, Syrian refugees come on top of an already significant refugee influx. Last year, Batchelor processed applications from more than 60 different countries. Many have been there for at least six years. These refugees do not live in camps. None were built for them. Like more than half the world’s refugees, they are “urban refugees,” or “self settled” refugees, semi-integrated into the population.
Sources of aid exist, but as Kamyar Jarahzadeh, the American representative for the Coordination Group of Afghan Refugees in Turkey, pointed out, it’s “piecemeal and hard to get.” (...) “Most people we see are getting nothing. There’s no centralized effort, and at the end of the day, even if everyone knew about aid, there wouldn’t be enough to go around.”
Urban refugees don’t always have the right to work and can be detained or fined for trying. It can be difficult for them to get health care or schooling for their children. In many ways, they may find themselves living like illegal immigrants, lost between the cracks of refugee policy — and absent from our consciousness. (...)

Es scheint also tendenziell in allen Aufnahmeländern eine sehr große Zurückhaltung geübt zu werden, die Flüchtlinge in die Gesellschaft aufzunehmen. Stattdessen versucht man lieber die Geburtenrate der „eigenen“ Bevölkerung ankurbeln. Und deshalb werden die Flüchtling-Camps, die eigentlich nur eine erste Anlaufstelle sein sollen, für einen Großteil der Flüchtlinge auch zu einer Dauerlösung. So besteht das weltweit größte Flüchtlingslager in Kenia, Dadaab, für Flüchtlinge aus Somalia inzwischen schon über 20 Jahre. Und auch das türkische Vorzeigelager Kilis, das 2012 eröffnet wurde, wird wohl noch mehrere Jahre weiter bestehen, denn keiner geht davon aus, dass der Konflikt in Syrien in absehbarer Zeit beigelgt sein wird.
In Lagern sind die Flüchtlinge eben unter der direkten Kontrolle des Aufnahmestaates und je besser das Lager ausgestattet ist, desto eher bleiben die Flüchtlinge dort, auch wenn dort keiner wirklich gerne lebt – wie es in dem Artikel heißt.

Da stellt sich doch die Frage, welche Gründe wohl dahinterstecken, wenn in den wohlhabenden Staaten dieser Welt allenthalben von Geburtenrückgang und Überalterung die Rede ist und gleichzeitig Flüchtlingen die Aufnahme so schwer gemacht wird. Woran mag das liegen? Rational nachvollziehbar ist das ja nicht wirklich. Steckt schierer Kulturrassismus dahinter? Oder fehlt ganz allgemein das Vertrauen in die Integrations- bzw. Kooperationsbereitschaft von Flüchtlingen?

dame.von.welt 20.10.2014 | 18:06

Zu Dadaab und Kenia (ebenso Tanzania) bleibt zu sagen, daß Flüchtlinge aus Ruanda und dem Ostkongo zu Hundertausenden eingebürgert wurden und zwar ohne die übel geführten Diskussionen, wie wir sie kennen. Beide Länder sind nicht eben wohlhabend oder sorgenfrei zu nennen.

Zu Ihren Schlußfragen glaube ich eigentlich, daß die deutsche Zurückhaltung im Bezug auf großzügigere Flüchtlingsaufnahme (und Einwanderer-Einbürgerung) neben Kulturrassismus, Bequemlichkeit und erwartbar schlechten Erfahrungen mit einer Integration als Bringschuld der Nichtdeutschen auch mit unserer nicht gerade überschäumend gastfreundlichen Kultur zu tun hat. In Deutschland wird einem unerwarteten Besucher nicht mal unbedingt ein Glas Wasser angeboten - das ist bereits südlich der Alpen anders.

Vermutlich gibt es in allen Flüchtlingsaufnahmeländern immer alles. Zur Integration ist aber weniger der Staat (oder gar der UNHCR), sondern die Integrationsbemühungen der Zivilbevölkerung entscheidend - Integration ist immer eine Anstrengung beider Seiten.

Das ist bestens zu sehen an den Vietnamesen in Deutschland: die Südvietnamesen im Westen wurden mit offenen Armen empfangen und als Opfer des Kommunismus bereitwillig integriert. Die Belange der Nordvietnamesen im Osten wurden bei der Wiedervereinigung völlig vergessen, mit u.a. der Folge einer Zigarettenmafia mit blutigen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppen. Auch, wenn die Vietnamesen mittlerweile besonders den arabisch- und türkisch-stämmigen Muslimen als Integrationsüberflieger vorgeführt werden, blieb nichts davon ohne Schmerzen: Der Fleiß und sein Preis.

Integration dauert immer mehrere Generationen. Diese Anstrengung zu scheuen, mag bei Einwanderern vielleicht noch irgendwie legitim sein. Asyl ist aber kein Gnaden-, sondern ein Menschenrecht.