Warum so umständlich?

Mieten In anderen Ländern geht es doch auch lockerer.
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Wohnungsmiete überall auf der Welt:

Man schaut sich die Wohnung an, der Vermieter gibt einem den Schlüssel, man zieht ein und zahlt jeden Monat die Miete. Wenn es ein Problem gibt, ruft man an und bespricht es.

Wohnungsmiete in Deutschland:

Selbst für eine klitzekleine Wohnung müsst Ihr Euch mit Lebenslauf, Empfehlungsschreiben, Kontoauszügen, Arbeitsvertrag, Schufa- und Bundeszentralregisterauszug bewerben. Der Vermieter wird trotzdem darauf bestehen, dass mindestens zwei weitere Personen, am besten die wohlhabenden Eltern, als Bürgen unterzeichnen.

Den Schlüssel bekommt Ihr erst nach Zahlung einer Kaution in Höhe von drei Monatsmieten, der Miete für den ersten Monat, der Anzahlung für Wasser, Strom, Gas, Müllabfuhr und Straßenreinigung sowie dem Abschluss einer Haftpflichtversicherung. Am liebsten hätte der Vermieter noch eine Vollmacht für das Bankkonto.

In der Wohnung sind keine Möbel, oftmals nicht einmal Glühbirnen oder Fußabstreifer. (Wenn Eure Wohnung schon eine Toilette aufweist, habt Ihr den Jackpot geknackt.)

Der Mietvertrag wird von da an Euer gesamtes Leben kontrollieren. Ihr denkt, ich übertreibe hier? Keineswegs, Ihr könnt mir schon glauben, denn ich übersetze oft Mietverträge. Vor kurzem stolperte ich über einen Paragraphen, in dem der Vermieter unmissverständliche Anweisungen darüber gibt, wie oft, wie lange und wie weit die Fenster geöffnet werden müssen.

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Und Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass der Vermieter jeden Tag am Haus vorbeigeht, um Euer vertragsgetreues Verhalten zu überprüfen. Wenn Ihr den Zeitplan nicht genau einhaltet, findet Ihr am nächsten Tag ein Schreiben im Briefkasten, höchstwahrscheinlich von einem Rechtsanwalt und per Einschreiben versandt.

Ehrlich, selbst wenn ich es mir leisten könnte, in Deutschland eine Wohnung zu mieten, ich hätte gar keine Lust darauf. In fast allen anderen Ländern der Welt geht es unkomplizierter zu. Bisher wollten nur zwei Vermieter überhaupt einen schriftlichen Vertrag, in Vilnius und in Mollendo. Und wenn man einzieht, sind Möbel, Teppiche, Waschmaschine und Geschirr schon da.

In La Paz hatte ich eine Wohnung ohne Küche gemietet (aber das wusste ich vorher, es war also kein Problem, und die guten vegetarischen Restaurants waren gleich um die Ecke und günstig: 2-3 Euro für ein Menü mit Getränk, Suppe und Nachspeise). Eines Tages traf mich die Vermieterin im Treppenhaus und fragte, "sag mal, Andreas, hättest Du eigentlich gerne eine Küche?" Naja, ich würde manchmal schon gerne selbst kochen (Kaiserschmarrn!), aber ich wollte natürlich keine Investitionen in Küchengeräte tätigen. "Nein, nein," wurde ich sogleich beruhigt, "wir besorgen das alles für Dich." Mehr zahlen musste ich nicht. Mein Beitrag beschränkte sich darauf, den Herd und den Kühlschrank mit in den dritten Stock zu tragen. - In Deutschland hingegen gibt es Ärger, wenn die Schuhe im Flur stehen.

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09:18 16.11.2019
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Geschrieben von

Andreas Moser

Nach Abschlüssen in Jura und Philosophie studiere ich jetzt Geschichte, ziehe um die Welt und schreibe darüber.
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Andreas Moser

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