Das Monster in mir

Literaturkritik Vladimir Zarev ist einer der wichtigsten Erzähler und Lyriker Bulgariens. Das Lesebuch "Wenn dies die Zeit ist" stellt sein Werk vor
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Die Schatten der Väter können lang und besonders dunkel sein. Das musste auch Vladimir Zarev erfahren, der heute wohl wichtigste Erzähler und Lyriker Bulgariens. Als der damals 22-Jährige 1969 mit einem Lyrikband in seinem Heimatland debütierte, deuteten zwar bereits viele der Verse das immense sprachliche Potential des Jungautors an. Stärker jedoch verstörte es die literarische Öffentlichkeit, dass dieser Schriftsteller eben auch Sohn seines Vaters war, immerhin kein Geringerer als der Vorsitzende des einflussreichen bulgarischen Autorenverbands; Herausgeber der für Studierenden obligatorischen sechsbändigen Literaturgeschichte und nicht zuletzt geschätzter Jagdgenosse des hochverehrten Staatschefs Todor Živkov. Zugegeben, unter diesen Vorzeichen war es nicht allzu kompliziert, im regulierten staatlichen Literaturbetrieb einen Verlag zu finden. Ein Umstand, der Zarev selbst dann noch vorgehalten wurde, als Bulgarien längst der Sozialismus abhandengekommen war.

Da scheint es schon fast eine absurde Pointe, dass ausgerechnet Zarev mit „Razruha“, 2007 unter dem Titel „Verfall“ auch auf Deutsch erschien, einen der wohl wuchtigsten „Wende-Romane“ des gesamten ehemaligen „Ostblocks“ vorlegte. Als Chronist erzählt er darin die Geschichten der Gerissenen und Gebeutelten, die zwischen der aufflammenden organisierten Kriminalität, dem Machtverfall der Nomenklatura und dem ums nackte Überleben kämpfenden Volk lavierend ihren Platz suchten. Eine Geschichte, die nicht zuletzt wegen ihres hochbegabten Erzählers aufgeht und fesselt. Immer wieder geht es dabei um die Frage: Wie wirkt Macht und wie transformiert sie Menschen?

Ein Potential, das auch deutschen Verlagen nicht entgangen ist. Anfang der 2000er Jahre brachten Deuticke und Kiepenheuer & Witsch einige von Zarevs wichtigsten Romanen auf den deutschsprachigen Buchmarkt, mit wenig Enthusiasmus und noch weniger Erfolg. So obliegt es Zarevs langjährigen Übersetzer Thomas Frahm, in seinem Duisburger Chora-Verlag eine aussagekräftige Auswahl von Prosa-Texten, Gedichten und Essays vorzulegen.

Für seine Übersetzung von Zarevs Romantrilogie „Feuerköpfe“ war Frahm auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse gesetzt worden, nun lotst er mit dem Band „Wenn dies die Zeit ist“ kundig durch das Werk eines Autors, der seine Protagonisten mit hartem, aber genauen Strich zeichnet. So erzählt er von Pavel, der seine Geliebte zurücklässt, um den im katatonischen Schweigen eingefrorenen Vater in der Heilanstalt zu besuchen oder von den Vertretern kirchlicher und weltlicher Hierarchien, denen außer den leeren Insignien einstiger Macht nicht mehr viel geblieben ist.

Darunter sind immer wieder Momente grotesker, entlarvender Komik: „In der siebten Klasse, plötzlich und unerwartet, glaubte Simeon eine ganze Stunde lang an den Kommunismus“, das ist gar nicht mal schlecht für einen Schüler, der anstatt einer wenig geschätzten Mathestunde einen leidenschaftlichen Vortrag über den Segen des Kommunismus lauschen durfte. Dermaßen begeistert gibt der hingerissene Schüler dem jugendlichen Agitator ungefragt noch einen Tipp zur Bekämpfung seiner hartnäckigen Akne mit auf den Weg. Ein Rat, der sich nicht unbedingt vorteilhaft auf Simeons zukünftige Schullaufbahn auswirken wird.

Diese ebenso bitterböse, wie amüsante Episode stammt aus Zarevs 2019 veröffentlichten, stark autobiographischen Roman „Čudovištito“ (Das Ungeheuer), in dem sich der Autor den ihm eigenen sezierenden Blick auch auf sich selbst nicht erspart.

Die in dem Band versammelte Lyrik zeigt eine weitere Seite dieses Autors, mitunter filigran ziselierte Verse, die vom genauen Beobachten, vom sich konsequent auf Situationen und Atmosphäre einlassen können zeugen. „Wenn dies die Zeit ist“ bietet mehr als die Begegnung mit einem Autor, der hierzulande bislang nicht über den Rang eines Geheimtipps herausgekommen ist. Dieser Band ermöglicht auch den Blick auf die bulgarische Gegenwartsliteratur, in der es viel zu entdecken gibt, wie gerade auch Vladimir Zarev zeigt.

Vladimir Zarev: Wenn dies die Zeit ist. Lyrik. Prosa. Publizistik. Übersetzt und herausgegeben von Thomas Frahm, 140 S., Chora Verlag Duisburg 19,00 € ISBN 978-3-929634-85-3

22:48 08.02.2021
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