Der Kapitalismus „chillt“ nicht – Problemfall Griechenland

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist schon bedauerlich, dass das Land, welches uns die Demokratie beschert hat, nun am Existenzabgrund steht. Warum eigentlich?

Wüssten Platon und Aristoteles wie es um Griechenland steht, sie würden es für undenkbar halten. Dieses stolze Land, mit all seinen kulturellen Errungenschaften der Antike, die uns so maßgeblich beeinflusst haben; pleite, abhängig, perspektivlos.

Und schon bestätigt sich das gern vorgehaltene Argument des faulen Südländers, der in der Sonne auf seiner Hängematte liegt, während wir fleißigen Deutschen zum wirtschaftlichen Wachstum Europas beitragen. Ach wie schön, dass es Klischees gibt, auf die Verlass ist.

Doch wer so darüber denkt und spricht, der kennt das Land und das Leben der Menschen dort nicht. Wenn man in das eigentlich Griechenland reist (und nicht in Touristenhochburgen wie Rhodos oder Kreta), dort Familien und Freunde besucht, begegnen einem gastfreundliche, fürsorgliche Menschen, die es verstehen Warmherzigkeit und südländische Lebensfreude zu versprühen. Diese Freude das Leben zu genießen und nicht immer nur höher, schneller und weiter zu denken, kommt uns in unserer turbokapitalistischen Welt immer mehr abhanden.

Und genau das ist unser Problem mit den Griechen: Wir sind neidisch, denn sie können noch etwas, was wir nicht mehr können. Doch nun ist Schluss mit geselligen, lauen Sommerabenden bei Uzo, Oliven und Souvlaki. Jetzt ist Zahltag für das „Chillen“.

In der Tat hat Griechenland seit dem Beitritt zur EU schlecht gewirtschaftet und damit das jetzige Problem mit befördert: Korruption, mangelhafte Steuereinnahmen aufgrund von vermehrter Schwarzarbeit, aufgeblähter Staatsapparat mit überflüssigen Funktionsstellen, Fehlinvestitionen usw. Dieses Verhalten, verbunden mit dem Diktat der EU in wirtschaftlichen und politischen Sachzwängen, erzeugte ein Ungleichgewicht, das immer größer wurde und nun in dem finanziellen GAU endete.

Gewiss sind sich die Griechen selbst über ihre Misswirtschaft bewusst. Ihnen jedoch in dieser Situation die Pistole auf die Brust zu setzen wird dem Land nicht helfen. Auch das nun verlangte Sparen bis zur Bewusstlosigkeit ist kein Ausweg - eher blinder Aktionismus.

Was Griechenland braucht sind neue Ideen, um sich zu verändern, zu entwickeln. Gerade die jungen Menschen müssen Perspektiven erhalten, ihr Land gestalten zu können. Das heißt nicht, dass Griechenland sich neu erfinden soll. Es muss sich den verlangten Gegebenheiten der Wirtschaftswelt anpassen, ob es will oder nicht. Doch auch wenn der Kapitalismus kein Freund von geselligen, lauen Sommerabenden ist – auf die sollten die Griechen niemals verzichten.

mr.h-man

19:35 29.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mr.h-man

"Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen." (Hannah Arendt)
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 7