Der Rundfunkbeitrag muss bleiben

Medien Der Rundfunkbeitrag ist umstritten. Er muss reformiert, aber nicht abgeschafft werden.
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Spätestens, seit die Rundfunkgebühr unabhängig von der tatsächlich bezogenen Leistung ist, mehren sich Stimmen, die sich gegen die „staatliche Zwangsgebühr“ richten. Unmut über das unfreiwillige Bezahlfernsehn hat sich im deutschen Rundfunkpublikum breitgemacht. Warum eigentlich? Jeden Abend haben wir die Wahl zwischen sachlichem Polittalk, mehreren Klatschsendungen, importierten Fernsehserien, voyeuristischen Reportagen, reißerischen Dokumentationen und Bildungssendungen zu Themen von Schwarzen Löchern bis zu den alten Ägyptern. Das alles ergänzt um ein breites Angebot in Radio und Internet. Diese Auswahl verdanken wir dem Rundfunkbeitrag. Polittalk, Bildungsfernsehen, Nachrichten ohne Schockeffekte und Boulevard oder Fernsehfilme ohne Werbeunterbrechung sind nur möglich, weil sich nicht der gesamte Rundfunk in Deutschland nach Marktmechanismen richten muss.

Wer sich dem Druck des Marktes beugen muss und Quoten nachjagt, muss auf Knalleffekte setzten. Aber viele Sendungen ohne Knalleffekte – wie Polittalkshows, unbequeme Reportagen und Dokumentation über Spartenthemen – tragen zur Meinungs- und Allgemeinbildung bei. Aber nur, wenn Rundfunkmedien das Risiko eingehen können, kontroverse oder weniger nachgefragte Themen zu bedienen, ohne dadurch Werbekunden oder ihr Publikum zu verprellen, wird es auch so bleiben.

Aber das ist gleichzeitig auch Teil des Problems. Ein Großteil des Unmutes über die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lässt sich wohl mit deren Programmgestaltung erklären. Zum einen die Inhalte, zum anderen die fehlende demokratische Mitbestimmung. Bei den privaten kann das Publikum durch Einschaltquoten – und inzwischen auch Kommentare in sozialen Netzwerken – Einfluss auf das Programm nehmen. Wenn eine Show nicht läuft, wird sie abgesetzt. Die öffentlich-rechtlichen Trennen sich aber nur in Extremfällen von ihren liebgewonnenen Sorgenkindern. Wie schwierig eine solche Trennung sein kann, hat zuletzt die Diskussion um die Absetzung von „Wetten, dass…?“ gezeigt. Denn die Unabhängigkeit von der Quote hat die öffentlich-rechtlichen Bequem gemacht. Sie leiden unter einem typischen Problem, das ohne Wettbewerb aufkommt: dem Innovationsmangel. Es hat sich in dieser Beziehung einiges getan. Sender wie ZDFneo sprechen zunehmend ein Publikum an, welches den öffentlich-rechtlichen bisher entging. Aber um dem Rundfunkbeitrag wieder die Akzeptanz zu verschaffen, welche er verdient, reicht es noch lange nicht.

Bisher stand der Rundfunkbeitrag in Deutschland noch nie wirklich zur Diskussion. Aber das kann schneller gehen, als es den Verantwortlichen lieb sein kann. Darum müssen sie, ob sie wollen oder nicht, stärker auf ihr Publikum eingehen. Die Möglichkeiten dazu sind da. Zwar schlagen sich ARD, ZDF und viele dritte Programme schon recht gut in den sozialen Medien, aber hier und andernorts gibt es noch viel Potential für Mitbestimmung. Auch das Aufnehmen neuer Inhalte wie beliebten Serien oder Filmen, die bisher bei den Privaten zu finden waren, sollte mit dem Gesamtetat der Öffentlichen von über acht Milliarden Euro keine Schwierigkeit sein.

Nur warum sich die Mühe machen und nicht einfach die öffentlich-rechtlichen Sender abschaffen oder verschlüsseln, sollte wirklich eine Mehrheit dafür sein? Ganz einfach: Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen grundlegenden Beitrag zur Allgemeinbildung und politischen Beteiligung darstellt. Informationsvermittlung nach journalistischen Standards und Bildung müssen allen Menschen und vor allem für alle Themen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Sicherlich ist das momentane Modell verbesserungswürdig. Angefangen bei den Inhalten bis zum Pauschalbetrag unabhängig vom Einkommen gibt es einige schwächen. Aber den Rundfunk darf nicht dasselbe Schicksal ereilen, wie es derzeit mit den Printmedien droht. Zu dem sprechen Radio und Fernsehen immer noch ein anderes Publikum an, als das gedruckte Wort. Vor allem die Konsumschwelle ist erheblich niedriger. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen mit YouTube, Snapchat und ähnlichen Angeboten aufwachsen, ist das ein erheblicher Vorteil. In vielen Haushalten läuft der Fernseher oder das Radio nebenher, aber niemand liest einen Text nebenher. Und wenn die öffentlichen Sendeanstalten wieder attraktiver werden, werden sie hoffentlich auch wieder öfter eingeschaltet und können dann ihre Reichweite nutzen. Was wir also brauchen, ist eine grundlegende Reformen des Rundfunkbeitrags, der Partizipationsmöglichkeiten und der Programme. Aber ganz sicher nicht die Abschaffung.

12:11 12.09.2015
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Geschrieben von

Marcel Richters

Schreibt vor allem über Politik und Wirtschaft, aber nicht nur. Immer für kritische Diskussionen zu haben.
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Marcel Richters

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