Im Namen der Volksabstimmung

Porträt Seit zwanzig Jahren ist Werner Küppers Fahrer des OMNIBUS für Direkte Demokratie und eine der Galionsfiguren der ältesten Bürgerinitiative Deutschlands.
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Nass und kalt ist es an diesem Abend im März in Witten an der Ruhr. Regen prasselt gegen die Fenster der gemütlichen Altbauwohnung in der Beethovenstraße. Barfuß sitzt Werner Küppers am Tisch und raucht eine Zigarette. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 70. Geburtstag. Er sieht gut aus, frisch, leicht gebräunt, weißes, halblanges Haar. Es ist keine Koketterie: er wirkt jünger und er fühlt sich auch jünger. Gut vorstellbar, dass das mit einer sinnerfüllten Tätigkeit, umgeben von vielen jungen KollegInnen, die seine Enkel sein könnten, zusammenhängt. Werner Küppers ist Fahrer des OMNIBUS für Direkte Demokratie und eine der Galionsfiguren der ältesten Bürgerinitiative Deutschlands.

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Sein Look zwischen Alt-68er und Bohème ist so stimmig wie das schöne Domizil in der Innenstadt, in der er die Winterzeit verbringt. Viel Kunst umgibt ihn. Hohe Zeitungsstapel und übervolle Bücherregale, Statements auf Plakaten, selbstgeschaffene Bilder. Viele davon stehen auf Notenständern, denn die Kunst will gehört werden. Der erste Eindruck: Werner Küppers ist ein Künstler. Doch er lebt im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs, ist Lebenskünstler und hat sich ganz der Aufgabe verschrieben, kreativ gestaltend auf die Gesellschaft einzuwirken. So theoretisch das klingen mag, Werner Küppers will praktisch anpacken und nicht nur reden.

Den „OMNIBUS für Direkte Demokratie“ fährt er von Frühjahr bis Winter landauf, landab. Gemeinsam mit vielen, ständig wechselnden Mitstreitern der Bürgerinitiative ist Küppers täglich auf den Marktplätzen der Republik im Gespräch mit den Menschen, redet von der Notwendigkeit direkter Demokratie, sammelt Unterschriften für Volksbegehren und engagiert sich vor allem für den großen Traum, Volksabstimmungen auf Bundesebene zu ermöglichen.

Für alle, durch alle, mit allen

„Im Grundgesetz heißt es in Artikel 20, Absatz 2, dass alle Macht vom Volke ausgeht und in Wahlen und Abstimmungen ausgeführt wird. Demokratie kann daher nicht bedeuten, lediglich alle paar Jahre eine Blankovollmacht in eine Urne zu geben. Unsere Stimme ist das was wir haben, um uns zu artikulieren. Wenn wir sie abgeben, haben wir sie nicht mehr. Bei den Menschen hat sich die direkte Demokratie in den letzten dreißig Jahren bereits ihren Weg gebahnt, wovon an die 7000 Bürgerbegehren und Bürgerentscheide auf kommunaler Ebene ebenso zeugen, wie die fast 300 Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheide“ sagt Küppers. „Diese positive Entwicklung sehen wir, die im Sinne einer deliberativen Demokratie ständig im Diskurs mit den Menschen sind, sehr wohl. Nur ist das alles öffentlich und medial kaum sichtbar.“ Küppers findet es daher umso erfreulicher, dass im vergangenen Jahr so ausführlich über das Volksbegehren zur Artenvielfalt berichtet wurde und nun Bewegungen wie Fridays For Future so präsent sind. Hier wird der Wunsch und Wille der jungen Leute, Verantwortung zu übernehmen, deutlich. Die Bereitschaft des Einzelnen, für sich und die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, ist eine entscheidende Voraussetzung direkter Demokratie. In diesem Sinne bezieht sich der Name der Initiative „OMNIBUS“ nicht nur auf den schönen, alten MAN-Doppeldecker, sondern vor allem auf die lateinische Bedeutung „für alle, durch alle, mit allen“.

Am Ende einer langen Saison, während Werner Küppers sein sanguinisch-rheinisches Naturell in einer Vielzahl von Gesprächen ausgelebt hat, ist er immer wieder erfüllt von Eindrücken und Erlebnissen. So zieht er sich im Winter bewusst zurück, verarbeitet meist nachts und oft auf künstlerische Weise das Erlebte. Dabei kommt er zur Ruhe und sammelt Energie für das Frühjahr.

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Ursprung in den Siebzigern

Die Initiative des „OMNIBUS für Direkte Demokratie“ geht auf den Künstler Joseph Beuys zurück. 1971 gründete dieser die "Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung". 1972 installierte er das Büro auf der internationalen Kunstausstellung documenta 5 in Kassel und sprach 100 Tage mit den Besuchern über den „Erweiterten Kunstbegriff“ und die direkte Demokratie. Nach Beuys Tod, 1987, nimmt der erste Omnibus Fahrt auf. Zu jenem Zeitpunkt ist Werner Küppers noch nicht an Bord, hatte allerdings bereits erste Begegnungen mit Beuys und der direkten Demokratie. Anfang der Siebziger ist Küppers, ganz Kind seiner Zeit, rebellisch und politisch bewegt. Die Kindheit am Niederrhein war schwierig. Meist fühlte er sich in der kleinbürgerlichen, katholischen Familie wie ein Fremdkörper. Noch heute kann er weder Ausgrenzung noch Ungerechtigkeit ertragen und reagiert empfindlich, wenn ihn jemand maßregelt oder unangemessen kritisiert.

Als junger Mann in Düsseldorf atmet er endlich frei durch. In den frühen Siebzigern kann man der Popularität Joseph Beuys, der an der Kunstakademie lehrt, nicht entkommen. Als Beuys im Rahmen einer kunstpolitischen Aktion alle Menschen, die sich von keiner zur Wahl stehenden Partei vertreten fühlen, darum bittet, ihm ihre Wahlbenachrichtigungen auszuhändigen, macht Küppers begeistert mit. In diesen Tagen verrichtet er mit Unbehagen seinen Zivildienst. Es ist nicht die Tätigkeit mit den Kindern auf einer Station im Krankenhaus, denn die erfüllt ihn sehr wohl. Vielmehr aber erträgt er die Ungerechtigkeit der sogenannten Wehrgerechtigkeit nicht, weshalb er sich um eine Totalverweigerung bemüht. Auf der Suche nach prominenten lokalen Unterstützern ist es wiederum Beuys, der keine Allüren hat und volles Verständnis für Küppers Anliegen aufbringt. Bereitwillig zieht er 300 Mark aus seiner legendären Anglerweste und drückt sie Werner Küppers zur Finanzierung der Anwälte in die Hand. Ein eindrucksvolles Erlebnis. Fasziniert von der Persönlichkeit Joseph Beuys ahnt er damals noch nicht, welche Bedeutung die Impulse des Künstlers für sein weiteres Leben haben sollten.

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Umbruch und erste Fahrt

Die Jahrtausendwende wird auch für Werner Küppers zur Wende. Inmitten einer tiefen Lebenskrise und großer Unerfülltheit, bittet ihn Brigitte Krenkers, die Mitgründerin des „OMNIBUS für Direkte Demokratie“, bei der Sammlung von Unterschriften für ein bayerisches Volksbegehren zu helfen. Bereits seit einigen Jahren bestehen enge Bande zum Beuys Meisterschüler Johannes Stüttgen, für den Küppers mit seinem Schreib- und Übersetzungsbüro dessen Reden verschriftlicht. Stüttgen, Mitbegründer und intellektueller Kopf der OMNIBUS-Initiative, motiviert zusätzlich bei der Unternehmung mitzumachen. Küppers, der schon länger mit der Initiative sympathisiert, wird klar, dass die Zeit gekommen ist, eine Schwelle zu überschreiten. Menschen auf der Straße anzusprechen, mit Fremden in den Dialog zu treten, bedeutet Neuland für ihn und so tritt er ganz praktisch in den lebendigen Kontakt mit den Menschen, denen er beim Unterschriftensammeln für jenes Volksbegehren begegnet. Das Sinnstiftende dieser Arbeit in Verbindung mit sozial engagierten Menschen bedeutet für ihn einen konkreten Umbruch im Leben und als er erfährt, dass nach jahrelanger Pause wieder ein neuer Omnibus angeschafft werden soll, bewirbt er sich als dessen Fahrer.

Seit zwanzig Jahren ist er nun auf Tour, jedes Jahr in etwa hundert verschiedenen Städten, in Schulen, auf Symposien. Es wäre naheliegend, wenn Küppers nach all den Jahren Ermüdungserscheinungen zeigen würde oder Frustration über die Erkenntnis die Oberhand gewänne, wie mühsam sich Instrumente der direkten Demokratie im bestehenden politischen System etablieren lassen. Doch Werner Küppers ist ein Kämpfer und Überzeugungstäter, ein durchweg optimistischer und energiegeladener Charaktertyp, der sein Anliegen mit großer Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit verfolgt. Er sieht die positive Entwicklung und zehrt von der Erkenntnis, dass den meisten Menschen sehr bewusst ist, wie weit eine repräsentative Demokratie noch vom demokratischen Ideal entfernt ist. Mehr noch, er betrachtet das bestehende Parteiensystem als ein Relikt, das ausgedient hat und einer Erneuerung bedarf. Und er weiß um seinen und den Anteil der OMNIBUS-Initiative, wenn heute alle Parteien, außer der CDU, Vorschläge zu Elementen der direkten Demokratie in ihre Programme aufgenommen haben. Dass im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Menschen das bayerische Volksbegehren zur Artenvielfalt unterzeichnet haben und dieses vom Landtag als Gesetz verabschiedet wurde, manifestiert den Wunsch der Menschen nach mehr direkter Teilnahme.

„Ich bin kein Missionar und der OMNIBUS ist kein Infobus. Vielmehr möchte ich mit den Menschen ins Gespräch kommen“ sagt Küppers. Seine Tätigkeit beim „OMNIBUS für Direkte Demokratie“ ist nicht einfach ein Beruf, sondern Bestimmung und Aufgabe. In der Rückschau erscheint es ihm, als hätte er sich 50 Jahre lang auf diese Aufgabe vorbereitet. Eine Aufgabe, die er als großes Glück für sich empfindet. Und so setzt er sich im Frühjahr wieder hinter das Steuer seines freundlichen, weißen Gefährts und geht auf die Reise. Als Omnibusfahrer im Auftrag der Demokratie, der die Menschen ermutigt, miteinander verbindet und vernetzt.

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22:28 28.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marius Schreiber

Verwurzelt im tiefen Westen. Weltenbürger, Kulturmanager, Musikfreak. Zeitlebens auf der Suche nach Solidarität und Freiheit, Sinn und Verstand.
Marius Schreiber
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