Feiertags-Design in Deutschland

Reformation Das nicht zuletzt touristisch erfolgreiche Reformationsgedenkjahr 2017 könnte eine Verstetigung in einen dauerhaften bundesweiten Feiertag gut vertragen.
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Nehmen Sie Luther. Der hat allein mit dem Wort (solo verbo), mit Überzeugung und einem gewissen Esprit halb Europa eine neue Ordnung gegeben. Und das schon im 16. Jahrhundert. Ohne je ein politisches Amt innegehabt zu haben. Ein Mann des Wortes. Geradezu eine Ikone des mutigen freien Wortes.

Feiertagskultur in Deutschland

Als das welthistorisch einschneidende Ereignis „Reformation“ im Jahr 2017 begangen wurde, war der 31. Oktober bundesweit ein Feiertag. Im Anschluss haben die vier Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen beschlossen, den Reformationstag dauerhaft als gesetzlichen Feiertag beizubehalten. In den fünf östlichen Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen war er das schon seit längerem. Nur nicht in Berlin. So war die Frage aufgekommen, ob auch die Berliner einen neuen Feiertag bekommen sollten.

Herausgekommen ist der 8. März.

Zwar lag zunächst die Idee nahe, ebenfalls den Reformationstag einzuführen. In den heutigentags beliebten Umfragen rangierte der Reformationstag als Wunschtermin der Bürger (unter anderem aus pragmatischen Gründen) auch als Favorit auf Platz eins, doch schließlich wurde ein Aktionstag zur Gleichberechtigung der Frau am 8.3. ausgewählt. Kurzum: Im Schlepptau und Sog des Reformationsjubiläums hat nun also auch Berlin einen weiteren Feiertag erhalten.

Protestanten können sich (nicht nur in Hamburg oder Niedersachsen) da ganz entspannt zurücklehnen.

Luther und die Frauenrechte

Denn an jedem Reformationstag wird ja auch stets implizit großer Errungenschaften der Frauen-Gleichberechtigung und -Gleichstellung mit gedacht und diese mit gefeiert. Man denke an den Schulunterricht für Mädchen, den Luther mit seinen Schulschriften für alle reformatorischen Territorien langfristig einführte, forderte und durchsetzte. Schon allein das ein Meilenstein.

Zudem führte Luther eine einigermaßen vorbildliche Ehe und Partnerschaft (man möge dabei aber bitte nicht ahistorisch eins zu eins nach heutigen Maßstäben urteilen und denken), es gibt rührende Briefe, die Luther an seinen „Herr Käthe“ schreibt. Er ließ sich also auch etwas sagen von seiner Frau, die er „auch nicht für Venedig“ wieder hergeben wollte. In seinem Testament setzt er übrigens seine Frau als Erbin ein. Das war damals überhaupt nicht vorgesehen, quasi völlig „aus der Welt“ – scheiterte allerdings auch posthum entgegen seinem Willen an den damals noch widerstrebenden Kräften und wurde somit wieder „einkassiert“. (Immerhin. Den Versuch hat er unternommen, das wusste ihm lange Zeit auch niemand nachzumachen.)

Ein noch nach Jahren Liebesbriefe schreibender Ehemann

Ein Liebesbriefe schreibender Ehemann (auch noch nach Jahren!): Manche Frau sucht das selbst heute noch in unseren partnerschaftlich gleichberechtigten Zeiten (vergeblich)...

Dass er sich sogar wie selbstverständlich dafür einsetzte, dass sich auch der Ehemann ums Windelnwechseln kümmern kann, um das Kinderhüten, Nachts aufstehen, wenn das Kind schreit, auch da hat Martin Luther Maßstäbe gesetzt und ist vielen auch nach 500 Jahren noch um Lichtjahre voraus.

Also ein weiterer Punkt in dem mehr als reichen „emanzipatorischen“ Vermächtnis Luthers… Auch im Blick auf Frauenrechte schauen Reformationstagsfeiernde somit auf bereits Erreichtes zurück.

Feiertagskultur Berlin

Dass in Berlin die Entscheidung für die Feiertagseinführung nun zunächst auf den 8. März gefallen ist, können Befürworter des Reformationstages vielleicht auch deshalb recht entspannt betrachten, weil in der Hauptstadt bei den Feiertagen ja insgesamt noch „Luft nach oben“ ist. Im Bundesvergleich hinkt man weiterhin hinterher. Eine weitere Angleichung ist hier schon aus Gründen eines verbesserten Länderfinanzausgleiches und einer verbesserten Produktivität zu wünschen. Denn dass den Berlinern nachgesagt wird, jede Gelegenheit zum dufte Party machen zu nutzen, statt zum „Schaffen“, lässt sich ja durchaus psychologisch plausibel schlicht durch das bisherige „zu wenig“ an regulären Feiertagen erklären (!!). Man holt eben werktags nach, was man unterm Jahr an gesetzlich vorgegebenen Feier- und Ruhetagen zu wenig hat. Eine baldige Einführung des Reformationsfeiertages in Berlin könnte hier also ebenso entlastend einerseits wie „kreativitäts“-fördernd im besten Sinne andererseits wirken.

Den Reformationstag als einen staatlichen Feiertag zu haben ist eigentlich schon deshalb naheliegend, weil es in Deutschland über die Jahrhunderte gerade das Luthergedenken war, das eine eigenständige staatliche Gedenk- und Feiertagskultur als solche eben durch das Begängnis der verschiedenen Lutherjubiläen überhaupt erst begründet hat bzw. beförderte. (Das gehört ausführlicher aber an eine andere Stelle.)

Sinn von Feiertagen ist ja, dass sie einen gemeinsamen Zeitrahmen setzen, an dem alle Bürger gleichzeitig freie Zeit und Muße haben. Ein individuell von jedem einzelnen „buchbarer“ „Urlaubstag“, die eine an diesem Datum, der andere an jenem Datum, hat wenig mit der Feiertagsidee zu tun.

Dass jeder Bürger in vollem Umfang jeden Inhalt eines Feiertags jederzeit präsent haben müsste oder würde, ist dabei realitätsfern und utopisch. Manchmal wird gesagt, z.B. bei einer Umfrage, was an Pfingsten denn gefeiert werde, gäbe es sehr „variable“ Antworten. Das ist am 1. Mai oder am 3. Oktober allerdings (in Abstufungen) kaum anders.

Der Reformationstag als staatlicher Feiertag

In den Debatten um die Einführung des neuen Feiertages wurde immer wieder ein Argument wiederholt, dass es sich beim Reformationstag um einen „religiösen“ Feiertag handelt. Das ist aber nur in Teilen richtig. Der Reformationstag ist ebenso mit vollem Recht ein „rein staatlicher“ Feiertag. Denn die Reformation ist, wie schon oft betont wurde, ein gesamtgesellschaftlich bedeutsames Ereignis – auch unabhängig von jedweder „religiösen“ Grundmotivation.

Einige Gründe und Anlässe - in Auswahl - für den staatlichen Feiertag zur Reformation

Freiheit des Wortes und die Öffentlichkeit

Mit ihrem virtuosen Einsatz der damaligen Medien („Gutenberg-Galaxis“) schufen Luther und seine reformatorischen Mitstreiter damals nicht nur einen neuen Raum der öffentlichen Debatte. Sie erschufen zugleich die Öffentlichkeit als Sphäre des Diskurses mit Argument und Gegenargument selbst. (Protestanten haben sozusagen die historischen Copyrights auf die deutsche „Öffentlichkeit“. Wer diese prinzipiell „gefährdet“, sei es aus Überschwang im Umgang mit ganz neuen Medien, sei es in Nachlässigkeit mit alten Medien, muss sich schon deshalb in der Regel eher warm anziehen. – Dass der „Bund der Lutherstädte“ seit 1996 den Lutherpreis „Das unerschrockene Wort“ auslobt, deutet in „stiller Beredsamkeit“ ebenfalls auf diesen Umstand hin.)

Luther und das Gewissen

Indem sich Luther 1521 vor Kaiser und Reich insbesondere auf sein durch ratio und persönliche Glaubensüberzeugung gebundenes „Gewissen“ beruft, popularisiert er nachhaltig eine Instanz, die bis heute eine gute Karriere hat. Abgeordnete sind offiziell „nur ihrem Gewissen“ verpflichtet, Wehrdienstverweigerer konnten später dann aus „Gewissensgründen“ den Sozialdienst wählen…

Luther und die Wissenschaft

Indem Luther generell in allen rechtlichen und ähnlichen Belangen die Vernunft als „geradezu etwas Göttliches“ (divinum quiddam sit) hervorhebt und bezeichnet, grenzt er einen von klerikaler Bevormundung nicht betroffenen (Wissenschafts-)Bereich ab und setzt ihn somit frei. Luther ist durch und durch Universitätsprofessor und Universitätsgelehrter. Nicht von ungefähr entstehen aus der Reformation neue Universitätsgründungen, wie zum Beispiel die Marburger Universität in Hessen.

Luther und die Bildung

Wie schon erwähnt, kommt es unter Luthers Mitwirkung zu einem Aufschwung von Schule und Bildung, so auch zur Einführung einer wichtigen Schulebene zwischen den Elementar-, also sozus. „Grund“-Schulen sowie dem Universitätsstudium: Eine Schulform nämlich, die auf die Uni vorbereitete und hinführte, woraus letztlich das Gymnasium entstand (Beispiel Nürnberg). Luthers Wittenberger Kollege Philipp Melanchthon gilt generell als der Praeceptor Germaniae (Lehrer Deutschlands), der bei den zahlreichen Schulgründungen sowie bei den theoretischen Lehrgrundlagen Maßstäbe gesetzt hat. Auch allein das Thema Wissenschaft und Bildung ein Ozean für einen Feiertag.

Die Reformation und das staatliche Sozialwesen

Schon in den frühen 1520er Jahren werden in Wittenberg und weiterer Umgebung von klerikalem Einfluss unabhängige Kommunal-Kassen etabliert. Aus diesen werden neben städtischen Gehältern ausdrücklich und mit verbindlichem Rechtsanspruch (!) auch die Armen und Bedürftigen vor Ort versorgt, ebenso Stipendien für Schule oder Studium an Kinder aus armen Familien finanziert. Die Wurzel unseres staatlichen Sozialwesens...

Ein Beispiel für gelungenen Religions-Ausgleich

Auch wenn es eine Vielzahl von Gründen für den rein „weltlich“-staatlichen Reformationsfeiertag gibt, komplett ausblenden lässt sich das „kirchlich-religiöse“ Grundmotiv der Reformationszeit freilich bei einem Reformationsgedenken nicht (es besteht auch keine Veranlassung dafür). Auf einen wichtigen Aspekt von 2017 sei dabei noch eigens hingewiesen.

Als im Reformationsjahr 2017 des 500. Jahrestages von Luthers Thesenanschlag gedacht wurde, gab es eine Vielzahl von Versöhnungstreffen, -veranstaltungen, Versöhnungsgottesdiensten auf lokaler wie auf Bundesebene. Das ist in seiner historischen Bedeutsamkeit damals medial kaum gewürdigt worden. Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, wie wir wissen.

Und doch war es so: Es gab diese gemeinsamen Veranstaltungen. Es gab einen gemeinsamen offiziellen Briefwechsel zwischen EKD und katholischer Bischofskonferenz. Aber nicht nur in der Kirchenleitung, auch ganz besonders an der Basis, in unzähligen Gemeinden vor Ort wurde ein ökumenisches Miteinander gepflegt, wieder belebt, neu gestiftet.

Ein gutes Beispiel also für gelungenen Austausch zwischen sich früher recht konträr gegenüberstehenden Religionsparteien. Man muss heute keinem Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft sagen, was solch ein Religionsausgleich positiv bedeutet.

Hier agierten die Veranstalter und Ausrichter des Reformationsjubiläums mehr als vorbildlich. Auch am Reformationstag 2018 wurde dies eindrücklich fortgeführt.

Einen ganz maßgeblichen Beitrag zu dem allem hat Papst Franziskus gegeben. So etwa als er schon 2016 zu einem Treffen mit dem Lutherischen Weltbund nach Lund in Schweden reiste. Aber auch durch viele andere Gesten. Wie ja generell festzuhalten ist, dass es zu einer reformatorischen „Ausgründung“ (wozu man sich im 16. Jahrhundert gedrängt sah) unter einem Papst Franziskus, einem Papst Benedikt XVI. (oder unter einem Papst Hadrian VI.) nicht gekommen wäre oder heute kommen müsste. Dafür waren bzw. sind diese viel zu klug und weitsichtig.

Papst Franziskus verbindet mit Luther zudem zuinnerst die Betonung und Wiederentdeckung der Bedeutung von „Barmherzigkeit“. Auch deshalb sind Protestanten weiter sehr gespannt auf die aktuellen ökumenischen, vielversprechenden Gespräche.

Ein besonderes Interesse des Staates am Reformationsfeiertag

Dass der Staat ein vitales Interesse an solchen positiven Beispielen von Religions-Austausch hat, liegt auf der Hand. Ein weiterer guter Grund für diesen Feiertag.

Heutzutage müssen Protestanten einen Katholiken (in aller Regel) nicht (mehr) fürchten.

Und umgekehrt gibt es wahrlich für Katholiken, noch neben den oben genannten gesamtgesellschaftlichen sehr viele weitere gute Gründe, den Reformationstag zu feiern. Dass etwa Ablässe nicht gegen Geld verhökert werden sollen (das war bekanntlich der Ausgangspunkt für Luthers reformatorisches Erneuerungsbestreben) wurde ja von katholischer Seite später ebenfalls genau so festgelegt (päpstliche Konstitution Quam plenum, 1570). Gerade den 31. Oktober als Symboldatum als solchem sollte also eigentlich jeder Katholik von Herzen bejahen können (Dass es keinen Ablassverkauf geben soll, darin ist man sich vollständig einig!)*.

Wie die heutigentags so beliebten Umfragen in den Jahren 2016, 2017 und 2018 belegten, sind denn auch 70-80 Prozent der Bundesbürger für die bundesweite Einführung des Reformationsfeiertages. Da müssen laut Adam Riese auch sehr viele Katholiken unter den Befürwortern sein…

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* Schon am 31. Oktober 1999 wurde eine weitreichende Gemeinsame Erklärung und Annäherung in wichtigen Fragen zwischen evangelischer und katholischer Seite unterzeichnet.

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Die Reformationstage 2017 und 2018 waren und sind also eindrückliche Beispiele für einen gelungenen Religions-Ausgleich, den sich doch alle wünschen. Doch lasse sich niemand täuschen. Ob der ausbalancierte Status dauerhaft Bestand hat, ist keineswegs ausgemacht und sicher. Manche gefühlte „Friedenspflicht“ kann unter gegebenen Umständen auch wieder „verblassen“. Es ist ja immer dabei auch die Frage, in welchem Geiste man solche Religions-Ausgleiche und -Dialoge pflegt (oder wieder vernachlässigt), führen will und führt. So gesehen ist es leider längst nicht sicher, ob das 2017 mühsam Erreichte dauerhaft so bleiben wird. Ein kostbares Gut! Umso mehr sollte niemand die Gunst der Stunde ungenutzt und leichtfertig verstreichen lassen. Für jede (politische) Ethik ist ja der Faktor Zeit eine ganz wesentliche Komponente...

Es ist deshalb schön und ermutigend, dass der Berliner katholische Erzbischof Koch sich in Berlin für die Einführung des Reformationstages ausgesprochen hat. Er hat dabei u.a. auch auf die große Bedeutung Luthers für die Entwicklung der deutschen Sprache hingewiesen. Auch dies ein weiterer guter Grund, aus staatlicher Sicht, den Reformationstag bundesweit zu begehen.

01:10 14.03.2019
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